Baden

Doktorarbeit von Markus Somm: So elektrisierte die BBC die Stadt

Baden anno 1916: Das Portal der Brown, Boveri & Cie. an der Haselstrasse, mittags um 12 Uhr.

Baden anno 1916: Das Portal der Brown, Boveri & Cie. an der Haselstrasse, mittags um 12 Uhr.

In einer spannenden Dissertation blickt der Journalist und ehemalige Verleger der «Basler Zeitung» Markus Somm auf die enge Beziehung Badens mit dem jungen Weltkonzern.

Das Buch beeindruckt, nicht nur wegen seines Umfangs: Nicht weniger als 736 Seiten umfasst die Doktorarbeit von Markus Somm, die in diesen Tagen im Stämpfli-Verlag in Bern erschienen ist.

Der ehemalige Chefredaktor und Verleger der «Basler Zeitung» hat sich darin einem Thema gewidmet, das ihn und seine Familie zeitlebens begleitet: der engen Beziehung der Stadt Baden mit dem Weltkonzern Brown, Boveri & Cie. Der Sohn des Ingenieurs und langjährigen ABB-Schweiz-Chefs Edwin Somm erlangte mit der Arbeit die Doktorwürde der Philosophischen Fakultät Freiburg im Üechtland.

Somm gibt seiner Arbeit den klingenden Namen «Elektropolis an der Limmat» – ein Titel, der zwar eigentlich für die boomende, europäische Elektrizitätsmetropole Berlin an der Spree geschaffen wurde, der aber in kleinerem Massstab unbestritten auch für Baden an der Limmat galt: Die Stadt wurde um die vorletzte Jahrhundertwende rasch zur Stromhauptstadt der Schweiz.  

«Es hatte etwas Atemberaubendes»

«Baden war ein Zentrum des Talents, der Ingenieure und der Techniker, der Ambitionierten und der Modernisierer geworden», schreibt Markus Somm in der Einleitung über die Zeit nach der Gründung der BBC.

«Es hatte etwas Atemberaubendes: 1891 auf einer grünen Wiese vor einer uralten Stadt gegründet, zählte die BBC um 1910 bereits zu den fünf Giganten der weltweiten Elektroindustrie; nach den beiden amerikanischen Leadern General Electric und Westinghouse sowie den beiden deutschen Konzernen AEG und Siemens & Halske galt die BBC zwar als der kleinste unter den Riesen, aber ein Riese war sie allemal.»

Die Lektüre von Somms Werk braucht Zeit. Für alle (lokal-)historisch interessierten Menschen in der Region Baden dürfte es umso mehr ein ausgezeichnetes Weihnachtsgeschenk für lange Wintertage sein.

Somm untersucht in seiner tiefgründigen Recherche die «komplizierte Beziehung» zwischen dem bald alles bestimmenden, jungen Unternehmen («company») und der Stadt («town») – und er reiht den Sonderfall Baden in eine lange Reihe von klassischen «Company Towns» in Amerika und Europa ein.

Kurwochen ohne Lärm, Schmutz und Sozialisten

Aber Baden war eben anders als viele Städte, die im 19. Jahrhundert im rasanten Gleichschritt mit der Industrie aufblühten. «Die informelle Elite der Hoteliers und Badewirte prägte seit Jahrhunderten diese Stadt. Der Kurort war uralt, die warmen Bäder sprudelten seit Menschengedenken, und der Fremdenverkehr, der darauf beruhte, dominierte alles.» Es sei ein grosses Wagnis gewesen, unter solchen Umständen eine Industrie aufzubauen.

«Dampfende Bäder und rauchende Fabrikschlote? Das eine schloss das andere aus. Es gehörte nachgerade zum Geheimnis jeder Kurstadt: Um Gäste anzulocken, schien es ratsam, ihnen für ein paar Kurwochen die Illusion einer Welt ohne Industrie, also ohne Schmutz, Lärm und Proletariat, vielleicht auch ohne Sozialisten vorzuspiegeln. Das bot Erholung.»

Bei solchen Formulierungen mag hin und wieder mit einem Augenzwinkern der konservative Journalist Somm durchdringen, dominant ist er nicht im vorliegenden Werk. Vielmehr kommt hier die langjährige journalistische Erfahrung dem Historiker Somm zugute, der in einer leichtfüssigen und gut lesbaren Sprache erzählt, die für jedermann geniessbar ist.

Somm spinnt mit spürbarer Verve den Faden von der Kurstadt im Jahr 1870 über die mutige Pioniertat der Ausländer Charles Brown und Walter Boveri 1891 bis 1925, das Jahr nach dem Tod der beiden grossen Industriellen, denen Baden so viel zu verdanken hat.

Ein Standardwerk der Badener Stadtgeschichte

Somms detailreiches Buch dürfte nicht nur ein neues Standardwerk der Schweizer Industriegeschichte werden, sondern in erster Linie eines der jüngeren Badener Stadtgeschichte. Er schliesst seine Arbeit mit den Worten: «1924 setzte eine neue Zeitrechnung ein. Die Elektropolis war von der Limmat nicht mehr wegzudenken. Die grosse Transformation von Baden war abgeschlossen.» Die Stadt war damit endgültig Heimat eines Weltkonzerns.

So prägte die BBC die Region Baden

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