In Sven Mathiasens erstem Stück «Leuchte Turm, leuchte» mutierte ein Thermoskrug zum Leuchtturm. Kisten verwandelten sich in Gesichtern mit auf und zuklappenden Mündern. Eine sprechende Muschel symbolisierte das Meer. Für das Interview im Figurentheater Wettingen hat der Puppenspieler Kommissar Gordon auf die Bühne gesetzt. Dick und fett thront die Kröte hinter ihrer Schreibmaschine und protokolliert die Aussage von Eichhörnchen Waldemar, dem sämtliche Nüsse geklaut wurden.

Mathiasens Stimme wechselt von grabestief zu hoch und piepsig, wenn er zwischen den beiden Rollen hin- und herwechselt. Synchron zu dem Text bewegt er die Münder der Klappmaulfiguren auf und zu. Es gibt nichts, was Mathiasen nicht zum Leben erwecken und mit Charakter füllen kann. Selbst einen Stein. Im Gegensatz zum herkömmlichen Kasperlitheater versteckt er sich bei seinen Aufführungen nie. Der Bär von einem Mann steht mitten in den Kulissen. Aber das Publikum wird durch die magische Lebendigkeit, die er seinen Figuren verleiht, völlig von seiner Präsenz abgelenkt.

In «Piratenschwein» verkörpert Mathiasen selbst den Part des fiesen Kapitäns Knurrhahn. Und in «Gold des Hasen» einen habgierigen Wolf. «Die bösen Gestalten sind meist spannender und dynamischer als die guten», meint der 50-jährige Künstler, der seit 2008 zusammen mit Barbara Winzer das Figurentheater Wettingen leitet. Die Kinder, an die er sich mit seinen Stücken richtet, fiebern mit ihnen mit und sind doch froh, wenn es am Schluss ein Happy End gibt.

Badener mit dänischem Vater

«Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch». Diesen Satz von Erich Kästner zitierte Mathiasen als Bräutigam feierlich vor dem Traualtar, weil er voll und ganz seiner Persönlichkeit entspricht. Den ausgeprägten Spieltrieb kann er im Beruf täglich ausleben. «Eigentlich wollte ich ja Schauspieler werden», gesteht der gebürtige Badener mit dänischem Vater. «Aber ich war schüchtern und hatte Angst vor Ablehnung.» Beim Puppenspielen stehen die Figuren im Vordergrund und nicht er, der sich nur ungern exponiert. «Sobald ich dann auf der Bühne stehe, tauche ich total ins Stück ein und vergesse alles um mich herum.»

Seine Hand- und Tischfiguren sowie Flach- und Klappmaulfiguren lässt er nach eigenen Entwürfen bei einem deutschen Puppenmacher herstellen. Die Stücke, die zur Aufführung kommen, wählt er aus bestehenden Märchen aus und gestaltet sie nach seinen Vorstellungen um. Dabei kommen Drehbühnen und bewegliche Hintergründe zum Einsatz. «Das Genre des Puppenspiels ist eine riesige Spielwiese mit schier endlosen Möglichkeiten», meint Mathiasen. Seine hellblauen Augen sind von einem Kranz feiner Lachfältchen umrahmt und funkeln, während er erzählt. Trotzdem meint er: «Puppenspieler wollte ich eigentlich nie werden.»

Weil er für seinen Schauspieltraum keine Chance sah und immer gern zeichnete, wurde Mathiasen zuerst Hochbauzeichner. Später liess er sich an der HPL Zofingen zum Primarlehrer ausbilden und war 19 Jahre an der Schule Nussbaumen tätig. Für seine Kids organisierte er Erzählnächte, die er immer mehr zu Theaterevents ausbaute. Deshalb machte er einen zweijährigen Zertifikatslehrgang für Figurenspiel an der Zürcher Hochschule der Künste. «Da fing ich dann richtig Feuer», erinnert er sich. Und schreibt es auch dem Glück zu, dass schon seine ersten Puppenspiele überregionale Erfolge zeitigten und er 2008 die Co-Leitung des Figurentheaters Wettingen übernehmen konnte.

«Weitermachen»

«Einen grossen Lebensplan hatte ich nie. Alles war eher eine Aneinanderreihung von Zufällen», bekundet er. Das Figurenspiel ist für den dreifachen Berufswechsler zum Lebensmittelpunkt geworden, und er bestreitet seine Existenz damit. «Zwar knapp», wie er sagt, «aber es geht.» Mittlerweile tourt Mathiasen durch die gesamte Deutschschweiz. Seit 2013 ist er zusammen mit Eveline Gfeller und Nina Knecht in der Programmgruppe des Figura Theater Festivals. Für die internationale Biennale des Bilder-, Objekt- und Figurentheaters sucht er in ganz Europa Produktionen aus und bringt sie nach Baden. «Das Genre ist praktisch unerschöpflich.

Auch wenn wir schon viel gesehen haben, gibt es doch jedes Jahr Kreationen mit absoluten ‹Wow-Momenten›, die uns sprachlos machen.» Die Schweiz sei sehr innovativ, was das Figurentheater anbetreffe. 2015/16 wurde der Aargauer Puppenspieler mit dem Förderpreis Pro Argovia Artist ausgezeichnet. Jetzt bereitet er sich auf seine neue Produktion «Eins Zwei Drei Vorbei» mit Frauke Jacobi vom Figurentheater St. Gallen vor, die im Februar Premiere feiert. Die Zukunft? «Weitermachen. Vielleicht bringe ich auch mal ein Stück für Erwachsene zur Aufführung», sinniert Sven Mathiasen. Wenn er nicht Puppen oder ganz normalen Alltagsgegenständen Leben einhaucht, spielt der Hüne Volleyball bei den Volleyfrösch Nussbaumen. «Das ist mein zweites grosses Hobby, das ich mit Leidenschaft betreibe, nachdem das erste zum Beruf geworden ist.»