Porträt
Dieser Wettinger hält nichts von politisch korrekten Begriffen: «Ich bin behindert. Punkt»

Der Wettinger Dölf Keller meistert sein Leben trotz starker cerebraler Bewegungsstörungen – und hat eine eigene Radio-Talkshow. Peach Weber schwärmte von seinem Interview, Adolf Ogi ist sein Traum-Gast.

Ursula Burgherr
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Dölf Keller zusammen mit Radiokollegen: Den Lebensmut hat er trotz Cerebralparese nie verloren.

Dölf Keller zusammen mit Radiokollegen: Den Lebensmut hat er trotz Cerebralparese nie verloren.

Ursula Burgherr

Die Wohnung von Dölf Keller ist spartanisch eingerichtet. Ins Auge stechen vor allem die vielen Bilder seiner Mutter Rosemarie, die vor zwei Jahren im Alter von 82 verstarb. Eingerahmte Fotos zeigen sie auf dem Totenbett in ihrer ewigen Ruhe. Sie hält eine Rose in ihren gefalteten Händen. «Ich habe mir diese Bilder gewünscht», sagt Keller und lässt den Blick lange darauf ruhen.

Seine Mama war seine engste Bezugsperson. Jeden Tag war er bei ihr zum Mittagessen. Mit seiner Mama machte er Ferien und besuchte klassische Konzerte. «Wenn es besonders schön war, drückte sie meine Hand, lächelte mich an. Ich vermisse sie schrecklich», sagt er und seufzt.

Er träumt von einer Partnerin

Wegen einer Sauerstoff-Unterversorgung bei der Geburt leidet der 56-Jährige unter einer starken Cerebralparese. Seine Bewegungen sind abgehackt, immer wieder hat er schmerzhaften Spasmen und Zuckungen. Weil ihm auch die Artikulation schwer fällt, wird er von Fremden fälschlicherweise oft als geistig behindert eingeschätzt. «Daran habe ich mich gewöhnt, und es nervt mich längst nicht mehr», sagt Dölf Keller und lächelt. «Wer mich kennen lernt, merkt schnell, dass ich ziemlich clever bin.»

Gehen und Sprechen hat er in einem Heim für Sprachbehinderte in Unterägeri gelernt. Seine ersten Schuljahre verbrachte er in der HPS Windisch und der Primarschule Zehntenhof in Wettingen. «Aber man merkte schnell, dass ich für den Sonderunterricht zu gut war», erzählt der zierliche Mann mit dem schütteren Haarwuchs. Die letzten Schuljahre verbrachte er in «gängigen» Schulen, bevor er sich in der «arwo Stiftung» in Wettingen zum Kleingerätemonteur ausbilden liess. «Irgendwann wurde von Auftrags- zu Eigenproduktion umgestellt. Deswegen machte ich eine Zusatzausbildung in Siebdruck und Papierschöpfen», erzählt Keller.

Erst wollte ihn niemand anstellen – dann wurde er rausgemobbt

Angekommen und gefordert fühlte er sich aber erst bei seiner kaufmännischen Ausbildung in Luzern. Mit dem KV im Sack erhoffte er sich, eine gute Stelle zu finden. Doch niemand wollte ihn anstellen. Im Mathilde Escher Heim in Zürich fand er schliesslich einen Bürojob. «Acht Jahre ging es gut, dann wurde ich rausgemobbt», meint Keller trocken und schweigt. Seither ist er arbeitslos. Dank einer kleinen Erbschaft von seinem Vater kann er bescheiden leben. Sein grösster Luxus ist das rote Elektromobil, mit dem er Einkäufe erledigt und zur Physiotherapie fährt. Neben Bruder Martin, der als Taxichauffeur arbeitet, hat er nur einen winzigen Freundeskreis. «Mein grösster Traum wäre es, eine Partnerin zu haben», sagt Keller. Er seufzt und sein Blick schweift in die Ferne. Wegen seiner sprachlichen und körperlichen Beeinträchtigungen ist es schwierig für ihn, Frauen kennen zu lernen. Dass er oft nicht für vollwertig genommen wird, schmerzt. Aber der Mann lässt seinen Kopf niemals hängen.

Für Radio LoRa moderiert Keller den «flotten Zweier».

Für Radio LoRa moderiert Keller den «flotten Zweier».

Ursula Burgherr

Für den Radiosender LoRa machte Dölf Keller erste Beiträge zum Thema Stress und zu seinen Mobbing-Erfahrungen. 2016 konnte er einen Grundkurs für Radiojournalismus bei Kanal K machen. Seither hat er jeden zweiten Samstag im Monat von 18 bis 19 Uhr seine eigene Talkshow «Der flotte Zweier». Er interviewte schon Persönlichkeiten wie Kurt Aeschbacher, Emil Steinberger, Röbi Koller und Franz Hohler. Peach Weber schwärmte nach der Sendung: «Du hast das richtig super gemacht. Eines der sympathischsten Interviews, das ich je hatte.»

Keller bereitet sich gut auf seine Gäste vor. «Ich stelle knappe Fragen und wiederhole sie, wenn man mich nicht gut versteht», erklärt er sein Vorgehen. Dass er sich wegen der schlechten Artikulation besonders am Telefon x-mal wiederholen muss, ist er längst gewöhnt. Genervt ist er, wenn ein Zustand wie der seine mit sogenannt «politisch korrekten Begriffen» wie «Menschen mit Handicap» oder «Menschen mit besonderen Herausforderungen» umschrieben wird. «Ich bin behindert. Punkt», sagt er energisch.

Adolf Ogi wäre sein Wunschkandidat

Er schreibt und liest gerne. Schliesst es nicht aus, irgendwann ein Buch mit autobiografischen Kurzgeschichten herauszugeben. Im Jahr 2015 organisierte er auf dem Zentrumsplatz in Wettingen das Festival «Rock4Handicap», an dem bekannte Musikgruppen aus der Region zusammen mit der «insieme»-Band auftraten. Reisen würde er gerne. Am liebsten nach Australien. Doch die Realisation dieses Wunsches liegt in weiter Ferne. Nicht nur wegen Corona: «Durch meine ständigen Spasmen hat sich ein Rückenwirbel leicht verschoben. Ich habe starke Schmerzen und muss deswegen regelmässig zur Behandlung ins Spital Balgrist.»

Als Wunschkandidaten für seine Talkshow nennt Dölf Keller Eiskunstläuferin Denise Biellmann oder alt Bundesrat Adolf Ogi. Und wie man ihn kennt, wird er sich diese Träume sicher bald erfüllen.