Baden

Die Zeit heilt alle Wunden – Amy Bollag über den dicken Knechtli

Unerschrocken: Amy Bollag (90).

Unerschrocken: Amy Bollag (90).

Amy Bollag ist 1924 an der Bruggerstrasse in Baden geboren. Über seine Erinnerungen an das Leben in der Stadt schreibt er regelmässig im «Badener Tagblatt» – diesmal über die Verwandlung des Bösewichts Knechtli.

Wenn eine Kleinstadt nur ein paar tausend Einwohner aufweist, kennt man sich einigermassen. So war es auch in Baden dazumal. 1933 war nicht spurlos an der Bevölkerung vorübergegangen, und obwohl kein deutscher Diktator zu befehlen hatte, änderte sich das Leben. Einen leichten Antijudaismus gab es zwar schon immer, aber jetzt hatten einige Mitbürger Oberwasser bekommen. Wir Kinder fielen nur am Samstag auf, da wir schon am Tag vor Sonntag sonntäglich gekleidet waren. Die Hebräer haben es halt schön, man weiss ja, wo das Geld hockt, war das Mindeste, was wir Kleinen so mitbekamen.

Beim Bahnhof, wo dazumal noch eine Barriere den Zug nach Zürich durchliess, heute nicht mehr vorstellbar, gab es einen gutbesuchten Kiosk. Dort war es besonders unangenehm. Da stand immer breit und regelmässig der dicke Knechtli, ein Mann in den Vierzigern. Er wartete darauf, die Kinder bissig zu beschimpfen. Mit fremdem Geld kann man halt gut faulenzen, oder an Arbeiten seid ihr ja nicht gewöhnt, Schmarotzerkinder und viele solcher Sprüche und Flüche bekamen wir zu hören. Waren Erwachsene dabei, nahm er sich meistens in Acht oder schimpfte nur leise. Jedes Mal kostete es uns Angst und Überwindung, am Kiosk vorbeizugehen. Steiner, der Kioskinhaber, war ein netter Mann, aber den Kunden Knechtli konnte er nicht bremsen.

In mir stieg echte Wut empor. Ich schwor mir, wenn ich einmal genug gross und stark sein könnte, werde ich es dem Knechtli zurückgeben. Dazumal als neunjähriger Junge schien mir dies in weiter Ferne und der Kiosk war unglücklicherweise nicht zu umgehen.

Die Jahre gingen vorbei, der Krieg kam und ging vorüber. Ich hatte den Bösewicht schon fast vergessen. Doch Ende 1945, am Bahnhof Zürich ankommend, stand auf einmal Knechtli wieder vor mir. Ich hatte meine landwirtschaftlichen Jahre hinter mich gebracht und war ein grosser, kräftiger Bursche geworden. Erstaunlicherweise erkannte er mich sofort wieder. Verlegen und ängstlich stand er da. Doch aus dem groben dicken Mann war eine Ruine geworden, nur noch der Schatten des ehemaligen Bösewichtes, der neu Aufgetauchte, nun mir Gegenüberstehende, ein Hinfälliger.

Herr Knechtli, Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben, mit des Schicksals Mächten ist leider kein Bund zu flechten. Er blieb auf dem Perron stehen und weinte.

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