Jakob Schmid aus Künten ging mit 63 Jahren gut vorbereitet in den Ruhestand: Als Finanz- und Steuerberater bei der Neuen Aargauer Bank war er mit vielen Menschen in Kontakt gekommen, die kurz vor der Pensionierung standen. Er fragte sie alle nach ihren Plänen und legte eine Liste an – mit unzähligen Ideen und Möglichkeiten, wie man die wunderbare Zeit nach dem ordentlichen Arbeitsleben sinnvoll verbringen könnte. «Auf dieser Liste stand auch ‹Freiwilliger Helfer bei der Schweizer Tafel›», berichtet der 66-jährige Jakob Schmid.

«Das wäre was», habe er gleich gedacht. «Die Schweizer Tafel sammelt bei Grossverteilern, Produzenten und Detaillisten überschüssige, einwandfreie Lebensmittel ein, deren Verkaufs-, nicht aber das Verbrauchsdatum abgelaufen ist, und verteilt diese Lebensmittel gratis an soziale Einrichtungen», erklärt Jakob Schmid. «Als freiwilliger Helfer bin ich zusammen mit einem Zivildienstleistenden im Aargau unterwegs. Mit unserem Kühlwagen absolvieren wir zwei verschiedene, ausgeklügelte Routen, auf denen laufend Lebensmittel eingesammelt und gleich wieder verteilt werden. Am meisten Ware erhalten wir von den diversen Coop-Filialen.» Bei Coop, erlebt Jakob Schmid auf den Touren, die er immer am Mittwoch und am Donnerstag absolviert, gehe man ausserordentlich sorgfältig und respektvoll mit den Lebensmitteln um, die für die Schweizer Tafel bereitgestellt würden. Am anderen Ende der Sorgfaltsskala stehe hingegen Aldi.

Bauern bieten Lebensmittel an

Es gibt aber auch Bauern, die gleich ein paar Lastwagenladungen überschüssige Kürbisse, Äpfel oder Kartoffeln anbieten. «Das sind natürlich tolle Geschenke, weil diese Lebensmittel nicht schnell verderben und die sozialen Institutionen ihre Menüpläne danach richten können», weiss Jakob Schmid. Willkommen ist aber grundsätzlich alles: «In den sozialen Institutionen sind die Freude und die Dankbarkeit immer riesig – erst recht, wenn wir wieder einmal kiloweise Schokolade direkt von Schoggi Frey zu verteilen haben oder eine Ladung 5-Kilo-Kübel Glace», schmunzelt Jakob Schmid. «Einmal erhielten wir aufgrund einer Überproduktion ein paar Tonnen Fertigrösti direkt ab Fabrik.»

Doch Jakob Schmid und «sein» jeweiliger Zivi werden alles los – egal, ob es sich um Eier, Milch oder Aprikosenjoghurt mit falschen Deckeli (Himbeere) handelt. Sie wissen, wo was gewünscht wird, und bedienen ihre Kunden zuverlässig. Jakob Schmid hat Spass an seiner freiwilligen Tätigkeit, die zwar viel Zeit beansprucht und auch körperlich anstrengend ist. «Ich schätze den Kontakt mit den jungen Zivis, die Gespräche über Gott und die Welt, das Unterwegssein – aber auch die Tatsache, dass wir etwas sehr Sinnvolles tun», erklärt Jakob Schmid.

«Unfassbar, dass Menschen hungern müssen»

«Für mich ist es irgendwie unfassbar, dass Menschen auf der Welt hungern müssen, obwohl wir hier in einem solchen Überfluss leben», sagt Jakob Schmid. «Wenn man bedenkt, dass es möglich ist, Waffen in die hinterste Ecke von Afghanistan zu schicken, sollte es doch auch machbar sein, Lebensmittel nach Afrika zu senden.» Er jedenfalls hilft mit, dass Unmengen von tadellosen Esswaren nicht einfach sinnlos fortgeworfen werden, sondern Menschen zugutekommen, die sozial benachteiligt, geistig, körperlich oder psychisch beeinträchtigt sind. Allein im letzten Jahr hat die Schweizer Tafel an soziale Institutionen im Kanton Aargau 274540 Kilogramm Lebensmittel im Wert von
1,79 Millionen Franken verteilt.

Aber zwischen Frühling und Sommer nimmt sich Jakob Schmid stets eine längere Auszeit: Er hängt den Wohnwagen an sein Auto und macht sich gemeinsam mit seiner Frau Heidi für drei Monate auf und davon.

Internet: www.schweizertafel.ch