Fast alle Passanten bleiben vor der Scheune an der Badener Kronengasse stehen. Sie ist mit Baujahr 1517 nicht nur eines der ältesten Häuser Badens, sondern auch das letzte ganz aus Holz bestehende Gebäude der Stadt. Zudem wecken die riesigen Bogenfenster die Neugier. Doch deuten können die wenigsten die auf dem grossen Tisch chaotisch verstreuten Fotografien und Pläne zu Kirchen, Schlössern und anderen historischen Bauten im ganzen Aargau. Hier schaltet und waltet Castor Huser: ein Architekt, dessen Leidenschaft nicht den Neubauten auf der grünen Wiese gehört. Sondern den kulturhistorisch wertvollen Werken längst vergangener Meister, denen er mit einem Team von Spezialisten in minutiöser Detailarbeit wieder zu ihrer ursprünglichen Schönheit verhilft.

Kein Laie kann ermessen, wie viele Recherchen und Arbeitsstunden, ja, Detektivarbeit, hinter den oftmals Millionen teuren Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten liegen. Dank ihm können auch kommende Generationen das Propstei-Gebäude in Klingnau, das Kloster Fahr, die Schlösser Wildegg, Hallwyl und Liebegg, die Kirche Berikon oder das Verenamünster Bad Zurzach wieder mit all den ursprünglichen und einzigartigen Details bewundern.

«Ich bin ein absoluter Praktiker»

Es war eine geradlinig akademische Karriere, die zu Castor Husers Traumberuf führte. An ihrem Anfang stand eine glückliche Jugend mit sechs Geschwistern in Niederrohrdorf, wo er heute noch wohnt. «Unsere Eltern hatten einen kleinen Bauernhof und ich melkte oft unsere sechs Kühe, weil ich das am besten konnte in der Familie.» Nach Schulabschluss wollte er Schreiner werden, spürte aber bald, dass ihm dieser Beruf zu einseitig war, machte die Matura und entschloss sich fürs Architekturstudium an der ETH. Aber auch da tat er sich schwer: «Ich bin ein absoluter Praktiker. Mir war der ganze Lernstoff viel zu theoretisch.» Nach dem Diplom holte ihn die Praxis an seiner ersten Stelle beim Badener Architekten Dieter Boller schneller ein, als ihm lieb war. «Ich übernahm von 1978 bis 1986 die Bauleitung für die Gesamtsanierung von Schloss Lenzburg. Das war ohne praktische Erfahrung richtig hart. Nächtelang durchstöberte ich das Archiv nach historischen Dokumenten und Unterlagen von ähnlichen Objekten, um die Kosten im Griff zu behalten.»

1986 gründete er sein eigenes Architekturunternehmen. Mittlerweile hat er so viele Schlösser, Kirchen und andere historische Bauten im Aargau saniert, restauriert oder renoviert, wie kaum ein anderer. Die Auftragsflut führt er weitgehend auf seine genaue Kostenermittlung und die Erfahrung in der Sanierung historischer Bauten in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege zurück.

Ein fanatischer Spurensucher

Huser ist nicht nur ein pragmatischer Buchhalter. Er ist auch ein fanatischer Spurensucher, der niemals aufgibt, bis er fündig wird. So liess er nach intensiven Recherchen fehlende historische Beschläge an Fenster und Türen im einstigen Biedermeier-Schloss Liebegg originalgetreu nachbauen. Und wenn es um die Bewahrung schöner Bausubstanz geht, ist er bereit, für seine Anliegen zu streiten. «Wie man die für neue Nutzungen erforderlichen Veränderungen harmonisch in die bestehende Bausubstanz eingliedern kann, ist oft eine Gratwanderung», sinniert er.

Seinen Augen entgeht kein Detail

Jeder historische Bau stellt den Architekten vor neue Herausforderungen. Im Haus zum Schwert in Baden fand Huser im Estrich eine alte wertvolle Seidentapete, die beim Umbau zur Bank rausgerissen wurde. Er liess sie restaurieren und sorgfältig wieder aufziehen. Die Wände der Kirche Berikon waren weiss übermalt worden. Anhand alter Fotos und einzelner Farbflecken rekonstruierte er mit Spezialisten die ursprüngliche neugotische Malerei. Zudem liess er Hunderte der längst verloren gegangenen Decken-Rosetten originalgetreu nachgiessen. Das Fresko des Stadtturms Baden wurde nach barockem Vorschlag auf einen neuen Kalkverputz aufgemalt.

Castor Huser kraxelt oft tagelang in den alten Gebäuden herum und erforscht sie mit detektivischem Spürsinn. Seinen Augen entgeht kein noch so verborgenes Detail, auch wenn der Zahn der Zeit noch so sehr daran genagt hat. Als Bauleiter vor Ort wacht er darüber, dass bis in den letzten Winkel die richtigen Profile und Materialien zur Verwendung kommen. Zurzeit arbeitet er mit seinem Team an den Kirchen in Wohlenschwil, Leuggern, Birmenstorf und Waltenschwil. Sein grösstes Projekt ist gegenwärtig aber die Gesamtsanierung von Schloss Rued.

Leitung liegt nun bei Sohn Mario

Ferien? Hat der Vater von vier erwachsenen Kindern jahrzehntelang nicht gemacht. Das freilich könnte sich jetzt ändern. Vor einem Jahr hat er die Leitung seiner Castor Huser Architekten AG an Sohn Mario übergeben. Denn er wünscht sich mehr Zeit fürs Reisen und Fotografieren. Zudem ist er ein leidenschaftlicher Tänzer und besucht seit 15 Jahren regelmässig Kurse. Doch mehr Begeisterung als beim Aufzählen seiner Hobbys zeigt er, als er auf die renovationsbedürftige Kirche in Leuggern zu sprechen kommt. Sein Blick wird unternehmungslustig, hinter seinem grauen Schnauz erscheint sogar so etwas wie ein Lächeln. Dieses freilich verfliegt sogleich wieder, als er für den Fotografen des «Badener Tagblatt» posieren sollte. Das ist ihm äusserst unangenehm, ja lästig. «Ich steh als Person nicht gerne im Mittelpunkt. Ich lasse lieber meine Arbeit für mich sprechen.» Seine Weigerung lässt sich wohl leicht erklären. Wer sich ein Leben lang mit Jahrhunderte alten Monumenten beschäftigt, der kommt sich selbst nicht so wichtig vor.