Léo Delibes, Franz Schubert und Claude Bolling: Diese Komponisten wollen auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Doch in einem Programm, das unterm Motto «Kontraste» steht, haben sie Platz. «Typisch Felicitas Gadient», denkt man und erinnert sich an vorgängige Programme, die die Dirigentin mit einem Ensemble erarbeitet hat, das lange die Orchestergesellschaft Baden (OGB) war, bevor diese zur Sinfonia Baden wurde (siehe nachfolgende Box). Sechzehn Jahre hat die Ostschweizerin die Amateurmusikerinnen und -musiker angeregt, begeistert und motiviert – nun sagt sie ihnen Adieu.

Hätte es nicht noch weitergehen können mit ungewöhnlichen Werkkombinationen und Solistenentdeckungen, für die Felicitas Gadient ein feines Gespür bewies? Der Schritt kommt nicht überraschend; er reifte in den letzten anderthalb Jahren: «Ich benötige heute längere Erholungsphasen als früher, zumal die Orchesterarbeit mit sehr viel Energie verbunden ist. Hinzu kommt, dass ich neben der Sinfonia Baden den Kammerchor Wil dirigiert habe und weiter dirigieren werde.» Die Leitung zweier Ensembles ist ihr zu viel, weshalb sie sich nun von der Sinfonia Baden verabschiedet – auf dem Höhepunkt einer intensiven, schönen Partnerschaft.

«Krankheit war nicht nur negativ»

Rückblende. «Das ist sie also», denkt die Journalistin, als sie 2001 erstmals der neu gewählten OGB-Dirigentin Felicitas Gadient gegenübersitzt. O ja, sie freue sich sehr auf die neue Aufgabe, sagt die 27-Jährige und erzählt – nicht überbordend, sondern sorgsam abwägend – von den Plänen, die sie mit «ihrem» Orchester realisieren will. Die Programme, die sie für den Trafo Saal, die Stadtkirche und das Kurtheater Baden konzipiert, sind in der Tat originell, ohne gesucht oder geschmäcklerisch zu sein; die Solistinnen und Solisten, die sie engagiert, entpuppen sich als Glücksfälle. Nicht abrupt, sondern langsam verjüngt sich das Orchester unter ihrer Leitung.

Dann, 2008, die Zäsur. Felicitas Gadient erkrankt schwer – und fällt für zwei Jahre aus; Alexandre Clerc leitet interimistisch die OGB. 2010 kehrt sie zurück und nimmt erstmals wieder auf dem Podium Platz – im Rollstuhl. Wie sehr sie in den Monaten, die sie im Spital und in Rehakliniken verbrachte, kämpfen musste, lässt sich bloss erahnen. «Die Krankheit war aber nicht nur negativ, sondern zugleich eine unglaubliche Bereicherung und Erfahrung», sagt sie und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: «Ich weiss, dass ich niemals da wäre, wo ich heute bin, ohne meine Familie und Freunde und die vielen Zeichen der Verbundenheit, die mich gestützt und getragen haben» – wie etwa jene einer fast 80-jährigen Zimmergenossin, die sie immer wieder beruhigt und enorm motiviert habe.

Betrachtet Felicitas Gadient die Welt seither mit anderen Augen? «Sicher. Man lernt sich in einer schwierigen Zeit besser kennen. Ich habe damals erkannt, was wirklich zählt im Leben.» Als der Wiedereinstieg möglich erscheint, muss sie sehr vieles wieder von Neuem lernen. Sie muss Musikgeschichte nachlesen, muss Singen und Klavierspielen üben, da sie beides lange Zeit nicht mehr konnte. 2009 wagt sie den Einstieg in ihr neues Berufsleben mit dem Kammerchor Wil – für sie ein denkwürdiges, aufwühlendes Ereignis. Mit der OGB will sie 2010 «weitermachen, dranbleiben, das Niveau steigern sowie die Balance zwischen Fördern und Fordern wahren».

«Das vergesse ich nicht»

Was bleibt haften von den vergangenen 16 Jahren? Schwierig, schwierig … Aber dann erwähnt die Dirigentin stellvertretend für viele Höhepunkte das Musical- und Filmmusikprogramm sowie ein kleineres, feines Programm mit Sofia Gubaidulinas epochalen «Sieben Worte für Violoncello, Bajan (Akkordeon) und Streicher». In Erinnerung bleiben wird Felicitas Gadient jedoch in erster Linie die Arbeit mit «ihrem» Orchester, insbesondere die jeweils letzten Proben: «Da geben alle alles, weil sie wollen, dass etwas entsteht.»

Wenn die Dirigentin, wenige Tage vor dem vorerst letzten Konzert mit der Sinfonia Baden eines empfindet, dann: Dankbarkeit. «Das Orchester gab mir 2001 eine Chance, als ich noch in der Ausbildung war und es nahm mich 2010, nach meiner langen Absenz, wieder ganz selbstverständlich auf – das vergesse ich ihm nicht.»

Das Stichwort kommt wie gerufen. Felicitas Gadient ist während ihren Reha-Aufenthalten immer wieder Menschen begegnet, «die genau dasselbe durchmachten wie ich. Auch in deren Leben war von einem Tag auf den anderen nichts mehr wie sonst. Ich habe gemerkt, dass es mir Freude macht, solche Menschen zu unterstützen.» Deshalb wird Felicitas Gadient nun eine Coaching-Ausbildung absolvieren sowie Gesangs- und Dirigierstunden geben und «vielleicht wieder einmal ein Orchester leiten». Was noch, will man fragen, doch da kommt einem in den Sinn, was Felicitas Gadient gesagt hat: «Heute lebe ich mehr im Jetzt.»