Baden
«Die Wertschätzung der Musik ist wie verschwunden»

Der 51-jährige Nic Niedermann setzt sich mit seinem Projekt «Afterwork Live-Musik» für die Förderung der Musik in Baden ein. Junge Talente sollen so Auftrittsmöglichkeiten mit einer guten Gage erhalten.

Julia Stückelberger
Merken
Drucken
Teilen
Nic Niedermann in seinem neuen Reich dem «Gartensaal» an der Kantonsschule Wettingen.

Nic Niedermann in seinem neuen Reich dem «Gartensaal» an der Kantonsschule Wettingen.

Jiri Reiner

Der «Gartensaal» an der Kantonsschule Wettingen ist Nic Niedermanns neues Reich geworden. Er wurde zu einem kleinen Musikstudio und Bandraum umgestaltet. «Jetzt haben die Schüler endlich Platz zum Musizieren und Komponieren zu jeder Tages- und Nachtzeit.» Davor mussten sie sich in das «Kalefaktorium» zwängen – ein kleiner Raum neben der Aula, der keine Lärmisolation hatte.

Grosser Einsatz für die Musik

«Die Ausbildung der jungen Musiker ist heute sehr gut. Das Problem liegt in der Entwicklung der Gesellschaft. Niedermann nennt es den Wertzerfall der Musik. Es gäbe viele Talente, aber das Bekanntwerden sei sehr schwierig. «Der CD-Verkauf läuft durch das Online-Angebot schlechter und die Leute sind nicht mehr so an Live-Musik interessiert.»

Die Förderung der Musik in der Öffentlichkeit und der jungen Talente ist Niedermann wichtig. Darum möchte er sich auch für bessere Auftrittsmöglichkeiten und für eine bessere Gage der Musiker einsetzen. «Ich finde, die Stadt Baden setzt viel zu sehr auf die Infrastruktur einzelner Kulturgebäude. Man müsste mehr in die Förderung der Künstler investieren.»

Das sei eine Grundhaltung in der Politik: «Die Wertschätzung der Musik ist wie verschwunden. Auch in den Schulen wird in der Ausbildung der Musik gespart.» Mit seinem Projekt «Afterwork Live-Musik» möchte er Musikern aus Baden Auftrittsmöglichkeiten bieten.

Dank der Unterstützung des Casinos kann er ihnen eine gute Gage zahlen. Niedermann möchte durch solche Projekte etwas bewegen: «Baden hat sehr viel Potenzial. Es ist gut überblickbar von der Grösse her und durch die Nähe von Zürich bleiben uns die Studenten erhalten. Gerade durch Firmen wie die ABB und Alstom ist die Stadt kosmopolitisch und gut durchmischt. Ausserdem kenne ich Baden gut; es ist meine Heimat.»

Nic Niedermann lebt für die Musik. Als Kind einer Akademikerfamilie waren seine Eltern von seiner Begeisterung für die Musik nicht sehr erfreut. Mit 18 Jahren fing seine Karriere als Musiker und Veranstalter an. Trotz Verbot gab er Konzerte im «Falken» in Baden. «Das waren wilde Zeiten», erinnert sich Niedermann.

1989 gründete er mit Toni Donadio «Tonic Strings». Über zehn Jahre gab das Gitarrenduo Konzerte in ganz Europa und in den USA. Der Höhepunkt dieser Zeit sei ein Konzert in New Orleans gewesen, sagt Niedermann. «Dort durften wir uns in der Garderobe der Stars wie Joe Lewis umziehen.» Den Durchbruch hat Niedermann trotzdem nie geschafft.

«Ich hätte nach Amerika ziehen müssen und dort ein neues Leben aufbauen.» Er wollte lieber bei seiner Familie und seinen Freunden bleiben. «Baden ist meine Heimat und meine Basis.» Auch hätte er sich auf einen Musikstil spezialisieren müssen. «Das wäre einschränkend für mich gewesen, denn Jazz ist kein Musikstil, sondern eine Lebensgrundhaltung.

Bis zu seinem Studium an der «Swiss Jazz School» in Bern hatte er nie einen Gitarrenlehrer gesehen. Das habe die Kantonsschule damals noch nicht angeboten. Seine Inspiration holte er von Meistern des Jazz wie Django Reinhardt oder Wes Montgomery. Das Notenlesen war nie seine Stärke gewesen.

Niedermann ist dafür bekannt, viele verschiedene Musikstile zu beherrschen. Seine eigenen Kompositionen spielt er aber am liebsten. «Das Improvisieren liegt mir einfach am besten.» Dies könne er mit «Tonic Strings» gut ausleben.

Wird Vielseitigkeit zur Gefahr?

Nic Niedermann beschreibt sich selber auf seiner Homepage als Gitarrist, Komponist, Arrangeur, Veranstalter und Studioleiter. Das ist eine gewaltige Bandbreite an Aufgaben, die er in seinem Leben zu bewältigen hat. Doch Angst vor einem Burnout hat er nicht. «Ich habe die Musik als Beruf und als Ausgleich.»

Wenn es ihm zu viel wird, geht er auf Reisen. Er interessiert sich sehr für die Kultur verschiedener Länder. «Die Kultur hat viel mit Musik zu tun. Wenn ich auf Reisen bin, ist das wie eine Weiterbildung für mich.» Da er viel beschäftigt ist, werden das Komponieren und Üben vernachlässigt, dennoch meint er: «Ich brauche Konzerte, sonst ist das Musikmachen für mich sinnlos.»

Da sich Niedermann kein Manager leisten kann, muss er alles selber in die Hand nehmen. In seiner Anfangszeit brauchte er viel dicke Haut und Energie. Es gab Zeiten von Müdigkeitserscheinungen und Frust. «Aber jetzt kennen mich die Leute und vertrauen mir.»

Nur zehn Prozent seiner Arbeit bestehen aus der Organisation von Veranstaltungen und Konzerten: «Darum bin ich nicht der Veranstalter, sondern sehe ich mich eher als Musiker.» Durch seine Arbeit als Gitarrenlehrer an der Kantonsschule Wettingen hat er die Möglichkeit, junge Talente zu fördern und Konzerte für sie zu organisieren.

Diese Arbeit hat ihn musikalisch auch sehr weitergebracht: «Ich muss mir immer überlegen, warum ich gewisse Sachen so spiele, um es den Schülern besser erklären zu können.» Mittlerweile beherrsche er auch Death Metal. Junge Bands wie «Al Pride» oder «John Caroline» gingen durch seine Schule. Er gibt ihnen Inspiration und die Möglichkeit zur Kreativität im Unterricht. Sein Ziel ist es, sie zur Eigenständigkeit zu ermuntern.