Wettingen
Dieser Megagottesdienst lockte 700 Menschen an

Die Evangelische Allianz Baden-Wettingen feierte am Sonntag einen Gottesdienst im Tägi Wettingen – ein Erfahrungsbericht eines Ungläubigen.

Samuel Schumacher
Merken
Drucken
Teilen
Gottesdienst der Evangelischen Allianz
5 Bilder
Impressionen vom Gottesdienst der Evangelischen Allianz Baden-Wettingen
Prediger Andreas «Boppi» Boppart
Der Gottesdienst war bestens besucht.
Mit funkigen Tunes und heiligen Lyrics heizt die Allianz-Band den 700 Gläubigen im Tägi Wettingen ein.

Gottesdienst der Evangelischen Allianz

Samuel Hochstrasser

Dezentes Licht erhellt den Tägi-Saal, Blumengestecke schmücken die Bühne vor den schier endlosen Stuhlreihen. Mehr und mehr Menschen strömen in den Raum, umarmen sich, plaudern. Vorne auf der Bühne greifen ein paar Musiker zu den Gitarren und checken die Mikrofone. Ein Holzkreuz steht etwas verloren am Bühnenrand. Ein Konzert? Eine Jahresversammlung?

Erst als die Band zu spielen beginnt und die Songtexte auf der Bühnenleinwand erscheinen, wird klar, worum es hier geht. «Ich laufe dir entgegen, Herr, und sehe: Dein Reich kommt ... Mein Erlöser lebt ... Sein Blut bedeckt meine Schuld», tönt es aus den Boxen. Ein Gottesdienst! Doch, woran glauben diese Menschen? Und wie präsentiert sich ihr Glaube dem ungläubigen Journalisten, der etwas verloren zwischen den gut 700 mitsingenden und die Hände reckenden Christen sitzt?

Organisatorin des Mega-Gottesdienstes ist die Evangelische Allianz Baden-Wettingen (EABW), eine Vereinigung von zehn Freikirchen und christlichen Sozialwerken. Die EABW will das Gärtli-Denken der christlichen Gruppierungen hinter sich lassen und gemeinsam den Glauben feiern. Mehrmals jährlich finden Veranstaltungen statt: Jugendgottesdienste, Gebetsmorgen, Kids-Partys, «WOWGOD-Events».

Neuland und Nierenwunder

Um Letzteres solls auch an diesem Sonntagmorgen im Tägi gehen. Die Moderatoren Sandra und Wilson stürmen die Bühne und begrüssen die Gläubigen. «Viel Lässiges steht auf dem Programm! Wir dürfen Gott anbeten mit unserer coolen Band», ruft Sandra und bittet alle «WOWGOD»-Mitwirkenden nach vorne. Die jungen Menschen wollen an Ostern 2016 einen dreitägigen Event organisieren und die Heilslehre Jesu in der Region bekannt machen. «Eusi Region bruucht crazy Lüüt, damet alli vo de guete Botschaft erfahred», ruft Sandra, während die Pastoren der Allianz-Gemeinden die WOWGOD-Initianten segnen und die Band zum zweiten Set ansetzt. «Di ganzi Schöpfig schreit nach dier ... König vo mim Läbe ... Treue Friedensförscht».

Dann folgt der Auftritt von Andreas «Boppi» Boppart. Der junge Profi-Prediger ist der Superstar der helvetischen Evangelikalen. Witziger als die meisten TV-Comedians, attraktiver als der durchschnittliche Mister-Schweiz-Kandidat, charmanter als alle Seelenwächter, die einen in der Jugend auf die Heil bringende Seite zu lotsen versuchten.

In breiter St. Galler Mundart setzt «Boppi» zu seiner frei gesprochenen Predigt an. Thema: «Neuland». Familie, die Kraft Gottes und Kompromissbereitschaft bilden die Pfeiler seiner mit Bibelzitaten gespickten Lebensweisheiten. Und «Boppi» begeistert die Halle. «Seid ehrlich miteinander. Schliesslich sitzen wir bald alle zusammen für die Ewigkeit in einem Himmel. Und da gibts dann keine getrennten Sitzreihen nach Kirchenzugehörigkeit», ruft er in die applaudierende Menge.

Er spricht von Gott, der einem «halt nicht wie ein Bulldozer den Weg durchs Leben» bahne und der doch unerlässlich sei. Er zitiert immer wieder die Bibelstelle Jeremia 4:3: «Nehmt Neuland unter den Pflug und sät nicht in die Dornen.» Und er erzählt von einer mysteriösen Wunderheilung an einem Jugendweekend, als Gott einem Jungen eine kranke Niere weggezaubert haben soll. «Halleluja», antwortet das Publikum.

Deftige EABW-Ideologien

Den nächsten Akt bestreitet Roland Stangl von der Organisation Open Doors, die sich weltweit für verfolgte Christen einsetzt. 100 Millionen Christen würden wegen ihres Glaubens gefoltert und diskriminiert, erzählt Stangl. Boko Haram, IS, das nordkoreanische Regime – überall lauere das Böse. «Gott beschützt die Verfolgten, aber er freut sich, wenn wir ihn dabei unterstützen», erzählt Stangl und fordert die 700 Gläubigen auf, für die Verfolgten zu beten. Köpfe werden zusammengesteckt, Gebete gemurmelt. Die Message scheint klar: Gläubiger Christ muss man sein, dann ist man auf der sicheren Seite.

Das Fazit nach zwei Stunden Megagottesdienst? «Boppis» Predigt habe ihm gezeigt, dass man sich nicht hinter seiner Bequemlichkeit verstecken soll, sagt Daniel Meier aus Schlieren. Die Badenerin Laura Loos findet’s «cool, dass die Kirchen zusammenkommen, statt sich abzukapseln», Lisa Rymann aus Würenlos ist motiviert, für Verfolgte einzustehen, und selbst der ungläubige Journalist fühlt sich von den Rednern und der tollen Musik beflügelt.

Doch da sind noch die Glaubenslehrsätze auf der EABW-Homepage. Lehrsätze, welche die Allianz als «grundlegend» bezeichnet. Lehrsätze wie: «Wir glauben an die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift, ihre völlige Zuverlässigkeit und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.» Oder: «Wir glauben an die völlige Sündhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen.»

Das tönt nach religiösem Fanatismus. Das scheint ideologisch nicht weit weg von jenen Strömungen, die derzeit mit ihren fanatischen Glaubensbekenntnissen weltweit Angst und Schrecken verbreiten. Das passt so gar nicht zu den netten Menschen am Megagottesdienst.

Was sagt EABW-Präsident Stefan Fischer dazu? Der junge Pastor und nebenberufliche Rapper antwortet mit einem Bibelzitat: «Matthäus 7:16. Ihr erkennt sie an ihrem Verhalten, so wie ihr den Baum an seinen Früchten erkennt.» Den Wert einer religiösen Haltung ermesse sich daran, was aus ihr entstehe. «Wir predigen Nächstenliebe und den Einsatz für die Mitmenschen, keinen Hass», sagt Fischer.

Und vielleicht, denkt sich dann der ungläubige Journalist, sind diese Glaubenslehrsätze sowieso Nebensache. Denn wo zwei oder drei – oder 700 – in seinem Namen versammelt sind, da soll er nach Matthäus 18:20 ja unter ihnen sein, ganz egal, wie radikal die online postulierten Glaubenslehrsätze sind.