Ursula Rutishauser sitzt an einem Tisch, so wie es auch der 1995 verstorbene Bildhauer Eduard Spörri in seinem damaligen Atelier und heutigen Museum gern tat. Am liebsten in guter Gesellschaft und mit einem Glas Wein. «Er war ein geselliger Mensch, ich bin es auch», sagt die Künstlerin und lacht.


Ihre Hände liegen auf einer durch Glas geschützten «Tischdecke» der ganz besonderen Art. Die Aargauerin mit Atelier im Merker-Areal Baden hat in langer Arbeit halbtransparentes Papier zu haarfeinen, aneinanderhängenden Schriftbändern geschnitten. Auf ihnen steht ganz oder nur fragmentweise der Kernsatz, den sie für die Ausstellung im Spörri-Museum gewählt hat: «Jeder Ort kann Zentrum sein.» Für Rutishauser ist das Zentrum immer dort, wo sie sich gerade befindet. Vollkommen im Hier und Jetzt zu sein, ist Bedingung, wenn sie mit Schere und Messer fragile Wörter, Sätze oder wie in Wettingen einen ganzen Text des Aargauer Literaturpreisträgers Christian Haller aus einem Bogen Papier herausschneidet. Und zwar an einem Stück. Nur eine winzige falsche Bewegung, und die ganze Arbeit ist futsch.


Im grossen Skulpturenregal mit Werken von Spörri hat Rutishauser Sten Nadolny’s Bestseller «Die Entdeckung der Langsamkeit» hingelegt. Man könne das Buch ruhig in die Hand nehmen und darin lesen, steht auf einem kleinen Schild. Ein leiser Aufruf der 61-Jährigen fürs Innehalten in der zunehmenden Schnelllebigkeit. Das Wort «Achtsamkeit» bringt auf den Punkt, was ihr wichtig ist. Es ist in der Ausstellung sowohl als Papierschnitt wie auch als Plexiglas-Objekt präsent. Der Blick schweift zu einem riesigen Mobile aus hauchdünnen Chromnickelstahlknäueln. Bei jedem Windhauch drehen sie sich langsam. Zu den Techniken der Künstlerin gehört auch der Farbprägedruck, mittels dem sie drei Waschlappen in blassgrün, rosa und zartblau kreiert und neben Spörris Skulptur «Die Badende» gehängt hat. Hier mischt sich die minuziöse Feinarbeit des Schneidens mit dem Humor, der für Rutishausers Schaffen typisch ist.


Wegweisender Dialog


Immer wieder rückt Rutishauser völlig unspektakuläre Alltagsgegenstände ins Zentrum und erhebt sie zur Kunst. Darunter drei T-Shirts aus netzartigen Papiergeflechten. Dem Kopfkissen widmet sie gar eine ganze Serie in der ihr ureigenen Schnitttechnik. Im UG des Museums entdecken Besucher unter anderem die Arbeit «sueño» und das «Ruhekissen für Eduard Spörri», zu dem sich Rutishauser von einer Tusch-Zeichnung des Wettinger Bildhauers mit Traumwesen inspirieren liess. Kurator Rudolf Velhagen weist auf die vielen «verborgenen Sinnesschichten» der Ausstellung hin, die er mit Ursula Rutishauser gestaltet hat. Und Vernissagenredner Roy Oppenheim spricht von einem subtilen, grenz- und zeitüberschreitenden Dialog zwischen zwei Persönlichkeiten, die für das Kunstschaffen ihrer Generation wegweisend waren und sind.

Die Ausstellung von Ursula Rutishauser im Eduard Spörri Museum an der Bifangstrasse 17a in Wettingen kann noch bis zum 10. Dezember 2017 besichtigt werden. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr. Sonderevent: Mittwoch, 21. Juni, 19.30 Uhr: In einer Live-Performance aus Musik, Text und Film verwandelt sich der von Ursula Rutishauser gestaltete Tisch zu einem Fenster. Neben der Künstlerin wirken Rea Hunziker (Stimme),
Valentin Baumgartner (Gitarre) und Michael Spindler (Filmemacher) mit.