Mittwoch, 12 Uhr. Es ist Mittagszeit in der «arwo»-Werkstatt. Beim Gang durch den Speisesaal begrüssen einen die Bewohner mit freundlichen und neugierigen Blicken. Ein Lachen sticht besonders aus der Menge heraus: Es ist das von Jürg. Der 63-Jährige ist einer von vielen geistig Beeinträchtigen, die zu «insieme Region Baden-Wettingen» gehören. Ihn verbindet etwas Besonderes mit der Behindertenorganisation: Sein Vater war es, der fast auf den Tag genau vor 50 Jahren die Sache auf die Beine stellte.

Durch die Initiative von Werner Ehrensberger und seinem Freund Robert Brunner entstand am 30. Oktober 1967 die «Vereinigung zur Förderung Behinderter Baden-Wettingen» — heute bekannt unter dem Namen «insieme Region Baden-Wettingen». Die Vereinigung wuchs im Verlauf der fünf Jahrzehnte und ist heute mit rund 480 Mitgliedern die grösste «insieme»-Organisation des Kantons. Mit ihrem Freizeit-, Ferien- und Bildungsangebot setzt sie sich für Menschen mit Behinderung ein. «Wir möchten ihnen ein Leben mitten unter uns ermöglichen», sagt Geschäftsleiterin Ursula Steiner.

Was passiert nach der Schule?

Rückblick: Werner Ehrensberger zog im Jahr 1964 mit seiner Frau und den drei Söhnen Urs, Jürg und Heinz nach Wettingen. Die Familie hatte zuvor gleich mit zwei Schicksalsschlägen zu kämpfen: Urs und Jürg trugen von der Geburt aufgrund eines Sauerstoffmangels eine geistige Behinderung davon. Doch das Ehepaar setzte sich stets stark für die Integration ihrer Söhne ein, auch in ihrem neuen Wohnort Wettingen.

Damals konnte man im Dorf von einer Behindertenorganisation in heutigem Ausmass nur träumen. «Als wir die Wettinger nach einer Einrichtung für Behinderte fragten, zuckten viele nur mit den Schultern», erinnert sich der 87-Jährige. Was es bereits gab, war die Heilpädagogische Schule (HPS), die bis heute besteht und geistig behinderte Kinder bis zum Ende der Oberstufe unterrichtet. «Die Frage stellte sich, was nach der Schule passiert.»

Ehrensberger ergriff deshalb zusammen mit seinem Freund Robert Brunner die Initiative und gründete 1967 mit fünf weiteren Eltern die «Vereinigung zur Förderung Behinderter Baden-Wettingen». Gemeinsam errichteten sie zwei Jahre später die «Werkhilfsschule», an der den Jugendlichen handwerklich-technische Fertigkeiten gelehrt wurden. Um ihren Kindern nach der Ausbildung auch einen Arbeitsplatz zu garantieren, entstand die Idee einer Behinderten-Werkstatt. 1974 riefen sie so das Arbeits- und Wohnzentrum (AZW) ins Leben — der Grundstein für die «arwo»-Stiftung war gelegt. Heute wohnen 116 Menschen in den «arwo»-Häusern und 279 nutzen das Arbeitsangebot der Stiftung.

Während die Stiftung für das Arbeiten und Wohnen zuständig war, konzentrierte sich die Vereinigung nun auf die Abdeckung eines Freizeitangebots. Die Namensänderung zu «insieme Region Baden-Wettingen» folgte dann einige Jahre später, als sich der Vorstand für den Beitritt zu «insieme Schweiz», der Dachorganisation der Elternvereine für Menschen mit einer geistigen Behinderung, entschied. «In manchen Dingen wie politischen Abstimmungen kann man gemeinsam mit anderen Vereinen viel mehr erreichen», erklärt Ursula Steiner.

In den Anfängen wurde die Vereinigung mit Altpapiersammeln und Basars finanziert. «Da das IV-System noch neu war, konnten wir nicht auf die finanzielle Unterstützung des Staats zählen», sagt Werner Ehrensberger. Dafür hätten die umliegenden Gemeinden einen grossen Beitrag geleistet. So wurde zum Beispiel der Ertrag des Wettingerfests 1970, der 100 000 Franken betrug, der Vereinigung gespendet.

Heute spielen die Freiwilligen nach wie vor eine wichtige Rolle in der Vereinigung. Neben der Geschäftsleiterin und den fünf ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern wirken Viele bei der Vereinigung freiwillig mit. Die Arbeit mit Menschen mit Behinderung gebe viel zurück, bestätigt sowohl Ehrensberger als auch das langjährige Vorstandsmitglied Christoph Heule: «Diese Tätigkeit hat mir ein ganz anderes Verständnis für den Umgang mit Behinderten geschenkt», sagt er. Auch in der Bevölkerung sei eine wachsende Toleranz für diese Menschen zu spüren. Ehrensberger pflichtet dem bei: «Die Leute haben nicht mehr so viel Berührungsängste.» Die Arbeit mit den Behinderten und insbesondere seinen Söhnen sei nicht immer einfach gewesen. Aber: «Die Beziehungen, die ich im Verlauf der Jahre zu den Menschen aufgebaut habe, sind heute noch sehr stark.»

Beim Verlassen des Speisesaals winken Jürg und seine Freunde zum Abschied. In einigen Minuten geht es für sie wieder in die Werkstatt — dank dem Engagement von Werner Ehrensberger und seinen Freunden.