Sandra Kohler fühlt sich wohl in der Natur. Wir treffen sie auf der Baldegg. Hier, auf dem Bauernhof unterhalb des Langenmarchsteins, ist sie aufgewachsen. Die Herbstsonne versteckt sich hinter einem Nebelschleier, der Biswind pfeift uns um die Ohren. Wir drehen eine Runde um die Felder. Kohler erzählt, wie sie als Kind mit ihrem Pony Vicky zur Schule nach Münzlishausen geritten ist. Wie sie im Winter mit ihren beiden Brüdern am «Erdbeerihoger» schlittelte und wie sie mit dem Vater zusammen Hecken gepflanzt hat – im Auftrag der Stadtökologie, für eine bessere Artenvielfalt und für ein kleines Sackgeld.

«Ich glaube, ich bin einer der grössten Baden-Fans»

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Drei Fragen an Stadtammann-Kandidatin Sandra Kohler.

«Als Kind war das hier ein Paradies», sagt Kohler. Sie ist jetzt 36 Jahre alt, mit 18 ist sie zuhause ausgezogen. Aber auch heute komme sie wahnsinnig gerne hier hoch. Einerseits zu ihrer Familie auf den Hof, andererseits um Kraft zu tanken in der Natur. Wir treffen ihre Mutter Doris Kohler, sie schaut nach dem rechten im kleinen Hofladen.

Ihr Vater Ueli Kohler starb 2015 völlig unerwartet an einem Herzstillstand. Er war 20 Jahre lang für die SVP im Badener Einwohnerrat, 12 Jahre Grossrat, einige Jahre auch Stadtparteipräsident. 1975 hatte er mit seiner Frau Doris den Hof auf der hinteren Baldegg gebaut. Der Vater fehlt auf dem Hof, und er fehlt Sandra Kohler. «Er war eine sehr wichtige Bezugsperson für mich», sagt sie. Am Familientisch sei leidenschaftlich politisiert worden. Sie schätzte am Vater, dass er andere Meinungen zuliess. Der SVP beizutreten kam für sie aber nie infrage. «Die SVP war mir zu verschlossen», sagt Kohler. «Offenheit ist mir sehr wichtig.»

Traumberuf Tierärztin

Bei unserem Spaziergang fährt der Pöstler mit seinem Töffli an uns vorbei Richtung Hof. Es riecht nach feuchter Erde und nach dem ausgebrachten Mist auf den Wiesen. Landwirtin wollte Sandra Kohler nie werden. Obwohl sie in ihrer Jugend beim Misten im Stall mithalf und sich um die Zwergziegen, Hasen und Hühner kümmerte. Als Teenager wollte sie Tierärztin werden und auf dem elterlichen Hof eine Praxis eröffnen. Nach dem ersten Schnupperpraktikum und einer blutigen Operation, bei der ihr schlecht wurde, begrub sie diesen Traum.

Sandra Kohler erzählt, sie sei immer gern zur Schule gegangen. Nach den zwei ersten Schuljahren in Münzlishausen bei Primarlehrerin Madeleine Nünlist kam sie in die Stadt, ins Schulhaus Tannegg. Sie sei eine durchweg gute, aber nirgends aussergewöhnlich talentierte Schülerin gewesen. Die ersten zwei Jahre an der Bezirksschule war dann Erich Obrist ihr Klassenlehrer. «Ich hatte immer einen guten Draht zu ihm und schätze ihn sehr», sagt Kohler. Das habe sich auch jetzt nicht geändert, trotz der Konkurrenz um das Amt des Stadtammanns. Nach der Bez entschied sie sich für das Pädogisch-Soziale Gymnasium an der Kanti Wettingen, nach der Matur zog es sie zuerst an die Pädagogische Hochschule in Aarau.

Kohler unterrichtete ein Jahr lang eine Realschulklasse in Birmenstorf. Dort merkte sie, dass der Lehrerinnenberuf nichts für sie ist: «Die Arbeit mit den Schülern war sehr erfüllend. Der administrative Aufwand nahm aber derart Überhand, dass ich mich dagegen entschied.» Sie studierte in Winterthur und Olten Kommunikation, arbeitete danach bei verschiedenen Medienhäusern und Agenturen und machte sich 2011 als Kommunikationsberaterin selbstständig. 2014 stieg sie als Partnerin und Mitglied der Geschäftsleitung in der Marketingagentur ihres jetzigen Lebenspartners Andi Schaerer ein. «Die letzten Jahre waren sehr prägend», sagt Kohler. Ihre Erfahrung als Unternehmerin wolle sie jetzt in der Politik einsetzen. Die Agentur hat sie vor kurzem verlassen, das Paar will Privates und Berufliches trennen.

Erich Obrist, Sandra Kohler und Markus Schneider über Fusionen, Steuererhöhung und ihre persönlichen Positionen

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Die wichtigsten Momente aus der Sendung «TalkTäglich» im Zusammenschnitt.

«Ich will nicht abgestempelt werden»

Erste politische Erfahrung sammelte Kohler in der Forst- und der Finanzkommission der Badener Ortsbürger. Sie ist in zahlreichen Vereinen aktiv, etwa im Rotary Club Baden-Heitersberg. Früher war sie Wölflileiterin und spielte Handball, bei «Städtli» in der Damenmannschaft. Sport und Bewegung sind ihr bis heute wichtig. Sie geht gern Joggen im Wald, fährt Ski und Langlauf und spielt seit einiger Zeit Golf. «Das ist gut für das berufliche Netzwerk», sagt sie lachend.

Die teils harsche Kritik im Wahlkampf lässt sie nicht unberührt. «Mir war bewusst, dass ich mit meiner Kandidatur polarisiere», sagt Kohler. Sie nahm sich vor ihrem Entscheid, als Parteilose für das Ammann-Amt zu kandidieren, eine dreiwöchige Auszeit in Appenzell. «Um den Kopf durchzulüften und die Entscheidung ohne Einfluss von aussen zu treffen. Ich habe gewusst, dass es Wind gibt, wenn ich kandidiere», sagt sie. Den Vorwurf der Unbedarftheit oder der Naivität lässt Kohler nicht gelten. «Ich bin recht allergisch darauf, abgestempelt zu werden, ohne dass man mich kennt.» Ihr sei es wichtig, gemeinsam im Gespräch gute Lösungen zu finden. Sie sei sich auch bewusst, dass sie manche Leute fordere, weil sie nicht die klassische politische Ochsentour gemacht habe. Aber sie wolle sich nicht im politischen Spektrum einordnen lassen, sondern sich unvoreingenommen für die Stadt engagieren.

Im Wahlkampf wurde sie vom politischen Baden unterschätzt. Kaum jemand hat damit gerechnet, dass sie im ersten Wahlgang Stadträtin wird. Als Frau Stadtammann möchte sie die Badener dazu animieren, wieder «mehr mitzugestalten in der Stadt und nicht alles der Politik zu überlassen». Deshalb hat sie unter anderem zusammen mit dem Ethiker Thomas Gröbly eine dreiteilige Filmreihe mit Talkrunden organisiert, bei denen es um aktives Mitwirken der Bürger in einer nachhaltigen Stadt ging. «Schliesslich wollen wir alle das gleiche für Baden», sagt Kohler. «Alle sollen sich in der Stadt wohlfühlen. Die Wege dorthin sind unterschiedlich, ich möchte sie als Frau Stadtammann zusammenbringen.»