Es ist 12 Uhr mittags, als wir Rolf Wietlisbach-Kobayashi in rund 9500 Kilometer Entfernung am Telefon erreichen. Gemeinsam mit seiner Frau Sako lebt er in Kawasaki, einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern, die an Tokio grenzt. Der 49-Jährige ist soeben von der Arbeit nach Hause gekommen. Wietlisbach-Kobayashi arbeitet als Finanzchef des deutschen Logistikunternehmens DB Schenker in Tokio. Rund 40 Minuten hat er zuvor für den Rückweg im Auto gebraucht. Das sei wenig im Gegensatz zu vielen Japanern, die bis zu drei Stunden pro Tag pendeln, erklärt er.

«Hier ist alles sehr hektisch und schnelllebig.» Das zeige sich auch anhand der zahlreichen Wolkenkratzer, die im Verlaufe des letzten Jahres aus dem Boden gewachsen sind. «Es ist verrückt, was derzeit alles gebaut wird. Hotels, Unterkünfte, Sportstätten und vieles mehr», sagt Rolf Wietlisbach-Kobayashi. Der Grund: Tokio rüstet sich für die Olympischen Spiele 2020. Doch nicht nur städtebaulich ändert sich die Millionenmetropole, sondern auch auf gesetzlicher Ebene. Erst letzten Monat hat Tokios Stadtparlament ein Rauchverbot in allen Gaststätten verabschiedet, das jedoch erst im April 2020, rechtzeitig auf Olympia hin, eingeführt wird. «Japan war schon immer ein Raucherland. Dank Olympia wird es diesbezüglich anderen Nationen nicht mehr so sehr hinterherhinken.»

«Japan ist praktisch zum Leben»

Rolf Wietlisbach-Kobayashi ist in Stetten aufgewachsen und besuchte in Mellingen die Bezirksschule. Seine Frau Sako hat er 1992 bei einem sechsmonatigen Sprachaufenthalt in England kennen gelernt. Sie verliebten sich, heirateten und wanderten 1996 nach Japan aus. Seit 2001 leben sie in der Nähe von Tokio. «Uns gefällt es momentan sehr gut hier», sagt Wietlisbach-Kobayashi. Mit seiner Frau wohnt er in einem kleinen Einfamilienhaus beim Fluss Tama. In Kawasaki gebe es verhältnismässig viel Grün. Auch bei der Tokio-Bay, wo er in einem Hochhaus arbeitet, sei es relativ ruhig. «Japan ist praktisch zum Leben.» Viele Läden haben 24 Stunden pro Tag geöffnet, es gibt Getränkeautomaten an jeder Ecke und auch für Unterhaltung ist garantiert. «Es ist nach wie vor ein sehr sicheres Land. Man kann ohne weiteres das Handy liegen lassen.»

Nichtsdestotrotz gebe es einige Dinge, an die er sich auch nach 20 Jahren noch nicht gewöhnt habe: «Sei es auf der Strasse, beim Laufen oder im Lift, die Leute sind zu einem gewissen Grad egoistisch. Das kommt daher, weil man hier sehr nahe beieinander lebt.» Auch, dass die Gebäude schlecht isoliert sind und keine Zentralheizung haben, sei ungewohnt. «In Japan heizt man nur, wenn man im Gebäude ist. Und wenn, dann mit mobilen Öl-Öfen oder mit der Klimaanlage, die es für die Sommerhitze ohnehin in jedem Raum hat», sagt er. Für Ärger sorgt bei ihm die Tatsache, dass häufig Autos am Rand der Fahrbahn abgestellt werden und den Verkehr behindern. «Ich denke mir immer, man müsste die Lenker doch darauf hinweisen, dass es verboten ist. Aber hier stört sich niemand daran.»

Sehnsucht nach der Sommerzeit

Gibt es Dinge, die er als Schweizer in Japan vermisst? «Die Sommerzeit mit den langen Abenden!», sagt Wietlisbach-Kobayashi. «Wenn ich im Sommer um 19 Uhr von der Arbeit nach Hause komme, ist es bereits dunkel. So hat man nicht mehr viel vom Abend.» Ihm fehle sehr, dass man im Sommer nicht draussen essen könne. «Weil es hier sehr heiss werden kann, essen Japaner lieber im klimatisierten Raum.» Um dennoch ein bisschen Gartenwirtschaftfeeling geniessen zu können, besucht das Ehepaar häufig ein spanisches Restaurant ganz in der Nähe seines Eigenheims: Die Beiz bietet als eine der wenigen draussen Sitzplätze an. Zudem haben die beiden auf ihrem Balkon ein Tischchen mit Stühlen und Pflanzen eingerichtet. «Das ist insofern unüblich, da die meisten den Balkon nur für das Trocknen der Wäsche benutzen», sagt er mit einem Lachen. Zu essen gibt es zu Hause meist europäische Gerichte, die einfach zum Zubereiten sind.

Gesprochen wird im Hause Wietlisbach-Kobayashi ein Mix aus Englisch und Japanisch. «Japanisch spreche ich mittlerweile gut. Mit Schreiben und Lesen habe ich hingegen Mühe. Die geschriebene Sprache ist unglaublich schwierig.» Schweizerdeutsch spricht er nur noch, wenn er bei seinen Eltern in Fislisbach zu Besuch ist. Im Schnitt fliegt er zwei- bis viermal pro Jahr in die Heimat zurück.

Ob er sich vorstellen könnte, wieder zurück in die Schweiz zu ziehen? «Nein», sagt Rolf Wietlisbach-Kobayashi. «Unser Plan ist, dass wir in ein paar Jahren in London leben und arbeiten.» Wenn sich eine Gelegenheit ergeben würde, auch sofort. «Uns gefällt das Land sehr gut, auch kulturell.» Ausserdem sei Englisch die einfachste Sprache für sie. Und: In England haben sich Rolf und Sako Wietlisbach-Kobayashi vor 26 Jahren kennen gelernt. «So würde sich ein schöner Kreis schliessen.»