Mellingen
Die Umfahrung ist eine grosse Chance für den Zeitturm

Der Mellinger Zeitturm und das Brückentor – Pforten zur Mellinger Altstadt – dürften bei der Stadtgründung 1230/40 gebaut worden sein. Historiker Niklaus Stöckli blickt zurück.

Carolin Frei
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Historiker Niklaus Stöckli vor dem Zeitturm.

Historiker Niklaus Stöckli vor dem Zeitturm.

Von 1954 bis 1997 beherbergte der Zeitturm das Ortsmuseum, das heute in der Stadtscheune zu Hause ist.

Seither wird er nicht mehr genutzt. «Eine andere Nutzung könnte nach Inbetriebnahme der Umfahrung geprüft werden. Aufgrund der heutigen Zutrittssituation ist keine sinnvolle Nutzung möglich. Die Eingangstüre befindet sich im Tordurchgang – praktisch im Strassenbereich», sagt Gemeindeammann Bruno Gretener.

Im 19. Jahrhundert diente der Zeitturm im Reussstädtchen als Gefängnis. Sogar der Sohn des Stadtammanns Peter Hümbelin, der um die 1900 sowohl als Arzt als auch als Gemeindevorsteher tätig war, landete für eine kurze Weile hinter Gittern.

Er hätte, wie sein Vater, Arzt werden sollen, fiel jedoch bei den Prüfungen durch. Vater Hümbelin war darob so verärgert, dass er seinen Sohn zur Strafe ins Türmli sperren liess.

Wer kann es dem Junior verdenken, dass er, kaum wieder auf freiem Fuss, seine Siebensachen packte und nach Amerika auswanderte. «Ob der Zeitturm auch vor dem 19. Jahrhundert als Gefängnis diente, ist nicht dokumentiert», sagt Stöckli.

Das einzige Torhaus im Aargau

Aufgrund von Schriften nimmt man an, dass der Zeitturm den Kyburgern, später den Habsburgern und schliesslich den Eidgenossen als Waffenkammer und Wehrturm diente. Die Schiessscharten sind auch heute noch zu sehen.

Das Reussstädtchen zu verteidigen war denn auch angesagt, etwa im Alten Zürichkrieg, der von 1436 bis 1450 dauerte. «Mellingen war hart umkämpft», betont Stöckli.

Die Stadt erwies sich jedoch als wichtiger Sperrriegel für die Eidgenossen. Nebst den Schiessscharten war der Turm auch mit einer Pechnase ausgestattet. Durch diese Vertiefung in der Fensterbrüstung konnten die Wehrmänner, wenn der Feind bereits vor den Stadttoren stand, heisses Pech hinausfliessen lassen.

Der Turm diente dem Nachtwächter auch dazu, sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen und ein allfälliges Feuer sofort zu melden. Das Torhaus, das wohl nach dem Alten Zürichkrieg an den Zeitturm angebaut wurde, steht noch immer, hat den Stadtbrand von 1505 mit geringem Schaden überlebt. Es ist das einzige erhaltene Torhaus im Kanton.

Die Uhr zeigt die Mondphase

Ebenfalls noch erhalten ist die Uhr, die vermutlich 1544 am Zeitturm angebracht wurde. Das im Turminnern im vierten Stockwerk sichtbare Uhrwerk, das 1953 durch ein neues ersetzt wurde, dürfte vom Uhrmacher Laurenz Liechti von Winterthur stammen.

«Belegt ist das nicht, jedoch sind ähnliche Uhren in Winterthur, Aarau und Villigen installiert worden», sagt Stöckli.

Das gassenseitige Zifferblatt umfasst vier konzentrische Kreise, von denen der äusserste die zwölf Stundenzahlen, der zweite die geschriebenen Monatsnamen, der dritte den siderischen Tierkreis und der innerste die astronomischen Tagessymbole trägt und auf die individuelle Zeiger hinweisen.

Unter der Dachtraufe befindet sich ein zusätzliches Zifferblatt, dass die Minuten und – mittels einer drehenden Kugel mit gelb-schwarzen Hälften – die Voll- und Neumondphasen angibt. Alle Turbulenzen schadlos überstanden haben auch die beiden Löwenköpfe gegen die Lenzburgerstrasse hin, die als ehemalige Wasserspeier den Zeitturm zieren.

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