Laut aktuellen Zahlen vom Kanton verzeichnet Spreitenbach mit 5,4 Prozent die höchste Sozialhilfequote im Aargau. Zum Vergleich: Der Bezirk Baden zählt 2,4 Prozent, der Kanton 2,2. Mit ein Hauptgrund für die hohe Quote in Spreitenbach ist der grosse Anteil an günstigem Wohnraum, den sich auch Sozialhilfebezüger und Menschen aus dem Tieflohnsegment leisten können. Doch gerade in diesem Segment kann es eher zum Jobverlust kommen und die Menschen finden schwerer eine neue Anstellung, weil sie oft geringer qualifiziert sind.

Mit hochwertigen Neubauten und attraktiven neuen Quartieren will Spreitenbach gut verdienende Steuerzahler in die Gemeinde locken. Wohnungen mit hohem Ausbaustandard stellen allerdings nur einen Teil der Lösung dar. Die Gemeinde setzt seit einiger Zeit auf externe Hilfe, wenn es darum geht, dass insbesondere Langzeitarbeitslose im ersten Arbeitsmarkt wieder Fuss fassen.

Beim Sozialamt der Gemeinde liegen Rund 280 Dossiers von Einzelpersonen oder ganzen Familien. Erst im vergangenen Jahr wurde der Stellenetat des Sozialamts um eine Vollzeitstelle auf 500 Prozent aufgestockt. Dennoch ist die Fallbelastung pro Mitarbeiter überdurchschnittlich hoch. Um dem Trend einer steigenden Zahl von Sozialhilfebezügern entgegenzuwirken, arbeitet die Gemeinde seit vergangenem Jahr mit der Spreitenbacher Firma «Stärker GmbH Arbeitsintegration» zusammen.

Inhaberin Carla Ferrari lebt selber seit 23 Jahren in Spreitenbach und hat hier ihr Netzwerk aufgebaut. Ferraris Firma bietet Menschen, die über längere Zeit keinen Job finden konnten, ein Integrationscoaching an, stellt Kontakte zu Arbeitgebern her und betreut die Menschen, wenn sie eine Stelle gefunden haben, auch noch während der Probezeit oder länger.

«Wenn die Klienten an meine Türe klopfen, ist von ihrem Selbstwertgefühl oft nur noch wenig da», sagt Ferrari. «Wir bauen zu diesen Menschen ein Vertrauensverhältnis auf und stärken ihr Selbstbewusstsein, denn das braucht es, damit man einen Arbeitgeber von sich überzeugen kann.»

Erfolgsquote über 30 Prozent

Die Investition der Gemeinde lohnt sich nicht nur auf sozialer Ebene, sondern auch finanziell: Je nach Anzahl betreuter Personen zahlt die Gemeinde eine Pauschale zwischen 600 und 800 Franken pro Person und Monat. Findet eine Person dank der Betreuung eine neue Stelle, erhält die Firma eine Prämie. Auf der anderen Seite spart die Gemeinde pro Person, die wieder arbeitet, jährlich rund 50 000 Franken.

Zwischen sechs Monaten und einem Jahr kann es dauern, bis Ferraris Klienten einen Job finden. «Momentan liegt unsere Erfolgsquote bei über 30 Prozent», sagt Ferrari. Als die Firma im vergangenen Jahr in Spreitenbach startete, betreute sie 14 Personen, Ende 2017 waren es 24, wobei 6 Personen einen Job gefunden haben. In den letzten fünf Monaten konnten 3 weitere Klienten eine neue Arbeit beginnen und 6 haben zumindest eine temporäre Anstellung gefunden. Inzwischen betreuen Ferrari und ihr Team 32 Personen.

Firmen melden sich mit Jobs

Spreitenbach ist nebst anderen Gemeinden und Institutionen nicht nur Hauptkunde der Stärker GmbH, die Firma hat hier auch ihren Sitz und pflegt engen Kontakt zum Gewerbe und zu den Firmen vor Ort. «Unser Motto lautet: Spreitenbacher für Spreitenbach», sagt Ferrari. Deshalb ist sie in der Spreitenbacher Vereinigung «IDH, Industrie, Dienstleistungen und Handel» gut vernetzt. «Inzwischen gibt es Firmen, die sich bei uns melden, wenn sie eine freie Stelle haben», sagt Ferrari.

Gemeinderat Marcel Lang (parteilos), der seit Anfang Jahr das Ressort Soziales leitet, sagt: «Wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit und der Gemeinderat kann sich vorstellen dieses Angebot auszubauen.» Dies werde vom weiteren Erfolg abhängen. «Würden wir das Coaching beim Sozialamt ansiedeln, müssten wir zwei Vollzeitstellen schaffen.»

Grundsätzlich sei es ein Vorteil, dass das Coaching in der Privatwirtschaft angesiedelt sei und nicht bei den Behörden. Ferrari: «Wir können bei der Lösungsfindung sehr kreativ sein und haben einen sehr vertrauensvollen Umgang mit den Klienten.» Solche Möglichkeiten seien beim Sozialamt eingeschränkt, da diese eher an Vorgaben und Richtlinien gebunden seien.