Die Tasche, die an der Schulter einer aufgestellten blonden Frau hängt, sticht ins Auge: Das Panorama der Stadt ist darauf abgebildet und «Baden erleben mit Silvia Hochstrasser» steht darauf geschrieben. Diese Silvia Hochstrasser wandelt als Stadtführerin nicht auf den üblichen touristischen Pfaden. Sie taucht ebenso ab in Badens dunkle Seiten von Verbrechen und Hexenwahn, wie sie sich aufmacht, Badens Friedhöfe neu zu entdecken oder zu ergründen, was Gebäude-, Strassen-, Platz- und Flurnamen erzählen.

«Wie es der einheimische Wort-Akrobat Simon Libsig formuliert hat – ‚Baden ist ne kleine Nummer, sie ist die Nummer eins’ – trifft für mich den Nagel auf den Kopf», sagt Hochstrasser. Die 60-Jährige hat unzählige Geschichten über die Stadt auf Lager – alte und neuere, verbriefte und andere. Mit Empathie, Begeisterung und ansteckender Fröhlichkeit erzählend, führt Hochstrasser Leute in die Unterwelt der Stadt, wo ab und zu eine Ratte vorbeihuscht. Oder in den Stadtturm, wo sich vor kalten, düsteren Zellen zwei Türen schliessen und schwer wieder öffnen lassen. Besonders gerne lässt sie in ihrer Heimatstadt Menschen «am Parfüm des Mittelalters» schnuppern – zeigt ihnen, wie es war, als in Badens Gassen noch Schweine, Schlamm und Schweiss dominierten.

Seit zwei Jahren wohnen ihr Mann und sie in Nussbaumen, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass sie mit Haut und Haar Badenerin ist. «Geboren bin ich allerdings in Wettingen, im ‹Sonnenblick›», räumt sie schmunzelnd ein. Die Leidenschaft für Sagen und Geschichten ihrer Heimatstadt hatte sie vor 14 Jahren gepackt. Bis dahin war ihre grösste Leidenschaft von ganz anderer Beschaffenheit gewesen, hiess Beldona. Als Silvia Roth war sie auf der Allmend aufgewachsen. 1955, ein Jahr nach ihrer Geburt, hatte ihr Vater Kurt die Beldona AG gegründet. «Er hat sein ganzes Herzblut in diese Firma fliessen lassen und mich damit schon als Kind angesteckt. Wenn er mal verzweifelt war, weil er einen Kredit nicht bekam, habe ich mit ihm geweint.»

Englisch ist nützlicher als Latein

Silvia besuchte die Kanti Baden mit Schwerpunkt Wirtschaft. Mit dem Diplom in der Tasche hat sie anschliessend in Grenoble bei einer Zulieferfirma von Beldona ihre Sporen abverdient. «Dort habe ich unter anderem im Designeratelier, als Vertreterbetreuerin und als Model für Schnittmuster gearbeitet.» Zurück in Baden trat sie in Papas Firma ein, die ihren Sitz damals noch im Mäderhof an der Badstrasse hatte. «Dass ich mich in der Bez dem Drängen der Lehrer widersetzt und statt Latein Englisch und Italienisch gelernt hatte, kam mir nun zugute, hatte die Beldona doch Lieferanten aus ganz Europa und den USA. Von dort kamen die besten BHs – auch die nahtlosen, welche die Formen abflachten, wie es zu Twiggys Zeiten ‚in’ war.»

Schon als Teenager hatte Silvia eine weitere grosse Leidenschaft: Handball. «Ich spielte als Kreisläuferin bei Seminar Wettingen, das zu den ersten 16 Frauenmannschaften in der Schweiz gehörte.» Handball war auch das grösste Hobby von Kurt Hochstrasser. Die beiden wurden ein Paar. 1982 wurde Tochter Nadja geboren, zwei Jahre später folgte Claudia.

Gatte Kurt trat bei Beldona in die Fussstapfen von Vater Kurt. Wirtschaftliche Turbulenzen, der Zusammenschluss mit Ritex zu einer Holding, die Übernahme durch Investoren liess 1999 der Lebenstraum der Gründerfamilie platzen. Kurt Hochstrasser fand einen neuen Job im Wallis. «Da unsere Knies vom Handball kaputt waren, hatten wir auf Langlauf umgestellt. Dabei hatten wir Koni Hallenbarter kennen gelernt, und er hat Kurt für seinen Sport Shop im Goms angestellt.»

Sie kreiert die Führungen selber

Elf Jahre lang war Silvia Hochstrasser unter der Woche allein daheim in Baden. Die Töchter waren inzwischen flügge und sie hatte plötzlich sehr viel Zeit. «Damals habe ich begonnen, mich intensiv mit der Badener Stadtgeschichte zu befassen und als Info Baden via Inserat eine Mitarbeiterin suchte, habe ich die Stelle bekommen. Zu meinen Aufgaben gehörten auch Stadtführungen.» 15 Themenführungen habe sie im Verlaufe der folgenden Jahre kreiert. «2005, im Jahr des Sports, habe ich die Besucher unter anderem ins Terrassenbad geführt, das der damalige Stadtammann Karl Killer 1932 nach Plänen von Alfred Gantner von Arbeitslosen erbauen liess. Der Tagi schrieb damals ‹Der blasse Neid könnte uns Stadtzürcher befallen›.»

Vor zwei Jahren hat sich Silvia Hochstrasser mit «Baden erleben» selbstständig gemacht. Inzwischen arbeitet ihr Mann nicht mehr im Goms, steht ihr hier computertechnisch und moralisch zur Seite. Das tun auch die beiden Töchter, «denn wenn ich eine neue Themenführung aus der Taufe hebe, habe ich ganz schön Nervenflattern». Über 20 Themenführungen in Baden sowie weitere in Wettingen und Würenlingen bietet Silvia Hochstrasser inzwischen öffentlich oder für private Gruppen an. Im Rahmen von badenmobil geht’s mit ihr auch mal per Velo auf Entdeckungstour. «Ich betrachte jede Führung als Geschenk an Leute, die uns besuchen, die sich für unsere kleine Stadt und die Region interessieren.»