Turgi

Dieser Coiffeur greift auch mit 87 Jahren noch leidenschaftlich zur Schere

Der Nussbaumer Charly Järmann greift auch mit 87 Jahren noch zwei Mal pro Woche als Coiffeur zu Schere und Kamm. Chris Iseli

Der Nussbaumer Charly Järmann greift auch mit 87 Jahren noch zwei Mal pro Woche als Coiffeur zu Schere und Kamm. Chris Iseli

Den Töff hat er mittlerweile in die Garage gestellt, die Schere nimmt er noch immer in die Hand: Charly Järmann ist 87-jährig und leidenschaftlicher Coiffeur.

Der Coiffeursalon des Hair Teams Huber an der Bahnhofsstrasse in Turgi wirkt mit seinen grossen Fenstern, der hellen Beleuchtung und den weissen Designermöbeln topmodern. Kurz nach Mittag ist das junge, achtköpfige Coiffeurteam schon wieder eifrig am Schneiden, Föhnen und Frisieren. Dann betritt ein Mann mit zielstrebigen Schritten den Raum. Es ist einer, den man getrost als Vertreter der alten Schule bezeichnen kann: Charly Järmann, 87-jährig, wache Augen, weisses, mittellanges Haar. Von Beruf Coiffeur.

Der Nussbaumer ist zweimal in der Woche beim Hair Team Huber, schneidet jeweils am Dienstagmorgen und Freitagnachmittag die Haare seiner Stammkunden. 48 Jahre lang besass Järmann einen eigenen Coiffeursalon in Nussbaumen. Diesen hat er im Jahre 2006 verkauft, weil «ich mal frei sein wollte», wie er sagt. Das Haareschneiden ganz aufzugeben, kam für ihn jedoch nicht infrage: «Es war eindeutig mein Wunsch, weiter zu machen», sagt Järmann und kämmt mit ruhiger Hand durch die Haare seines Kunden.

Dass dies möglich wurde, ist auch Urs Huber zu verdanken. Der Geschäftsführer des Hair Teams Huber kennt Järmann schon über 40 Jahre. «Charly und ich sind jahrelange Berufskollegen, haben viele Kurse und Seminare zusammen besucht. Daraus ist eine enge Freundschaft entstanden», sagt Huber. Als sich Järmann vor elf Jahren mit der Bitte an Huber wendete, in seinem Salon in Turgi weiterarbeiten zu dürfen, zögerte er keine Sekunde und sagte zu. «Wieso auch?», fragt Huber. Järmann erfülle alle Voraussetzungen, die es in seinem Beruf brauche: «Charly ist humorvoll, umgänglich, aufgeschlossen und versteht sich mit allen in meinem Team blendend.»

Charly Järmann mit 29 Jahren Noch heute fällt es ihm schwer, sich von seiner Arbeit zu trennen.

Charly Järmann mit 29 Jahren Noch heute fällt es ihm schwer, sich von seiner Arbeit zu trennen.

Obwohl nicht länger Besitzer eines eigenen Salons ist Järmann gewissermassen immer noch sein eigener Chef. Er ist auch nicht offiziell beim Hair Team Huber angestellt: «Er arbeitet auf eigene Rechnung», sagt Huber. Auch einen eigenen Schlüssel für das Geschäft habe er. «Charly kann hier ein- und ausgehen, wie er möchte.»

Er will sein letztes Hobby pflegen

Bei der Frage, was das Schönste an seinem Beruf sei, muss Järmann nicht lange überlegen: «Ich kann den guten Kontakt zu den Leuten erhalten und bin immer noch aktiv mit dabei.» Seine Antwort macht deutlich, dass es für ihn nicht infrage kommt, einfach auf der faulen Haut zu liegen und seinen Ruhestand zu geniessen. So sagt er auch, dass das Haareschneiden für ihn nicht nur ein Beruf sei; es ist zugleich seine «letzte geliebte Tätigkeit».

Viele Jahre war Järmann auch im Tennisclub Untersiggenthal aktiv und hat Touren auf dem Motorrad unternommen. Mit beidem hat er vor drei Jahren aufgehört, sehr zum Wohlwollen seiner Ehefrau: «Sie ist froh, dass ich nicht mehr auf den Töff steige, auch wenn ich der Meinung bin, dass das immer noch gehen würde.» Ganz anders sieht die Gefühlslage seiner Frau bei seiner letzten verbliebenen Leidenschaft, dem Coiffeursein, aus: «Früher war es schwierig für sie, dass ich so viel gearbeitet habe. Heute ist sie froh, dass sie mich ab und zu auch mal los ist», sagt er und lacht. Den Schalk im Nacken hat er gewiss noch nicht verloren.

Dass es Charly Järmann so schwerfällt, sich von seiner Arbeit zu trennen, liegt auch daran, dass er sein ganzes Leben lang Coiffeur war. Das Handwerk erlernte er als Jugendlicher und übernahm anschliessend das Geschäft seines Vaters. Einen weiteren Järmann in der Friseurbranche wird es indes nicht so schnell geben: Seine drei Söhne waren früher oft bei der Arbeit dabei, hätten sich allerdings dagegen entschieden, den Salon in Nussbaumen zu übernehmen. «Klar wäre es schön gewesen, wenn einer meiner Söhne das Geschäft fortgeführt hätte», sagt Järmann. Letztendlich habe er sie jedoch nie dazu gedrängt.

Wie lange er noch Coiffeur sein werde, lässt Järmann offen. Es gebe für ihn keinen festen Zeitpunkt zum Aufhören. Klar ist: «Wenn ich merke, dass es nicht mehr geht, dann höre ich auf. Aber solange meine Kunden mit mir noch glücklich sind, werde ich weitermachen», sagt er und schaut mit schelmischen Grinsen zu seinem langjährigen Kunden. Dieser lächelt und nickt zufrieden. Järmann hofft, dass der Ruhestand noch in weiter Ferne liegt. Bis dahin wird er auch weiterhin jeden Dienstag und Freitag Schere und Kamm in die Hand nehmen und seiner geliebten Arbeit im Salon in Turgi nachgehen.

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