Baden
Dieser Bluesmusiker malt mit der Schnorregiige – aufs Signieren verzichtet er

Der Badener Bluesmusiker Jeff Siegrist stellt erstmals als malender Künstler im «Unikat Schauraum» in der Oberen Halde aus. 21 abstrakte Bilder zeigt er. Wie bei der Musik strebt er nach Harmonie.

Elia Diehl
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Der Blues-Doktor Jeff Siegrist malt mit seinem Instrument auch Bilder: «Die Mundharmonika ist mein Pinsel.»Alex Spichale

Der Blues-Doktor Jeff Siegrist malt mit seinem Instrument auch Bilder: «Die Mundharmonika ist mein Pinsel.»Alex Spichale

«Das ist ein typischer Thomasi.» Jeff Siegrist deutet auf die Leinwand neben der Türe. In der feinen, fast zerbrechlichen Hand hält er ein metallenes Deckblatt einer Mundharmonika. «Eye see you there», so heisse das blaue Bild, das wie ein Auge auf den Betrachter zurückschaut. Es ist sein liebstes und zeigt, wie der 47-Jährige den Moment nach dem Tod sieht. «Ein Engel erwartet Dich am Ende des Tunnels.»

21 abstrakte Bilder sind noch bis Ende September im «Unikat Schauraum» an der Oberen Halde ausgestellt. Erstmals tritt der Badener Bluesmusiker als Thomasi – wie er sich in Anlehnung an seinen bürgerlichen Namen nennt – und als malender Künstler in die Öffentlichkeit. «Der Maler ist Jeff Siegrist», präzisiert er, «das Bild ist ein Thomasi.»

Was verbindet den Harmonika-Spieler, den «Blues-Doktor» und den Maler Jeff Siegrist? Das Streben nach Harmonie. In der Musik. Im Leben. Im Bild. Im Zentrum seiner schlichten und gradlinigen Malerei steht der Einklang der Farben. Das ist auch der Grund, weshalb Jeff Siegrist seine Bilder nicht signiert, «es würde sie ruinieren».

So gibt es zu jedem verkauften Bild ein Deckblatt einer Blues-Harp (Mundharmonika) als Echtheitszertifikat dazu. «Darauf ist meine Thomasi-Signatur eingeätzt.» Das Metallblättchen der «Schnorregiige» dient dem Blues-Musiker nämlich zeitgleich auch als Malinstrument. Damit trägt er Farbe auf, ritzt und kratzt er auf der Leinwand. So heisst seine erste Ausstellung schlicht «Die Harmonika ist sein Pinsel.»

Sinn des Lebens erschaffen

«Ich bin eben kein richtiger Maler wie Attila Herendi», begründet Jeff Siegrist fast entschuldigend, als der bekannte Badener Künstler den Schauraum betritt. Er habe weder eine Ausbildung noch langjährige Erfahrung. Dennoch wolle er sich abheben, einmalig sein.

«Wir sind alle als Originale geboren, doch leider sterben viele als Kopie.» Beim Malen schalte er den Kopf aus, meist lasse er sich einfach treiben. «Ich experimentiere mit dem Zufälligen.» Witzige Ausnahme: Sein Bild «der Zufall» entstand mit klarem Konzept. Aufmerksamsein und Erkennen, was das Bild aussagt: Das sind für Jeff Siegrist die wichtigsten Komponenten im Entstehungsprozess seiner Werke. «Die Kunst ist es, das Bild führen zu lassen.»

Doch wie wurde aus dem Blues-Therapeuten und Harmonika-Lehrer auch noch ein Maler? Sein Leben lang hat sich Jeff Siegrist neu erfunden – meist unfreiwillig. Doch klagen würde er nie. «Wenn Dein Leben keinen Sinn mehr hat, dann erschaffe Dir einen», sagt er, und wenns noch so dunkel sei. Er kommt mit einer zerebralen Lähmung zur Welt, verliert als 10-Jähriger den Vater an den Krebs.

Plötzlich IV-Rentner

Der gebürtige Wohler – sein Herz verlor er vor Jahren an die Stadt Baden – lässt sich aber nicht ausbremsen. Schulabschluss, Lehre als Reisefachmann, höheres Wirtschaftsdiplom, Kaderstelle. Bis er Ende der 90er plötzlich der Behinderung wegen nicht mehr den Anforderungen genügt. IV-Rentner. Frust, Ärger oder Aufgeben – nicht bei Jeff Siegrist. «Die dümmste Rebellion ist jene gegen sich selbst.» Er lebt damit, erfindet sich neu, macht sein Hobby zum Beruf, wird der Blues-Doktor.

Sommer 2012: der nächste dunkle Moment. Kein Unterricht, keine Konzerte, keine Seminare. Es fehlen die Einkünfte. Depression. «Beginn zu malen, so halte ich es mit Dir nicht aus», sagt seine Freundin. Ihr Geschenk, eine Staffelei, verstaubte jahrelang im Keller. Jeff Siegrist sagt heute: «Ich malte mir den Blues von der Seele.»

Thomasi ist keine vorübergehende Laune, es ist die nächste Weiterentwicklung des Jeff Siegrist. So ist er, er erfindet sich. Ein Buch möchte er irgendwann mal schreiben. «Dafür bin ich aber noch zu jung», sagt er schmunzelnd, «dafür muss ich noch etwas gescheiter werden.»

Unikat Schauraum, Obere Halde 32. Samstag 10–14 Uhr, Sonntag 11–14 Uhr.

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