Baden

Dieser Familienclan will über den Atlantik rudern

Von links: Georg Stocker, Matthias Odermatt, Peider Stocker, Sebastian Stocker. Im Ruderclub Baden.

Von links: Georg Stocker, Matthias Odermatt, Peider Stocker, Sebastian Stocker. Im Ruderclub Baden.

Drei Brüder aus Wettingen und ihr Cousin bereiten sich auf eine Grenzerfahrung vor, die exotischer ist als ein Flug in den Weltraum.

Die «Atlantic Challenge» gilt als härtestes Rennen der Welt. 1,5 Millionen Ruderschläge führen ans Ziel. Die Herausforderung: im Ruderboot den Atlantik überqueren. Die Route: von La Gomera auf den Kanarischen Inseln nach Antigua in der Karibik. Geschätzte Reisedauer: 30 bis 90 Tage.

Dieser Tortur wollen sich vier junge Aargauer stellen. Sie nennen sich Helvetic Waves. Ihr Motto: «Four Men – One Family – One Dream.» Im Boot sitzen drei Brüder aus Wettingen und ihr Cousin aus Hunzenschwil. Der Startschuss fällt am 12. Dezember 2021. Dann erfolgt der erste Ruderschlag der 5000 Kilometer langen Reise. Von diesem Tag an sind Georg Stocker (25), seine Brüder Sebastian (22) und Peider (17) sowie Cousin Matthias Odermatt (20) komplett auf sich alleine gestellt. Nur ein GPS-Signal und ein Satellitentelefon verbindet sie mit dem Rest der Welt. Ihr Boot wollen sie stets in Bewegung halten. Zwei werden rudern, zwei ruhen sich aus. Im Zwei-Stunden-Takt wird gewechselt. Schlafentzug, Wunden voll Salzwasser und bis zu sechs Meter hohe Wellen sind nur ein Teil der enormen Belastung, die das Team an seine Grenzen bringen wird. Kein Wunder, sind bisher mehr Menschen in den Weltraum geflogen als über den Atlantik gerudert.

Georg Stocker (von vorne nach hinten), Sebastian Stocker, Matthias Odermatt und Peider Stocker wollen den Atlantik überqueren – in einem Ruderboot. Bild: zvg

Georg Stocker (von vorne nach hinten), Sebastian Stocker, Matthias Odermatt und Peider Stocker wollen den Atlantik überqueren – in einem Ruderboot. Bild: zvg

Vor einem Jahr zum ersten Mal im Ruderboot

Kommt hinzu: Die vier sind keine Ruderprofis, sondern Anfänger. Vor einem Jahr, als das Projekt ins Leben gerufen wurde, sassen sie erstmals zusammen in einem Ruderboot. Der Initiant des waghalsigen Abenteuers ist Georg Stocker. Im Militär lernte der Grenadier zwei Mitglieder von Swiss Mocean kennen. Deren Boot ging im ­Dezember 2017 an den Start der Atlantic Challenge, als einziges von 26 Booten aus einem Land ohne Meeranschluss. Es war das allererste Mal, dass sich ein Schweizer Team an den Wahnsinn der Atlantiküberquerung wagte.

Georg Stocker verfolgte die Vorbereitung des Teams, fieberte auf Youtube und später bei der TV-Ausstrahlung «Rudern am Limit» mit. Schnell war für den angehenden Umweltingenieur klar: «Entweder ich träume nur davon, oder ich nehme es selbst in die Hand.»

Überzeugungsarbeit bei den Teamkameraden war dabei kaum vonnöten. «Als ich meinem Bruder Sebastian die ­Videos gezeigt hatte, war er sofort dabei», sagt Georg Stocker. Nachdem er einige Nächte darüber geschlafen hatte, schloss sich auch Maurerlehrling Peider Stocker an. Und als Cousin Matthias Odermatt von der Aktion Wind bekommen hatte, war das Boot voll. Und die Reaktionen aus dem Umfeld? «Die Kollegen finden es cool», sagt Georg ­Stocker, «unsere Mutter wollte es nicht recht glauben, und die Freundin meines Bruders hat uns für verrückt erklärt.» Doch im Team seien alle vom Projekt überzeugt und voller Vorfreude, auch wenn die Aufgabe viel Respekt erfordere. «Diese Challenge wird zu einer einschneidenden Erfahrung, die uns als Familie und Individuen fürs Leben nachhaltig prägen und weiterbringen wird», ist Georg Stocker überzeugt.

Um sich auf die Strapazen vorzubereiten, hat sich das Quartett dem Ruderclub Baden angeschlossen. Betreut wird das Team von Anton Flohr, Junioren-Vizeweltmeister im Vierer. Ausserdem begleitet ein Ausschuss des Vorstandes unter der Leitung des Präsidenten David Bodmer das Projekt. «Der Vorstand unterstützt das Vorhaben und freut sich über eine gute Aufnahme der vier im Club», schreibt der Verein in einer Mitteilung. «Bis zum Start gibt es noch viel zu lernen, die Finanzierung zu sichern und an Technik und Kondition zu arbeiten.»

Zurückhalten wollen auch die Experten vom Ruderclub die jungen Abenteurer nicht. Im Gegenteil. «Im Club waren alle sofort begeistert und fanden, dass wir sehr schnell eine sehr gute Dynamik und Technik in unser Team gebracht haben», sagt Georg Stocker. Vorerst trainiert der Familien-Clan im Gig-Boot – einem Bootstyp für die Ruderausbildung – auf der Limmat und noch nicht im hochseetauglichen Doppelvierer.

Zehn Liter Wasser pro Tag müssen die Ruderer trinken

Im nächsten Jahr wollen sie das Boot für die Atlantiküberquerung kaufen. Drei Ruderplätze hat es, vorne und hinten Kabinen zum Schlafen, eine Solar- und eine Wasseraufbereitungsanlage. Fünf- bis siebenmal pro Woche trainiert das Team, eine Ausbildung in Navigation, Meteorologie und Wegplanung ist erforderlich. Die Kommunikation, die Sicherheitsausrüstung und die Erste Hilfe auf dem Wasser gilt es zu beherrschen. Dazu kommen Kraft-, Ausdauer- und Rudertraining. Während des Rennens benötigt jeder Athlet zehn Liter Wasser und verbrennt 5000 Kalorien pro Tag. Vor dem Start muss das Boot mit Proviant für 90 Tage beladen werden, so will es die Vorschrift der Organisatoren. Durchschnittlich nimmt ein Teilnehmer während der Atlantic Challenge 12 Kilogramm ab. Deshalb gilt es, im Vorfeld auch zusätzliche Masse aufzubauen.

«Das Bewusstsein, dieser Naturgewalt ausgesetzt zu sein, zu erahnen, wie klein wir in dieser Welt sind, muss unglaublich sein», sagt Georg Stocker. Das Budget für ihr Abenteuer beträgt rund 150000 Franken. Sponsoren und eine Spendenaktion sollen den Weg ebnen. Auf der Crowdfunding-Plattform lokalhelden.ch wollen Helvetic ­Waves 30000 Franken sammeln. Den Reinerlös nach der Projektumsetzung wollen die vier einer gemeinnützigen Organisation spenden.

Den Verlauf des Projekts kann man auch auf Facebook und Instagram verfolgen. Doch bis die drei Wettinger und ihr Cousin in See stechen, gibt es noch einiges zu tun. Georg Stocker: «Abgegrenzt von der Welt, psychisch und physisch immer wieder an seine Grenzen zu stossen und darüber hinauszuwachsen. Dieser Gedanke gibt mir Antrieb, dieses Unternehmen voranzutreiben.»

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