Und da kommen sie um die Ecke des Hofs Dobegg gebogen: Alois Irniger und Schedir, ein Shagya-Araber-Wallach von stattlicher Grösse. Als Irnigers Frau Annette die beiden kommen sieht, muss sie schmunzeln. «Die Frisur ist aufeinander abgestimmt», sagt sie und lacht herzhaft.

Zwischen den beiden stimmt es aber nicht nur frisurtechnisch. Auch sportlich passen der 62-jährige Landwirt und der 9-jährige Wallach zusammen. Das Duo holte kürzlich an der Schweizer Meisterschaft im Distanzreiten über 123 Kilometer bei der Elite die Goldmedaille. Streng genommen müsste man Trio sagen. Denn: «Annette ist meine Managerin. Sie organisiert alles und begleitet mich während der Rennen», sagt Irniger und blickt zu seiner Frau. Sie war es auch, die ihm das Distanzreiten nähergebracht hat. Er begleitete sie mehrmals, wenn sie als Kaderreiterin im Ausland unterwegs war. Noch heute nimmt sie ab und zu an Rennen teil, an Schweizer Meisterschaften aber nicht mehr. Doch was ist Distanzreiten genau? Bei dieser Disziplin gilt es, eine grosse Entfernung mit dem Pferd so schnell wie möglich zu überwinden und das Tier gleichzeitig nicht zu überfordern.

Zum Distanzreiten kam das Ehepaar im Jahr 2003. Damals kaufte es eine Einsiedler-Stute, zog sie auf und bildete sie aus. «Das Pferd war auf Deutsch gesagt ein ‹verrückter Cheib›», sagt Alois Irniger. Zu nervös für Concours-Wettkämpfe (Dressur, Springen und Geländereiten), die er seit Mitte der 1970er-Jahre bestritt. Aber ausdauernd genug fürs Distanzreiten. «Die Stute hatte schon als Fohlen einen unheimlichen Vorwärtsdrang», sagt seine Frau. Deshalb meldete sich Annette Irniger kurzerhand für einen Distanzritt an. Es gefiel ihr, und sie wurde vom Distanzvirus angesteckt. Doch weil ihr Mann weiterhin an Concours-Wettkämpfen teilnahm, liess sich beides zeitlich nicht mehr vereinbaren. Vor allem, weil zu Hause ein Hof mit rund 30 Kühen, fast 20 Pferden, Katzen, Hühnern und Enten wartete. Also sattelte auch Alois Irniger auf Distanzrennen um.

Schon als Kind im Pferdestall

Pferde und Irnigers gehören seit je zusammen. Alois Irniger ist auf dem Hof Dobegg aufgewachsen. Schon als Kind war er häufig im Pferdestall anzutreffen – sehr zum Leidwesen seines Vaters: «Seine Leidenschaft waren die Traktoren. Dass ich lieber auf Pferden sass, hat er nie richtig verstanden.» Auch während seiner Ausbildung an der landwirtschaftlichen Schule war er der Einzige, der Freude an Pferden hatte. «Meine Kollegen hatten genau wie mein Vater nur Traktoren im Kopf», sagt er mit einem Schmunzeln. Davon liess er sich aber nicht beeindrucken: Nachdem er 1982 die Dobegg von seinem Vater übernommen hatte, kamen zuerst eine Reithalle, dann eine Pferdepension und zuletzt ein Sandplatz hinzu.

Die Pferdehaltung wurde für die Irnigers – neben der Milchwirtschaft – zu einer zweiten Einnahmequelle. «Wir züchteten die Tiere, zogen sie auf, ritten sie an und verkauften sie weiter», sagt Irniger. Die Pferde präsentierte er meistens an Wettkämpfen, wo er auf potenzielle Käufer stiess. «Heute halten wir sie nur noch aus Leidenschaft und Hobby.» Dazu gehören weiterhin Aufzucht und Ausbildung und nach Möglichkeit auch ein Verkauf.

Von der Ausdauer überrascht

Schedir gehört zu seinen Lieblingen. «Er ist ein unheimliches Power-Pferd», sagt der Landwirt und tätschelt dem Wallach auf den Rücken. Nach der Schweizer Meisterschaft über 123 Kilometer hat Schedir ein paar Wochen frei. Nur kurze Ausritte oder leichte Arbeit stehen für ihn an. «Damit er sich wieder erholen kann», sagt Annette Irniger. Zwar werden die Pferde während eines Distanzritts obligatorischen tierärztlichen Kontrollen unterzogen – sie dürfen das Rennen nur fortsetzen, wenn es nichts zu beanstanden gibt –, trotzdem stellt es für das Pferd eine grosse körperliche Anstrengung dar.

Dass der Wallach an der Schweizer Meisterschaft das Tempo bis zum Schluss durchhielt, hat selbst Alois Irniger überrascht: «Die weiteste Distanz, die er bisher zurückgelegt hatte, war 90 Kilometer. Das war im vergangenen Jahr.» Aber der Landwirt weiss auch: «Schedir ist sehr ehrgeizig.» An den Titelkämpfen mit dabei waren neben seiner Frau auch Doris Rüttimann. Sie begleitet die Irnigers seit 18 Jahren an Rennen. So stellen die beiden Frauen an den Pit-Stopps sicher, dass Pferd und Reiter genügend ernährt und nicht überhitzt sind. Wichtig bei solchen Wettkämpfen, erklärt Alois Irniger: «Nicht nur ich muss das Pferd fühlen. Es ist das ganze Team.»

Grosse Veränderung steht an

Ein Team sind die Irnigers auch, wenn es um den Hof geht. Das Älteste der vier Kinder, Lilian, hat vor drei Jahren die Dobegg übernommen. Aline, Benny und René sind beruflich anderweitig tätig, helfen aber bei der Betreuung der Pferde und packen in der Freizeit auf dem Hof mit an. Diesen Monat steht für alle eine grosse Veränderung an: Es wird von Milchwirtschaft auf Mutterkuhhaltung umgestellt. «Die Nachfrage nach Milch sinkt kontinuierlich», sagt Alois Irniger. Zudem sei man künftig zeitlich weniger gebunden. «Ich bin ja auch schon 62 Jahre alt», merkt er an.

Seiner Leidenschaft, dem Distanzreiten, wird er aber weiterhin nachgehen. Zu faszinierend sei es, um das Hobby aufzugeben. Doch was ist es, was ihn daran fasziniert? Er beantwortet die Frage mit einer Gegenfrage: «Warum laufen viele Menschen einen Marathon?» Annette Irniger übernimmt das Wort und sagt mit einem Lachen: «Ein bitzeli muss man einen Flick weghaben.» Nein, im ernst, sagt sie, es sei das «An-die-Grenzen-Gehen», das die beiden immer wieder dazu bewege, über viele Stunden hinweg auf dem Sattel eines Pferdes zu sitzen. Aber nicht nur, fügt Alois Irniger an: «Man entdeckt immer wieder neue Landschaften.» Denn die Rennen würden durch Gegenden führen, die kaum besiedelt und mit dem Auto nicht zu erreichen seien. «Ich mache weiter, so lange es geht.»

Wann er sich wieder mit anderen Reitern messen wird? Ende September, sagt «Managerin» Annette Irniger. «Das wird aber nur ein kurzer Ritt sein, rund 50 Kilometer», fügt sie mit einem Augenzwinkern an. Es dauert also nicht mehr lange, bis das eingespielte Duo Irniger-Schedir – diesmal aber in Begleitung von seiner Frau und Hengst Duban – wieder unterwegs ist.