Esther Albiez am Telefon zu erreichen, ist fast unmöglich. Als sie schliesslich zurückruft, sagt die Inhaberin des Schuhgeschäfts Albiez: «Entschuldigung, aber wir haben sehr viel zu tun im Moment.» Diese Aussage überrascht angesichts der harten Zeiten, die der Schuhhandel durchmacht. Viele Schuhgeschäfte klagen über ausbleibende Kunden und massiven Umsatzrückgang – das Internet, der starke Franken und der Einkaufstourismus machen schwer zu schaffen. Neustes Opfer der Krise: Die Traditionsmarke Bata schliesst alle ihre 29 Filialen, eine davon in Baden.

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Beim halbstündigen Besuch im Nussbaumer Traditionsschuhgeschäft ist von einer Krise hingegen wenig zu spüren. Immer ist mindestens ein Kunde anwesend. «Auch für uns waren die vergangenen eineinhalb Jahre seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses schwierig», sagt Esther Albiez. «Aber weil wir einige Dinge anders machen als andere Geschäfte, können wir wirklich nicht klagen.»

Kein Verzicht auf Nischenprodukte

Vor 80 Jahren gegründet und nun bereits in dritter Generation geführt, setzt das Traditionshaus auf ein umfassendes Angebot – zum Teil in Nischen, die andere Händler längst aufgegeben haben. So stehen in den Regalen Hunderte Kinderschuhe, aber auch Hausschuhe und Arbeitsschuhe. «Als Stärke unseres Geschäfts würde ich das umfassende Angebot bezeichnen. Bei uns finden alle einen passenden Schuh», sagt Esther Albiez. «Egal ob Kinder, Teenager, Frauen, Männer, Sportbegeisterte oder Kunden, die Spezialanfertigungen brauchen.» Im «Albiez» werden nicht nur Schuhe verkauft – auch eine Schuhmacherei und Orthopädie gehören zum Geschäft. Als Orthopäde arbeitet nach wie vor Konrad Albiez, der Vater der Geschäftsführerin.

Tradition, grosses Angebot und kompetente Beratung seien aber noch keine Garanten für Erfolg, sagt Esther Albiez. Vor fünf Jahren habe sie alles auf eine Karte gesetzt und das Geschäft ausgebaut. «Das Risiko hat sich ausbezahlt.» Kleinbürgerlich eingerichtet wie eh und je, hat sich die Ladenfläche mehr als verdoppelt, und neu gibt es einen zweiten Eingang direkt vor der Hauptstrasse, dazu diverse Parkplätze. «Diese Parkplätze sind ein grosses Plus. Gerade ältere Kunden schätzen es sehr, wenn sie nicht noch eine lange Fussstrecke bewältigen müssen.»

Neun Angestellte beschäftigt das Schuhhaus Albiez, davon zwei Lernende. Die Mitarbeiter kennen die Kunden, begrüssen sie mit Namen. «Wir bauen eine Beziehung zu ihnen auf. Wir wissen von vielen Stammkunden genau, welcher Schuh am besten zu ihnen passt. Im Gegensatz zum Internet können wir den Leuten ein Erlebnis und den persönlichen Austausch bieten.» Vor dem Haupteingang steht beispielsweise eine Trekkingteststrecke, auf der verschiedenen Gelände-Typen nachgebaut sind.

Warum trotzt «Albiez» der Krise, im Gegensatz zu vielen Konkurrenten? «Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Wir wissen alles über die Schuhe in unserem Sortiment, kennen die Geschichte der Hersteller, die Produktionsstandorte. Wenn wir sagen, ein Schuh sei besonders weich oder besonders stabil, dann stimmt das auch.»