Andranik Hakobyan hat einen grossen Traum. Er will sich gegen die besten Boxer dieser Welt beweisen, will an der absoluten Weltspitze mitkämpfen. Dieses Vorhaben verfolgt er seit fünf Jahren mit grosser Konsequenz. Der junge Mann mit armenischen Wurzeln war als Flüchtling in die Schweiz gekommen und hatte in Baden eine neue Heimat gefunden.

Direkt nach dem Abschluss seiner KV-Lehre setzte er voll auf den Boxsport. Entgegen allen Ratschlägen von Szenenkennern, die ihm rieten, sich auf seinen Beruf zu konzentrieren. «Ich will mehr, als bloss Schweizer Meister sein. Das kann nicht alles sein. Ich will beweisen, dass man es auch als Schweizer im Boxen bis an die Weltspitze schaffen kann», sagt Hakobyan, der seit zwei Monaten
als Profi im Superleichtgewicht (bis 63,5 Kilogramm) unterwegs ist.

Arroganz als Schutzschild

Der 26-Jährige ist überzeugt von sich und seinen Fähigkeiten. Wenn er Aussagen platziert wie «Ich bin der talentierteste Boxer der Schweiz» oder «Ich sehe mich schon jetzt auf Augenhöhe mit den Besten» und das, obwohl er erst zwei Profikämpfe bestritten hat, wird ihm dies nicht selten als Arroganz ausgelegt. Dass er mit solchen Aussagen provoziert, ist sich Andranik Hakobyan bewusst. Über seine Aussenwirkung hat er sich denn auch viele Gedanken gemacht. «Ich weiss, dass meine Aussagen arrogant klingen, auch wenn ich als Person überhaupt nicht so bin. Doch das gehört zum Boxsport», erklärt Hakobyan. «Wenn ich nicht zu 100 Prozent überzeugt wäre, dass ich der Beste der Welt sein kann, dann müsste ich aufhören. Das ist wie eine Art Schutzschild, das ich aufbaue, um meine Gegner zu beeindrucken.»

Sein eigener Chef

Doch nicht nur im Bezug auf seine Wirkung gegenüber anderen macht sich der Neo-Boxprofi Gedanken, auch in anderen Bereichen seines Lebens hinterfragt er vieles. «Ich mache nicht einfach das, was man mir sagt. Ich will wissen, warum ich etwas machen soll und wie es mir weiterhelfen kann», sagt Hakobyan. Diese Einstellung erklärt auch, weshalb der Badener seine Trainingspläne selber schreibt und immer wieder neue Ansätze ausprobiert. Sein neuster Versuch: regelmässiges Yoga- und Balletttraining. Yoga und Ballett? Als Boxer? «Ich weiss, das klingt verrückt», sagt Hakobyan. «Aber durch das Yoga habe ich gelernt, richtig zu atmen und meinen Puls schneller wieder unter Kontrolle zu bringen. Das hilft mir während eines Kampfs extrem und dank dem Ballett konnte ich meine Beweglichkeit und mein Körpergefühl verbessern.» Auch was die Ernährung und die Erholung angeht, überlässt Hakobyan nichts dem Zufall.

Andranik Hakobyan (Rot) boxt in Frenkendorf

Andranik Hakobyan (Rot) boxt in Frenkendorf (2013)

Es passt ins Bild, dass er «sein eigener Chef» ist, wie er es nennt. Er schreibt nicht nur seine eigenen Trainingspläne, sondern er managt auch seine Karriere selber. Kämpfe organisieren, Gegner anfragen und Sponsoren suchen, gehört neben dem Training zu Hakobyans Alltag. «Das ist ganz schön anstrengend und eines habe
ich schnell gemerkt: Ohne Geld läuft leider gar nichts», meint er.

Grosse Bühne in Hamburg

Um sich mit den Besten zu messen, muss Hakobyan in der Weltrangliste nach oben klettern. Und dafür braucht er Kämpfe gegen bessere Gegner und die kosten Geld. Mehrere tausend Franken muss der Herausforderer bezahlen, damit ein Kampf überhaupt zustande kommen kann. Geld ist bei Andranik Hakobyan nicht im Überfluss vorhanden. Unterstützt wird er von seiner Familie und einigen Sponsoren. «Ein grosser Investor ist aber nicht am Start», so Hakobyan, der seit Anfang Jahr in Dättwil unter dem Label «CrossBoxing» sein Wissen an andere Boxer weitergibt.

Geduld ist gefragt. Doch das ist nicht die Stärke von Andranik Hakobyan. Er würde am liebsten sofort einen richtig grossen Kampf bestreiten. Umso mehr freut er sich über die Chance, sich am 2. Oktober in Hamburg auf der bisher grössten Bühne – in einem Vorkampf von Weltmeisterin Susi Kentikian vor über 4000 Zuschauern – präsentieren zu können. Ob er allerdings wirklich antreten kann, ist noch nicht klar. Bisher wurde kein passender Gegner gefunden. Der Badener Profiboxer Andranik Hakobyan muss sich also weiterhin in Geduld üben, bis er zum ganz grossen Schlag ausholen kann.