Jean Godat aus Wohlenschwil kennt das rund 200 Kilometer lange Höhlensystem des Höllochs wie seine Hosentasche. Und er weiss, was es heisst, ohne Tageslicht in der Unterwelt auf Hilfe angewiesen zu sein. Der «Höhlenmensch» ist seit fünf Jahren Chef der Rettungskolonne 9 der Schweizer Höhlenretter von «Speleo Secours» – und damit auch für die Sicherheit im Hölloch verantwortlich. Dadurch ist er als «Usserschwyzer» im Muotathal fest verankert und akzeptiert.

Godat wohnt zwar im Aargauer Reusstal, nah am sonnigen Waldrand, und freut sich wie jeder Grossvater, wenn seine Kinder und Enkelkinder zu Besuch kommen. Gleichzeitig fasziniert ihn, was Andere beklemmt und Vielen einen Schauer über den Rücken jagt: Jean Godat zog es schon während seiner Jugend in die Tiefe. Seit er als 14-jähriger mit seinem Vater zum ersten Mal in die Unterwelt hinabgestiegen war, hat ihn die Begeisterung für Höhlen, Grotten und tiefe, dunkle Gänge unter dem Boden nicht mehr losgelassen.

Faszinierende Welt aus Stein: Das Hölloch wurde 1875 von einem Einheimischen entdeckt. Schon 1906 wurde ein erster Teil für die touristische Nutzung geöffnet.

Faszinierende Welt aus Stein: Das Hölloch wurde 1875 von einem Einheimischen entdeckt. Schon 1906 wurde ein erster Teil für die touristische Nutzung geöffnet.

Wiedergeboren im Tageslicht

Als Rettungschef des Höllochs im Muotathal und vieler anderer Höhlen in der Zentralschweiz und als Mitglied der Rettungsorganisation «Speleo Secours Schweiz» kennt Godat die Vorlieben einer Mehrheit der «Spezies Homo sapiens»: «Die meisten Menschen wollens bequem, warm, trocken, weich und gemütlich – wir Höhlenforscher suchen in der Höhle das Gegenteil: Es ist dunkel, dreckig, kalt und feucht und trotzdem können wirs nicht lassen», sagt der 56-jährige Familienvater aus dem unteren Freiamt. Das Erlebnis, nach einer erfolgreichen Höhlenfahrt in der absoluten Dunkelheit Stunden oder Tage später am Tageslicht «wiedergeboren» zu werden, sei ihm und seinen Höhlenkumpanen wohl deshalb immer wieder eine besondere Freude. «Da schätzt man Licht und Wärme wieder doppelt.»

Vielleicht «einen Flick ab»

«Ja, vielleicht stimmt es, dass wir Höhlenforscher irgendwie einen Flick ab haben», meint Godat verschmitzt. «Wir sind vielleicht ein wenig schräg – aber stören tut das und stören tun wir niemanden. Unter uns sind wir eine verschworene Gemeinschaft, eine Familie».

Höhlenforscher und Höhlenretter seien naturliebend, kollegial, weil sie aufeinander angewiesen seien, hilfsbereit und engagiert. Niemand suche den Adrenalinkick, sondern das unverfälschte Naturerlebnis. «Wenn wir uns nicht sicher sind, bleiben wir zu Hause», sagt Godat. «Denn alle wissen, dass Dunkelheit, Kälte und körperliche Anstrengung eine gefährliche Mischung sein können. Und deshalb verlassen sich die Höhlenretter des Höllochs vor einer Höhlenfahrt nicht ausschliesslich auf Prognosen der Muotathaler Wetterschmöcker.

Er ist und bleibt begeistert darob, dass eine Autostunde von seinem Wohnort entfernt – quasi direkt vor der Haustüre und nur einige hundert Meter unter der Erde – eine gänzlich unbekannte, raue und dunkle Welt zu finden ist, die erst noch vielen Angst macht. Das wecke seinen Entdeckergeist, sagt Jean Godat, lacht dabei und fragt rhetorisch: «Was gibt es Schöneres als in einem dunklen, engen und dreckigen Gang, den noch kein Mensch gesehen geschweige denn begangen hat, seinen Forscherdrang auszuleben? Wo sonst kann man in der Schweiz noch Neues entdecken?»

