Dicke Post für Hortleiterinnen im Zürcher Schulkreis Letzi: Per Schreiben wurden sie von der Kreisschulpflege angehalten, ab diesem Schuljahr in den Kinderhorten die «Sie-Kultur» einzuführen. Kinder und Eltern haben das Betreuungspersonal mit Sie anzusprechen.

Die Umstellung sei die Konsequenz daraus, dass Hort – hier werden im Gegensatz zur Kinderkrippe schulpflichtige Kinder betreut – und Schule zusehends näher zusammenrücken, begründet die Kreisschulpflege diesen Schritt.

Müssen auch Kinder in der Region Baden/Wettingen ihre Betreuerinnen bald siezen oder tun sie es gar schon heute? Monika Wiggli, Geschäftsleiterin des Vereins TaBa – Tagesbetreuung für Kinder in Baden – kann der «Sie-Form» zwischen Kindern und Erwachsenen nicht viel abgewinnen. Dass das «Du» den Kindern eine falsche Nähe zu den Betreuerinnen vermittle, glaubt sie nicht.

«Wenn es wirklich brenzlige Situationen zwischen Kindern und Betreuerinnen gibt, dann haben wir andere pädagogische Kniffe, um die Situation zu entschärfen.» Ob «Sie» oder «Du» ändere nichts daran, dass die Betreuerinen von den Kindern als Autoritätsperson wahrgenommen werden, ist Wiggli überzeugt.

Gleichzeitig betont sie, dass die Kinder im Hort vor allem ihre Freizeit verbringen, weshalb sie das «Du» als passender erachte. Vorläufig werde man zwischen Kindern und Hort-Mitarbeitern nicht auf «Sie» wechseln, sondern beim «Du» bleiben. «Aber wir haben eingeführt, dass sich Eltern und Hort-Mitarbeiter siezen.»

Auch in Wettingen gilt noch die Du-Form, wie eine Anfrage bei der Kidéal AG zeigt. Diese bietet mit der Tagesstern GmbH in Wettingen derzeit an fünf Standorten ein schulergänzendes Betreuungsangebot an, das täglich von rund 180 Kindern besucht wird.

«Die Du-Kultur haben wir damals, als wir die Tagesstrukturen vom Verein Tagesstrukturen Wettingen übernommen haben, so weitergeführt», erklärt die Projektverantwortliche Katja Fläcklin. «Bis jetzt haben wir uns aber ehrlich gesagt auch nie aktiv Überlegungen gemacht, dies zu ändern.»

Für das «Du» spricht aus Fläcklins Sicht der Umstand, dass die Betreuung von schulpflichtigen Kindern näher bei der Familie als bei der Schule anzusiedeln sei. Dass Kinder Mühe damit hätten, am Morgen den Lehrern «Sie» zu sagen und den Betreuern am Nachmittag «Du», glaubt Fläcklin nicht. Eine Sie-Kultur könne aber eventuell gerade bei schwierigen Kindern helfen, eine gewisse Distanz zu schaffen.

Mehr Autorität dank Siezen

Kein Thema ist das Siezen beim Verein Tagesstrukturen Ennetbaden, wo wöchentlich rund 200 Kinder betreut werden. «Es gibt Bereiche, wo wir immer näher zur Schule rücken», sagt die betriebswirtschaftliche Leiterin Manuela Laube. Doch bei der Ansprache sehe man keinen Handlungsbedarf.

«Wir erfüllen hier andere Aufgaben als die Schule.» Dass Kinder mit der unterschiedlichen Ansprache in Schule und Hort überfordert seien, glaubt Laube nicht. «Und ganz unabhängig von Du oder Sie müssen die Kinder lernen, untereinander und uns Betreuerinnen gegenüber Respekt zu haben.»

Auch beim Verein ABB Kinderkrippen, der in Baden an zwei Standorten schulergänzende Betreuung anbietet, hält man vorläufig am «Du» fest. «Viele Kinder betreuen wir bereits in unseren Krippen, wo sie ihre Betreuerinnen mit Du ansprechen», sagt Geschäftsführerin Jeannette Good. Wenn diese dann später in den Hort wechseln, würden sie viele Erzieherinnen schon kennen.

Ob man eher das «Du» oder das «Sie» bevorzuge, hänge auch mit dem kulturellen Umfeld zusammen. Dass ein «Sie» die Autorität der Betreuerin stärken würde, glaubt Good hingegen nicht. «Wenn man seine Autorität von der Ansprache abhängig macht, ist das grundsätzlich schon problematisch.»

Auch beim Kinderhort Wägwyser in Neuenhof, der seit Anfang September schulpflichtige Kinder betreut, wird die Du-Kultur gepflegt. Mit ein Grund sei unter anderem die Tatsache, dass man viele Kinder aufnehme, wenn diese erst wenige Monate alt seien und diese dann über Jahre betreue.

«Wenn wir dann von einem Tag auf den anderen auf eine Sie-Kultur wechseln würden, wäre das für die Kinder schwer nachvollziehbar», sagt Krippenleiterin Isabella Hunziker. Anders verhalte sich die Situation zwischen Eltern und Betreuungspersonal.

«Das ist ein Punkt, den wir zurzeit diskutieren.» In Basel, wo man auch eine Kita führe, habe man zum Beispiel die Sie-Kultur eingeführt. «Wir haben festgestellt, dass es in dieser Frage einen grossen Stadt-Land-Unterschied gibt», sagt Hunziker.