Orlando Siegenthaler
Dieser Aargauer stellt Luxus-Ledertaschen her – auch diamantbesetzte für de Sede in Hollywood

Orlando Siegenthaler stellt in Rieden Ledertaschen her. Seine Kreationen kann man sogar in Los Angeles kaufen.

Anja Ringele
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Orlando Siegenthaler stellt Ledertaschen her in Rieden
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Unter dem Label "Orlando Maroquinier" designt und produziert Siegenthaler Frauenhandtaschen im Luxussegment.
Das Atelier steht im Oederlin-Areal in Rieden.
Orlando Siegenthaler gründete mit vier Kollegen während der Kantizeit eine Band mit dem Namen «Please Nice».
Weitere Bilder aus SIegenthalers Werkstatt.

Orlando Siegenthaler stellt Ledertaschen her in Rieden

Sandra Ardizzone

Betritt man das «Atelier Ouvert» in Rieden, steigt der Geruch von Leder sofort in die Nase. «Ach ja? Das rieche ich gar nicht mehr», sagt Orlando Siegenthaler, auch bekannt unter dem Label Orlando Maroquinier. An der Landstrasse 1 empfängt der 30-Jährige seine Kunden, um mit ihnen die Tasche ihrer Wünsche zu kreieren.

Die Berufsbezeichnung für seine Tätigkeit nennt sich Maroquinier: Er designt die Lederwaren nicht nur, sondern näht sie an seinem Werktisch von Hand mit Nadel und Faden — und das mit Erfolg. Der traditionelle Klingnauer Ledermöbelhersteller de Sede gab bei ihm die Herstellung einer diamantbesetzten Tasche in Auftrag. Fünf Exemplare davon stehen nun im de-Sede-Geschäft in Los Angeles.

Im Dezember ist es ein Jahr her, dass der Badener seine Werkstatt eröffnete. Der Werdegang mag für manche ungewöhnlich erscheinen, denn: Siegenthaler hat einen Master-Abschluss in Betriebsökonomie (BWL). Auf die Frage, wie er von einem BWL-Studium auf die Herstellung von Taschen gekommen sei, muss er lachen: «Das ist wohl das Dümmste, was man daraus machen kann, nicht?» Doch dann erklärt er: «Ich habe mich schon immer gerne handwerklich betätigt, und die traditionelle Herstellungsart eines Maroquiniers fasziniert mich.»

Ausserdem sei für ihn die Arbeit bei einer Bank oder Versicherung nie infrage gekommen. Wieso denn das Wirtschaftsstudium? «Das Studium gibt ein Background-Wissen, das sehr nützlich ist, wenn man sich selbstständig machen will.» Auch sei eine solide Ausbildung wichtig, die einen Plan B garantiere.

Schliesslich verband er das erlernte Wissen, das Interesse am Handwerk und die Freude am Reisen in der Gründung einer eigenen Maroquinier-Werkstatt. Da der Beruf in der Schweiz nicht weit verbreitet ist, zog es den Badener nach dem Studium nach Paris, wo er Kurse absolvierte und sich so das traditionelle Handwerk aneignete. Die meisten seiner Arbeitsinstrumente und Werkzeuge nahm er gleich aus der Modemetropole mit.

Beim Rundgang durch seine Werkstatt fällt allerdings eine Maschine auf, die normalerweise für ein anderes Accessoire verwendet wird. «Ich schneide die runden Metallteile der Taschen mit einem 40-jährigen Uhrmacher-Drehwerk», sagt Siegenthaler. «Die Maschine arbeitet mit höchster Präzision, die ich für die Teile benötige.»

Vom Maroquinier zum Musiker

Steigt man die Treppe in seinem Atelier hoch, die von der Werkstatt auf ein Holzplateau führt, taucht man in eine Welt abseits der Taschen ein. An der Wand hängen vier E-Gitarren, am Boden liegt ein Stapel Schallplatten. Es ist der Ort, an dem Siegenthaler zum Musiker wird: «Hier spiele ich abends auf meiner Gitarre, da ich mit meiner Frau in einer Wohnung lebe und die Nachbarn nicht stören möchte.»

Aufgewachsen in Fislisbach, besuchte Siegenthaler die Kantonsschule Baden und gründete mit vier Kollegen eine Band unter dem Namen «Please Nice». Über den Namen schmunzelt er heute noch: «Wir übersetzten das Wort Bitteschön ins Englische – keine Ahnung, was wir uns dabei dachten.» Nach der Kantizeit geriet die Musik und damit auch die Band in den Hintergrund. Heute geniesst Siegenthaler das Musizieren als Ausgleich zur Arbeit. Es gibt aber auch Abende, wo die Gitarre an der Wand hängen bleibt. «Die Arbeitszeiten hängen von den Aufträgen ab. Es kam auch schon vor, dass ich bis um 22 Uhr in der Werkstatt war», sagt Orlando Siegenthaler.

Für die Herstellung einer Tasche brauche er im Durchschnitt drei bis fünf Tage à je sechs Stunden Arbeit. Dementsprechend liegen die Preise der Taschen zwischen 1300 und 3200 Franken. «Davon kann ich gut leben. Es besteht aber natürlich noch Luft nach oben.» Der Aargauer bleibt trotz der Zusammenarbeit mit De Sede bescheiden: «Klar wäre es schön, irgendwann einmal ein berühmtes Label zu sein. Doch ich möchte die Transparenz beibehalten, die ich im Moment gewährleiste.»

Umweltbewusstes Luxusprodukt

Siegenthaler legt viel Wert darauf, dass seine Kunden Einblick in die Hintergrundprozesse erhalten. Dazu gehört auch das Wissen über die Herkunft der Materialien. Sein Leder stammt grösstenteils aus Deutschland und wurde nachhaltig produziert. «Das Ziel war, ein umweltbewusstes Luxusprodukt herzustellen.» Deshalb investierte er im Vorfeld viel Zeit in das Finden von geeigneten Materialien und Herstellern. In Zukunft möchte Siegenthaler Leder auch in Form von Notizbüchlein verarbeiten. Zusätzlich tüftelt er an einer Tasche aus nur einem Stück Leder sowie an einer Männerhandtasche. «Ein Kunde äusserte den Wunsch einer Tasche, die Männer in den Ausgang mitnehmen können.» Ein Auftrag, der einfacher klinge, als er sei. «Das ist das Faszinierende an dem Beruf: Man kann sich kreativ austoben.»

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