Wenn sich der Fechtclub Baden zur Vorstandssitzung trifft, wählt Patrick Hofer die Lokalität aus. Nicht nur, weil er der Präsident des Vereins ist, sondern auch, um sicherzustellen, dass die Lokalität rollstuhlgängig ist. Der 42-Jährige ist seit zwei Jahren Rollstuhlfechter. Er ist der einzige Rollstuhlfechter im Fechtclub Baden, gar nur einer von zweien in der gesamten Schweiz.

Aus Mangel an weiteren Rollstuhlfechtern im Verein übt er im Training deshalb mit den Mitgliedern, die nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind. «Ich kenne keine andere Sportart, bei der sich Fussgänger und Rollstuhlfahrer so auf Augenhöhe begegnen können», erklärt er seine Faszination für die Sportart.

Die «Fussgänger» – so bezeichnet Hofer Nicht-Rollstuhlfahrer – müssen dabei dieselben Bedingungen eingehen wie er: Sie nehmen zuerst im speziellen Fechtrollstuhl Platz. Anhand der Armlänge wird der Abstand gemessen, den die Fechter zwischen sich haben müssen. Die Rollstühle werden dann auf Platten am Boden fixiert, damit sie beim wilden Degenschwingen nicht umgeworfen werden.

Trotz der statischen Rollstühle büsst das Fechten nichts an seiner Dynamik ein – das merken auch die Gegner von Patrick Hofer. «Der Eine oder Andere denkt, er könnte es gemütlich angehen, weil er dabei sitzt. Dann kommt er aber trotzdem recht ins Schwitzen», sagt er mit einem Lachen.

Von Geburt an im Rollstuhl

Hofer wurde mit einem offenen Rücken geboren. Die Fehlbildung kann verschiedene Ausprägungen haben, nicht alle Betroffenen sind gleich beeinträchtigt. Einige Schritte kann Hofer gehen. Kurze Treppen lassen sich meistern, zu Hause bewegt er sich gänzlich gehend fort. «Es ist wohl einfacher, wenn man mit Handicap auf die Welt kommt und es nicht anders kennt. Dann hat man eine andere Einstellung. Ich weiss nicht, ob ich denselben Willen hätte, wenn ich erst durch einen Unfall in den Rollstuhl gekommen wäre», sagt er.

Seine Primarschulzeit verbrachte Hofer in einer öffentlichen Schule in Zufikon. Vor 30 Jahren sei die Integration dort allerdings noch nicht so einfach gewesen, gerade auch die Lehrer taten sich mit dem Kind im Rollstuhl schwer.

«Heute sind die öffentlichen Schulen sicher weiter bei der Integration. Dass sie das probieren und Fortschritte erzielen wollen, finde ich wichtig.» Für ihn persönlich war der Wechsel auf die Sonderschule in Dättwil der richtige Weg: «Dort bin ich dann aufgeblüht. Ich war nicht mehr der Einzige mit Handicap, man wurde nicht komisch angeguckt.» Berufliche Erfüllung findet er bis heute als Bauzeichner, der Job ist ihm das Wichtigste.

Seit zwei Jahren fechtbegeistert

«Mit Handicap muss man sich immer etwas mehr beweisen als andere», sagt Hofer. Vielleicht hat er auch deshalb im Mai 2017 mit dem Rollstuhlfechten angefangen. Die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung, also der Verband Querschnittsgelähmter, bot damals Schnupperkurse für Rollstuhlsportarten in Nottwil LU an. «Fechten im Rollstuhl habe ich mir gar nicht vorstellen können. Umso mehr war ich dann von der Geschwindigkeit und Genauigkeit begeistert, die in dem Sport den Takt angeben», schwärmt er.

Rasch informierte er sich über Fechtclubs, in denen er am Training teilnehmen kann. In Baden fand sich sofort die perfekte Adresse für den Zufiker: Geografisch nahe gelegen, ausserdem waren, wie es der Zufall wollte, die Bedingungen für das Rollstuhlfechten schon gegeben: Trainer Andreas Haldimann baute die Abteilung mit einem damaligen Juniorfechter bereits 2012 auf. Am Abend des Schnupperkurses noch schrieb Hofer eine Mail an Haldimann, eine Woche später besuchte er bereits das Training – seitdem hat er kein Treffen des Fechtclubs verpasst.

Sein Eifer beeindruckte auch die Vorstandsmitglieder; bei der nächsten GV wurde das Neumitglied zum Präsidenten gewählt. Schon immer war Hofer ein Vereinsmensch: Zuvor war er lange Jungschützenleiter im Schützenverein. Vorstandserfahrung sammelte er bereits als Aktuar in der Guggenmusik, in der er Trompete spielte. Mittlerweile geht er im Rollstuhlfechten völlig auf.

Dabei motiviert ihn vor allem sein grosses Ziel: die Teilnahme an den Paralympischen Spielen 2024 in Paris. «Ich selbst habe da gar nicht dran gedacht, aber mein Trainer hat es als Ziel vorgeschlagen. Wenn er das sagt, muss ich wohl schon Potenzial haben», sagt er mit einem Lachen. Bis zur Qualifikation für die Paralympics brauche er aber noch viel Training und Vorbereitungszeit.

Keine Turniere in der Schweiz

Als Anfänger fehlt ihm schlicht auch die Turniererfahrung. Erschwerend kommt hinzu, dass Hofer bis anhin an keinen Turnieren in der Schweiz teilnehmen kann. Der Schweizerische Fechtverband hat das Rollstuhlfechten nämlich noch nicht in den Fechtsport integriert. In Deutschland und Frankreich können Rollstuhlfechter längst auch an den nationalen Meisterschaften teilnehme. Ohne die Zustimmung des Fechtverbands ist dies in der Schweiz nicht möglich. Eine Interessengruppe, die Hofer mitinitiiert hat, will nun mit dem Fechtverband für die Öffnung der Schweizer Turniere ins Gespräch treten.

Momentan muss Hofer dennoch für Turniere ins Ausland reisen, meist nach Frankreich zum «Cirque national». Sein erstes Turnier bestritt er im vergangenen März beim World Cup in Pisa. Gerade gegen die Besten der Besten unter den Rollstuhlfechtern anzutreten, war eine besondere Erfahrung. «So nervös wie vor dem Turnier war ich noch nie. Zumindest mein Ziel, unter den 36 Teilnehmern nicht Letzter zu werden, habe ich erreicht», erzählt er.

Beim nächsten World Cup im März will er sich einige Ränge besser platzieren. Die Bedingungen sind gut: Seit Dezember weiss er ein ganzes Betreuungsteam hinter sich. Die ehemalige Schweizer Fechtmeisterin Franziska Sterchi unterstützt ihn als persönliche Trainerin, ihr Mann Franz kümmert sich als Manager um die Organisation von Turnieren – Patrick Hofer selbst kann sich so gänzlich auf den Sport konzentrieren.

Er will mit seinem Beispiel vorangehen und zeigen, dass es möglich ist, auch im Rollstuhl Sport zu treiben und sogar Randsportarten auszuüben. «Wenn man will, geht alles» ist sein Credo. Im Rollstuhlfechten wünscht er sich mehr Sportler, die Türen beim Fechtclub Baden stünden immer offen.