Die Mittagszeit ist um, noch sitzen die Menschen gemütlich an den schweren Holztischen im christlichen Sozialwerk «Hope» in Baden. Es wird gelacht und geredet, keiner der Anwesenden scheint es eilig zu haben. Auch Michael Torti hat es sich an einem der Tische gemütlich gemacht.

Der 49-Jährige ist seit drei Jahren arbeitssuchend – erfolglos. «Jetzt bin ich ein Sozialfall», sagt Torti und streicht sich über den rasierten Kopf. Vor vier Monaten musste er schliesslich seine Wohnung in Nussbaumen verlassen. Für drei Monate konnte der gelernte Automonteur in einem Zimmer in Ehrendingen wohnen und seit Anfang Dezember lebt er in Baden in einem WG-Zimmer. Dort leben auch andere Sozialhilfebezüger. «Mein grösster Wunsch ist es aber, wieder eine eigene Wohnung zu finden», so Torti. Dabei hilft ihm das «Hope».

Das Sozialwerk bietet seinen Besuchern Unterstützung bei der Wohnungssuche an. «Wir helfen mit, ein Bewerbungsdossier zusammenzustellen», sagt Stephan Grossenbacher, der die Beratungsstelle für Wohnfragen leitet. Meldet sich ein Vermieter lange Zeit nicht, ruft Grossenbacher auch mal an. «Denn häufig bestehen Berührungsängste Sozialhilfebezügern gegenüber. Im persönlichen Gespräch können eventuelle Vorurteile geklärt werden», sagt Grossenbacher.

Michael Torti ist auf die Unterstützung des «Hope» angewiesen: «Als Sozialhilfebezüger kann man seine Steuern nicht mehr zahlen, das gibt automatisch eine Betreibung von der Gemeinde.» Alleine habe er keine Chance, eine Wohnung zu finden. Deshalb soll das «Hope» für ihn ein gutes Wort beim Vermieter einlegen.

Ab 2012 ging es bergab

Aufgewachsen ist Torti im Kanton Zürich. Seine Mutter war alleinerziehend und arbeitete zu unregelmässigen Zeiten. Deshalb verbrachte Torti seine Kindheit in einem christlichen Kinderheim in Mettmenstetten. Seinen Vater lernte er nicht kennen.

Nachdem er seine Lehre als Autoservicemann abgeschlossen hatte, arbeitete Torti einige Jahre temporär in Elektrobetrieben. In den Neunzigerjahren verschlug es ihn dann in den Verkauf. «In dieser Branche kam ich aber schnell an meine Grenzen. Es drehte sich alles nur um die Leistung, da fühlte ich mich unwohl.»

Michael Torti über das Schwierigste in seiner Situation und darüber, wie ihm das Hope hilft.

Michael Torti über das Schwierigste in seiner Situation und darüber, wie ihm das Hope hilft.

Schliesslich sei er ein Mensch und keine Maschine. Auch eckte er bei der Geschäftsführung öfters an. Dann schaffte Torti den Sprung ins Lager und die Logistik, wo er später als Staplerfahrer arbeitete.

Von 2012 an ging es aber bergab: «Ich war gesundheitlich sehr angeschlagen, ich hatte eine schlimme Diskushernie», erklärt Torti und fügt an: «Deshalb habe ich damals entschieden, so geht es nicht weiter, und habe gekündigt.» Während er spricht, zieht er die dunklen Augenbrauen nachdenklich zusammen.

Sein Ziel sei es gewesen, eine Alternative zu finden, die körperlich nicht so belastend ist. Für ein weiteres Jahr konnte er in seiner alten Firma temporär arbeiten. Doch: «Ich musste meinen Rücken in diesem Jahr behandeln lassen, sonst hätte ich mich nicht mehr bewegen können», erklärt Torti. Zwar konnte er anschliessend wieder arbeiten, doch verlängert wurde sein Vertrag nicht mehr. Seither ist der Endvierziger arbeitslos.

Ziel: Teil der Gesellschaft sein

Neben einer eigenen Wohnung steht ein neuer Job ganz oben auf der Prioritätenliste von Michael Torti. «Ich möchte arbeiten, doch ich muss auch auf meine Gesundheit achten.» Oft hätten Firmen zu hohe Ansprüche und würden ihm nicht nur körperlich, sondern auch psychisch zu viel abverlangen. Aufgeben möchte er aber nicht.

«Viele schauen mich an, als ob ich keine Chance mehr hätte. Aber ich bin noch nicht 65», sagt Torti und zieht die Augenbrauen in die Höhe. Es sei sein Wunsch, sich wirtschaftlich zu beteiligen und seinen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten. Doch eine Arbeit zu finden, das sei gar nicht so einfach. «Es gibt mehr Leute, als es Jobs gibt.» Wegen seines Alters habe er es scher in der Arbeitswelt: «Mit 49 ist man der Erste, der aus Spargründen wegrationalisiert wird. Das tut weh.»

Doch auch sonst kämpft der Sozialhilfebezüger mit Vorurteilen. Faul und selber schuld, so würden viele Leute über Menschen wie ihn denken. «Vielen ist nicht bewusst, dass jeder in eine solche Lage kommen kann.» Momentan lebt Torti von 1400 Franken. Alimente für seinen minderjährigen Sohn könne er schon länger nicht mehr zahlen. «Es ist schwer. Es ist ein sozialer Abstieg, wenn man keine Arbeit oder Wohnung mehr hat.»