Dass für die Freilegung und das Ausmessen eines neuen, nur zehn Meter langen Ganges Tage oder gar Wochen nötig sind, das stört weder Godat noch seine Forscherkollegen. Diese Herausforderung schweisse die Forschergemeinschaft eher weiter zusammen. «Höhlenforscher und Höhlenretter sind erst gemeinsam und im Team stark», sagt Godat und lacht: «Ja, eigensinnig sind wir manchmal schon, aber nie eigenbrötlerisch oder egoistisch».

Hinter dem Gitter beginnt das Höhlen-labyrinth, das auch ein Naturschutzgebiet ist. 2011 entdeckten Forscher sogar eine neue Tierart: Der Pseudoblothrus infernus ist ein zwei Millimeter kleines Tierchen mit zwei Greifzangen.

Hinter dem Gitter beginnt das Höhlen-labyrinth, das auch ein Naturschutzgebiet ist. 2011 entdeckten Forscher sogar eine neue Tierart: Der Pseudoblothrus infernus ist ein zwei Millimeter kleines Tierchen mit zwei Greifzangen.

Ab vom Schuss

Ein Mittelländler als Chef einer Rettungsorganisation in der Urschweiz? «Kein Problem», meint Godat. Er sei als Rettungschef gut aufgenommen worden im Muotathal. Es sei von Beginn weg «absolut kein Problem» gewesen – seine Befürchtungen grundlos. «Ich wurde als Unterländer auf Anhieb akzeptiert und mittlerweile ist das Muotathal zu meiner zweiten Heimat geworden». Auch die Tatsache, dass er als Chef der für das Hölloch verantwortlichen Rettungskolonne 9 «ab vom Schuss im Aargau» wohne, ist für den Freiämter kein Grund zur Sorge: «Ich muss ja nicht als Erster vor Ort sein, sondern als Erster reagieren und eine Rettung organisieren.»

«Es darf keine Grenzen geben»

So war es auch im Juni 2014, als über 700 Höhlenretter und Helfer aus ganz Europa drei Wochen lang im Einsatz standen, um den in 1000 Meter Tiefe verunfallten Höhlenforscher Johann Westhauser zu bergen. Damals hat Jean Godat von der Schweiz aus den Einsatz der 29 angeforderten und in die Bayrischen Alpen beorderten Schweizer Höhlenretter organisiert und koordiniert. «Der Einsatz in der schwer zugänglichen Riesending-Schachthöhle war schwierig und der Aufwand für alle Beteiligten enorm, aber es hat sich gelohnt», blickt Jean Godat auf die aufwendigste Höhlenrettungsaktion aller Zeiten zurück. Johann Westhauser konnte dank einer beispiellosen, elf Tage dauernden Rettungsaktion aus der Höhle geholt und gerettet werden. «Bei solchen Einsätzen darf es keine Grenzen geben», sagt Godat. «Wer könnte in die Höhle steigen, um dem Verunfallten mitzuteilen, dass eine Rettung zu aufwendig wäre?»

Um für solch grosse Rettungsaktionen, aber gleichermassen auch für «kleine Bergungen» und Hilfeleistungen für in Not geratene Höhlenforscher bereit zu sein, organisiert Jean Godat regelmässig Ausbildungskurse für Höhlenretter. «Wir haben wenig Ernstfall-Erfahrung. Umso wichtiger ist es, supponiert zu trainieren und bereit zu sein», weiss der Rettungschef des Höllochs. Dabei spielen das theoretische Wissen, das technische Können und die medizinische Ausbildung eine zentrale Rolle. «Wir sind parat, für alle Fälle», sagt Godat nicht ohne Stolz. Denn die Retter von «Speleo Secours Schweiz» sind gut ausgebildete Laien, die bei Bedarf von Profis als Verstärkung angefordert werden und wegen ihrer Erfahrung, Ausbildung und Einsatzbereitschaft als Unter-Tag-Spezialisten international gefragt sind.