«Was glauben Sie, was mit unserem Planeten passiert, wenn es keine Spinner wie uns gibt?», sagt Adrian Hospenthal auf die Frage, weshalb die Gärtnerei Hospenthal-Kägi die mühsame Umstellung zum vollwertigen Biobetrieb auf sich nimmt. Seit einem Jahr gibt es in der Traditionsgärtnerei, die 2019 ihr 80-jähriges Bestehen feiert, kein anderes Thema. Man will bio sein – der Natur zuliebe.

Adrian Hospenthal sitzt am Esstisch im Wohnzimmer seiner Mutter Hanna in Untersiggenthal, durch die Terrassenfenster sind die Beete der gemeinsamen Gärtnerei zu erkennen. Die Wohnung seiner 78-jährigen Mutter ist angebunden an den Blumenladen, sie wohnt quasi direkt in der Gärtnerei. Der dreijährige Florian spielt auf dem Sofa mit dem Spielzeug-Traktor. Er ist gerne in der Gärtnerei. Dass sein Sohn das Gleiche erleben darf wie er selbst, geniesst der 47-Jährige.

Die Geschichte einer Gärtnerei

Als Adrian in den 70ern aufwuchs, leitete seine Mutter bereits die Familiengärtnerei. Sie stieg 1962 in den Betrieb ein, den ihre Mutter Sophie Kägi 1939 gründete. Während des Zweiten Weltkriegs sei Geld Mangelware gewesen, erzählt Hanna Hospenthal, der Lohn von Vater Heinrich beim Lampenhersteller «BAG Turgi», habe nicht gereicht. Also begann Sophie Kägi, «das Essen aus dem Boden zu holen» — Beeren zu züchten und diese zu verkaufen.

Die Gründerin der Gärtnerei, Sophie Kägi, mit ihrem Ehemann Heinrich.

Die Gründerin der Gärtnerei, Sophie Kägi, mit ihrem Ehemann Heinrich.

Vom Küchentisch aus zeigt Hanna Hospenthal den Aufbau der Gärtnerei: An der Hauptstrasse entlang standen früher die Brombeersträucher, hinten die Himbeeren, ganz hinten die Reben, auf der Seite die Johannisbeeren und in der Mitte Erdbeeren und Gemüsesetzlinge. Am Morgen hätten die Arbeiter, die mit dem Velo zur BBC fuhren, der heutigen ABB, ihre Körbe mit Bestellaufträgen über die Hecke geworfen und am Abend gefüllt abgeholt, erinnert sie sich. Streng sei es gewesen, der Vater habe am Abend selbst noch mitgeholfen, oft sei es bis in die Nacht hinein gegangen.

Ihre Mutter habe Blumen geliebt, erzählt Hanna Hospenthal. Nach dem Krieg habe sie deshalb begonnen, auch Blumen und Stauden anzupflanzen. So entstand ein breites Sortiment, dass dem Familienbetrieb einen Wachstumsschub verlieh. Hanna übernahm bald nach der Lehre, die sie unter anderem nach Schweden brachte, die Gärtnerei. Sie führte sie zunächst mit ihrem Mann, ebenfalls einem Gärtner. Nach der Scheidung leitete sie den Betrieb allein, war zudem mit vier Kindern alleinerziehend.

Es gab viel Arbeit für Hanna Hospenthal, das ist bis heute so. Präsenz zeigt sie weiterhin im Blumenladen und auf dem Wochenmarkt, zu zehn Prozent ist sie noch in die Geschäftsleitung involviert. «Ich kann nicht gar nichts machen, das liegt mir nicht. Aber ich habe sehr viel zurückgesteckt, um auch Grossmutter sein zu können», sagt die 78-Jährige.

