Montagsporträt

Dieser Weltenbummer braut in Baden sein eigenes Bier – «Mein Leben war voller Zufälle»

Michel Rissi war Weltenbummler, Snowboardlehrer im Himalaja und betrieb ein koreanisches Restaurant in Indien. Jetzt braut er sein eigenes Bier in Baden. Es heisst «Mischmasch» und der Name treffe auch ein wenig auf ihn zu.

Es brodelt und zischt in den Räumen der ehemaligen Citroën-Garage an der Römerstrasse 1 in Baden. Wo früher Autos repariert wurden, stehen heute sieben riesige Gär- und Ausschanktanks, jeder einzelne mit 2000 Liter Fassungsvermögen.

In allen gedeiht und lagert das Bier, welches Michel Rissi in verschiedenen Geschmacksvarianten herstellt. Unter dem Label «Mischmasch» will er künftig seine speziellen Gebräue nicht nur in der Pascha-Bar ausschenken, die er mit Bruder Emanuel führt, sondern auch in anderen Gastronomie-Betrieben der Region.

«Mein Leben war voller Zufälle»

«Auf den Namen Mischmasch bin ich gekommen, weil ich mich in der Vergangenheit oft etwas ‹durchmischeln› musste. Und Masch kommt vom Maischen», erklärt der 44-Jährige, während er eines der Spundventile kontrolliert. Dann lacht er und dreht sich eine Zigarette. Obwohl deutlich sichtbar ist, wie viel Leidenschaft und Engagement in den Umbauarbeiten von der Garage zur Bierbrauerei stecken, meint er nonchalant: «Konkrete Ziele hatte ich nie. Mein Leben war voller Zufälle.»

Weltenbummler Rissi ist erst seit 2014 wieder in der Schweiz. An seine früheste Kindheit in Algerien, wo Papa Jakob als Maschineningenieur auf Montage war, kann er sich nicht mehr erinnern. Es folgten einige Jahre in Brasilien. Dann zog die inzwischen sechsköpfige Familie nach Künten.

Rissi besuchte Sekundar- und Bezirksschule in Bremgarten. Der Berufsberater riet zur Hochbauzeichner-Lehre. Doch der Heranwachsende brach sie nach zwei Jahren wieder ab. Auch sein Traum, mit der eigenen Band Karriere zu machen, zerplatzte wie eine Seifenblase. Was nun?

«Eigentlich wollte ich nach Jamaica trampen»

«Ich hatte eine Identitätskrise und wollte nach Jamaica trampen, um mich selbst zu finden.» Stattdessen landete Rissi auf seiner Sinnsuche mit ein paar Franken in der Tasche in Nordindien. «Ich hatte mich unterwegs verliebt und änderte kurzentschlossen meine Ziele», sagt der Individualist, der sich nie in eine Schublade pressen liess und stets seinen spontanen Gefühlen folgte.

Die Liebe ging, aber Michel Rissi blieb. Zwischendurch besuchte er die Familie in der Schweiz und nahm als leidenschaftlicher Snowboarder jedes Mal einige Boards mit in seine neue, schneereiche Heimat Himachal Pradesh.

1998 gründete der Abenteurer im Kullu Valley die wahrscheinlich erste Snowboard-Schule Indiens. «Eine wunderbare Zeit», erinnert er sich, während sein Blick auf den Biertanks ruht. «Leider beendete eine Fussverletzung meine Karriere als Snowboard-Lehrer.»  

Als weiterer Zufall in seinem Leben lernte er in seiner indischen Wahlheimat die Südkoreanerin Geun-young kennen. Sieben Jahre lang betrieben sie zusammen ein koreanisches Restaurant. Wenn immer möglich, reiste Rissi für einige Wochen in die Schweiz und verdiente sich mit Gelegenheitsjobs als Gärtner, Autowäscher oder Dekorationsbauer einen Zustupf für das Lokal.

Familie trieb ihn zurück in die Schweiz

2015 heiratete Rissi seine Geun-young. Die Sprösslinge Zoe, Xsiu und Milan kamen auf die Welt. Und sie waren für den Weltenbummler auch der Grund, wieder in die Schweiz zurückzukehren und erstmals in seinem Leben sesshaft zu werden. «Meine Kinder sollen hier aufwachsen und eine gute Schulbildung haben», meint der Dreifach-Vater.

Zudem wollten seine Eltern, die 18 Jahre die Pascha-Bar in der Badener Rathausgasse geführt hatten, sich altershalber langsam aus dem Geschäft zurückziehen. Michel Rissi war bereit, mit Bruder Manuel deren Nachfolge anzutreten und die Gaststätte in der zweiten Generation weiterzuführen.

Zwar kann man sich nur schwer vorstellen, dass ein Freigeist wie er plötzlich die Verantwortung für eine ganze Familie übernimmt. Doch Rissi, der sich stets kopfvoran in neue Abenteuer stürzte, geht den neuen Weg mit voller Überzeugung. «Ich durfte mich lange genug ausleben. Früher war ich immer nur auf mich selbst bezogen. Heute steht mein Nachwuchs an erster Stelle.»

Gerstensaft aus heiligem Wasser der Shiva-Quelle

Schon in Indien braute er den ersten Gerstensaft mit «heiligem Wasser» aus der Shiva-Quelle. Kontinuierlich steigert der Autodidakt sich bis zu den «grossen Maschinen», die er dank Kollegen «zu bändigen« lernte. Hierzulande gingen die ersten 1000 Liter seines Mischmasch-Biers am 17. Dezember 2017 in der Pascha-Bar über den Tresen.

Mittlerweile verfügt er über viel Erfahrung und sucht – wie es seinem Abenteuergeist entspricht - neue und unkonventionelle Wege in der Bierherstellung. Mit verschiedenen Malzmischungen, exotischem Hopfen und Badener Wasser werden die Mischmasch-Biere in den gemieteten Räumen an der Römerstrasse gebraut. Rissi hat viel vor.

Unter anderem installierte der 44-Jährige diesen Sommer eine «Tapwall» mit neun Zapfsäulen, aus der künftig verschiedene Biere mit so schönen Namen wie «Fluffy Hipster» oder «Disco Disco» degustiert werden können. Auch die rote Tanksäule und der Ford mit Baujahr 1932, beides Überbleibsel aus der Citroën-Garage, werden aufgetunt und in die Produktion der hauseigenen Mischmasch-Brauerei miteinbezogen.

Und zum ersten Mal in seinem Leben schmiedet Michel Rissi doch Pläne für die Zukunft: «Es wäre schön, wenn mein Start-up-Unternehmen erfolgreich weiterlaufen würde.» Baden ist für ihn Heimat, genauso wie es einst Indien war. «Ich fühlte mich immer dort zuhause, wo ich gerade war. Aber dank meiner jahrelanger Abwesenheit habe ich die Vorzüge der Schweiz schon enorm schätzen gelernt.»

Meistgesehen

Artboard 1