Grossratswahlen

Diese frischgebackene Grossmutter will in den Grossen Rat: «Das Thema Familie kommt eindeutig zu kurz»

Väter und Mütter in der Region kennen sie als Leiterin des Familienzentrums Karussells: SP-Kandidatin Kathie Wiederkehr.

Väter und Mütter in der Region kennen sie als Leiterin des Familienzentrums Karussells: SP-Kandidatin Kathie Wiederkehr.

Kaum jemand steht so stark für Familie und Elternbildung ein wie Kathie Wiederkehr (SP) aus Baden. Dafür blickt sie auch über die Grenzen zu den Nachbarländern. Nachdem sie gegen ihren Sohn eine Wette gewonnen hat, kandidiert sie nun für den Grossen Rat.

Dass Kathie Wiederkehr bisher politisch noch nicht in Erscheinung getreten ist, überrascht. «Ich hatte keine Zeit dazu. Neben Familie und Arbeit fand Politik nicht auch noch Platz», sagt die 67-jährige Mutter zweier Kinder und frischgebackene Grossmutter. Wiederkehr ist in der Region Baden keine Unbekannte. Sie hat das Familienzentrum Karussell in Baden nachhaltig geprägt und es zu einem über die Region hinaus bekannten Treffpunkt mit vielen Dienstleistungen für Familien mit Vorschulkindern gemacht. Das ging nicht in täglich acht Stunden: Wiederkehr war bekannt für ihr Engagement. «Wenn ich mich für etwas einsetze, dann mit voller Kraft», sagt sie.

Seit 45 Jahren SP-Mitglied

Als sie Anfang 2019 pensioniert wurde – zwei Jahre nach dem eigentlichen Pensionsalter – und die Geschäftsleitung übergab, schloss sie mit ihrem Sohn eine Wette ab. Er glaubte nicht, dass sie ein Jahr lang einfach das süsse «Nichtstun» geniessen könnte: «Doch ich habe in dieser Zeit weder ein Amt noch ein Projekt übernommen», sagt Wiederkehr und lacht. Sie kenne sich, sobald sie sich in einem Vorstand engagiert hätte, «wäre es nicht lange gegangen und ich hätte das Präsidium innegehabt». Doch sie gönnte sich die Auszeit.

Kathie Wiederkehr.

Kathie Wiederkehr.

Nun sei sie aber bereit für ein neues Engagement – zum Beispiel als Grossrätin. Wiederkehr, die seit 45 Jahren Mitglied der SP ist, befindet sich auf Listenplatz 11 und rechnet sich deshalb nur wenig Chancen aus. Sie gibt sich sehr zurückhaltend, auch wenn eine Wahl sie sehr freuen würde. Denn: «Das Thema Familie kommt eindeutig zu kurz im Grossen Rat. Das will ich ändern.» Ganz allgemein sei die Unterstützung und Wertschätzung gegenüber Familien in der Schweiz eher tief: «Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es bei uns auch kein Familiendepartement, also eine Behörde, die sich ausschliesslich um die Belange von Familien kümmert.» In der Schweiz würden Familienthemen hauptsächlich als Kostenfaktor empfunden:

Kathie Wiederkehr hat europaweit viele Referate zum Thema Elternbildung gehalten und kennt die Familienpolitik der Nachbarländer: «In Österreich zum Beispiel hat ein familienfreundlicher Arbeitsplatz einen viel höheren Stellenwert», sagt sie. Sie kennt die Herausforderungen für Eltern in der Schweiz von der persönlichen wie auch von der beruflichen Seite her. Einerseits hat sie mit ihrem Mann die Familien- und Erwerbsarbeit stets geteilt, andererseits war sie unter anderem auch neun Jahre lang Präsidentin des Schweizerischen Bundes für Elternbildung (heute Elternbildung Schweiz), leitete die Fachstelle Elternbildung im Kanton Zürich und war Geschäftsleiterin von Kinderschutz Schweiz.

Vom Frauenhaus-Aufbau bis zur «Karussell»-Rettung

Eltern zu stärken und Kinder zu fördern, liegt ihr sehr am Herzen. Die Erkenntnis, dass dadurch Folgekosten gespart werden können, werde oft vergessen: «In der Schweiz gibt es für Familien vor allem viele Hilfsangebote, die dann zum Tragen kommen, wenn bereits Probleme bestehen», sagt Kathie Wiederkehr. «Ich bin aber überzeugt von der Wirksamkeit von präventiven Angeboten und setze mich dafür ein.» Ebenso sind ihr Alters-, Behinderten- und Suchtfragen wie auch das Thema Integration wichtig, wurde sie in ihrer beruflichen Laufbahn doch oft damit konfrontiert.

Kathie Wiederkehr.

Kathie Wiederkehr.

Wiederkehr hat viel Aufbauarbeit geleistet – unter anderem in den 80er-Jahren beim Aargauer Frauenhaus – und einige Institutionen vor dem Scheitern bewahrt. Manche im Ehrenamt, manche in ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin. Als sie 2013 das «Karussell» übernahm, steckte das Familienzentrum fest. 2012 wurde es wegen finanzieller Engpässe beinahe aufgelöst. Wiederkehr übernahm das Ruder, erarbeitete ein neues Konzept – und konnte das Zentrum dank des Gemeinnützigen Frauenvereins Baden in die heutigen, grösseren Räumlichkeiten an der Haselstrasse 6 verlegen. Die Besucherzahlen stiegen sprunghaft an und neue Einkommensquellen konnten generiert werden. Das brauchte viel Überzeugungskraft. «Das ist eine Spezialität von mir», sagt sie schmunzelnd. Sie ist sich sicher, dass ihr diese Fähigkeit im Grossen Rat sehr entgegenkommen würde.

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