Die «Jungmannschaft» tritt ein

Von ihren vier Kindern wählten drei ebenfalls eine Gärtnerei-Ausbildung. Nur für den ältesten Sohn Rolf kam das nie infrage. «Er ist als Kind immer auf den Enzian getreten. Später meinte er, dass er Gärtner geworden wäre, wenn ich ihm nicht gesagt hätte, dass aus ihm kein Gärtner wird», erzählt Hanna und lacht. Auch Adrian sträubte sich zunächst, in den Familienbetrieb einzusteigen, und arbeitete nach der Lehre drei Jahre als Dachdecker. «Als ich beim Sonnenaufgang in Zürich die Baustelle sah, hat es mir abgelöscht. Ich ging zu meiner Mutter und fragte sie, ob sie eine Lehrstelle für mich hat», sagt der 47-Jährige. Mittlerweile ist er Geschäftsleiter. Seine Schwester Esther war lange ebenfalls Teil der Geschäftsleitung. Sie machte sich im Planungswesen für Staudenbepflanzungen selbstständig und führt Kurse. Für die Familiengärtnerei ist sie noch in beratender Funktion tätig.

Die Erfahrung von Schwester und Mutter schätzt Adrian Hospenthal enorm. Wenn die Vermehrung bestimmter Pflanzen nicht klappen will, fragt er seine Mutter, wie sie das dazumal machte. «Fortschritt ist manchmal Rückschritt. Ich versuche, so viel wie möglich von damals in die moderne Technik einfliessen zu lassen.» Die Gärtnerei beschäftigt 18 Mitarbeiter, bepflanzt 1,2 Hektaren in Untersiggenthal und ist als eine von rund 30 Staudengärtnereien in der gesamten Schweiz präsent.

Bio und andere Challenges

Wie schafft es eine traditionsreiche Familiengärtnerei, sich immer noch zu erneuern? «Neugierde», findet Mutter Hanna. «Ideenreichtum», sagt Sohn Adrian. Er bringt ein Beispiel: Um zu wissen, welche Blumen beliebt sein könnten, hole er sich Inspiration in Modeheften. «Die Farben dort drin kommen auch in den Garten.» Eine der bedeutsamsten Neuerungen nach 80 Jahren Gärtnerei Hospenthal Kägi ist allerdings die Umstellung zum Bio-Betrieb.

Diese dauert mittlerweile seit einem Jahr, soll bis Anfang 2020 abgeschlossen sein. Um die Prüfung zum Knospe-Label von Bio Suisse absolvieren zu können, muss ein Betrieb die Umstellungsphase durchstehen. Schliesslich müssen die vor 2018 produzierten Pflanzen, die noch chemische Dünger kannten, sich zuerst akklimatisieren. Solche Düngemittel seien mittlerweile nicht mehr notwendig, findet Adrian Hospenthal. Schon lange versuche die Gärtnerei, bionah zu sein, habe nur gespritzt, wo es nicht anders ging. «Vor 15 Jahren konnte man Kunden verlieren, wenn man biologisch produzierte. Fleckenlose Äpfel hat man damals noch nicht hinbekommen.»

Mittlerweile seien die Möglichkeiten von biologischen Spritzmitteln allerdings so gut, dass sich die Hospenthals entschieden, voll auf biologische Produktion umzustellen. Das Herz der Familie habe schon immer für die Natur geschlagen. «Bei uns geht es jetzt eigentlich nur noch um das Label, damit wir unserer Einstellung ein Gesicht geben», sagt er.

Die Umstellung zum Biobetrieb bringt neue Herausforderungen mit sich: Von bürokratischen Anträgen, die für Bauern und nicht für Gärtnereien genormt seien, über Deklarationsprobleme hinzugekaufter «nicht-biologischer» Pflanzen bis hin zum Jäten von Unkraut, das nun wieder anfällt. Zusätzlich fordern die Konkurrenz von Grossverteilern und ausländischer Ware mit Dumpingpreisen die Dorfgärtnerei. Adrian Hospenthal allerdings ist zuversichtlich: Die Gärtnerei soll nicht nur das 80-Jahr-, sondern auch das 100-Jahr-Jubiläum knacken.