Baden
Ehemaliges Verdingkind: «Ich habe dank ihm nachholen dürfen, was vorher schiefgelaufen war»

Marcel Egloff erzählt von seiner Geschichte als Verdingkind und von seinem Traum – einem Camper.

Roman Huber
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Marcel Egloff mit Sira, Hauswart, Bühnentechniker im Kurtheater, stellte sich für einmal selber ins rechte Licht. Mario Heller

Marcel Egloff mit Sira, Hauswart, Bühnentechniker im Kurtheater, stellte sich für einmal selber ins rechte Licht. Mario Heller

Mario Heller

Zuerst kommt bei ihm das Kurtheater, wo er seit bald 20 Jahren als Hauswart und Bühnentechniker arbeitet. Dort ist der Treffpunkt für unser Gespräch. Seine zehnjährige Sira, eine Yorkshire-mal-West- Highland-White-Terrier-Mischlingshündin, hütet den Eingang. Wenn die Kinder mit ihren Skateboards vorbeigehen, dann verteidigt Sira bellend das Theater-Areal. «Sie ist unser Theater-Wachthund», sagt Marcel Egloff und lacht. Er nimmt es ihr auch nicht übel, wenn sie trotz zaghafter Intervention noch ein bisschen weiterbellt. Dann beginnt er seine Geschichte zu erzählen – eine sehr bewegende und aussergewöhnliche, die uns zurückführt in seine Vergangenheit als Verdingkind.

Dass der 61-Jährige heute nicht gerne an die Vergangenheit denken mag, versteht man schnell. Bald nach seiner Geburt hatte die Wettinger Behörde ihn und seinen um ein Jahr älteren Bruder den Eltern weggenommen und im Kloster der Benediktinerinnen in Hermetschwil versorgt. «Eine Pflegefamilie fand oder suchte man offenbar nicht. Doch es ist wohl besser gewesen, als in einer gescheiterten Ehe aufzuwachsen.» Hadern mit dem, was passierte, das ist nicht Marcel Egloffs Art. Er sei bei den Klosterfrauen bestens aufgehoben gewesen und gut behandelt worden. Er könne sich sogar daran erinnern, wie er von Nonnen gebadet worden sei als Kleinkind, erklärt er – eine Früherinnerung.

Bis 14-jährig waren er und sein Bruder dort. «Buben und Mädchen wurden strikt getrennt.» Vielleicht sei das der Grund, dass er keine feste Beziehung habe, meint Egloff und schmunzelt. Gut, er habe schon ein paar Freundinnen gehabt. «Doch ich bin überhaupt kein Macho-Typ, der Frauen anmacht. Da habe ich eher Berührungsängste», sagt er. 15 Jahre lang habe er jedoch eine schöne Beziehung gehabt, fährt er dann fort. Seine Freundin ist jedoch vor einiger Zeit auf tragische Weise gestorben.

Nach der Lehre auf die Strasse

«Ich habe bei der Firma Oederlin eine Lehre als Dreher gemacht», kehrt Egloff zurück in seine Jugend. Er wohnte zuerst bei seiner Grossmutter väterlicherseits. Doch nach der Lehre, auf sich selbst gestellt, da sei er eben etwas abgedriftet. Er zog aus, lebte mehr oder weniger auf der Strasse, ohne richtige Arbeit. Da kamen kleine Delikte zusammen: Diebstahl, um sich durchzubringen. Mit dem Übernamen «Eskimo» schloss er sich den Wild
Lions an, damals eine Badener Rocker-Gruppe. Aufgegriffen von der Polizei, wies ihn die Amtsvormundschaft in die Arbeitserziehungsanstalt Arxhof BL ein. «Ein Jahr und acht Tage», erinnert er sich. Er und sein Bruder seien wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden.

Unter Schutzaufsicht gestellt, wohnten die beiden kurze Zeit in Neuenhof. Statt dass man sich um sie gekümmert hatte, steckte sie die Schutzaufsicht schon bei erster Gelegenheit in das Heim für betreuungsbedürftige Männer in Murimoos. Das sei nicht korrekt abgelaufen, sagt Egloff heute überzeugt. Und er erzählt, wie er und sein Bruder dort bei erstbester Gelegenheit abgehauen seien.

Zurück in Baden, suchten die beiden beim damaligen Jugendhausleiter Johnny Ellenberger um Rat. Dieser schickte sie zu Albert Räber. Der Badener Oberstufenlehrer, langjähriger SP-Politiker im Einwohnerrat und im Grossen Rat, nahm sie in ihre Obhut. «Das war meine Rettung», sagt Egloff, der dem 1990 verstorbenen Ehrenbürger von Baden heute noch dankbar ist. Von seinem 20. Altersjahr an hat sich Räber immer wieder um ihn gekümmert. «Er hat für mich eine Wohnung in der Kronengasse gefunden, bei der Arbeitssuche und der Schuldensanierung geholfen und mich finanziell unterstützt», erzählt Egloff. «Ich habe dank ihm alles nachholen dürfen, was vorher schiefgelaufen war.»

Räber hatte selber keine Kinder. «Ich war für ihn so etwas wie ein Pflegesohn», weiss Marcel Egloff. Dank ihm habe er gelernt, als 30-Jähriger auf eigenen Beinen stehen zu können. Als Räber später einen Schlaganfall erlitten hatte, übernahm Marcel Egloff einen Teil seiner Pflege. Er hatte sich das Rüstzeug zuvor noch in einer Zweitausbildung geholt. Vier Jahre lang, half er Marie Räber (sie war langjährige Heimleiterin im Badener Ferienhaus Litzirüti) bei der Pflege ihres Bruders, bis Räber im Jahr 1990 mit 89 Jahren verstarb.

Viele Jahre verdiente Marcel Egloff sein Geld jedoch im Baugewerbe, zuletzt als Dachdecker. Aus gesundheitlichen Gründen wollte er mit über 40 weg. Ein Freund habe ihm von der Stelle hier erzählt. Er sei damals von Othmar Zehnder (früher technischer Leiter) auf Anhieb eingestellt worden. «Ich bin eben immer verfügbar», reduziert er seine vielfältigen Qualitäten in aller Bescheidenheit. Das sieht man im Kurtheater sehr wohl: «Erst vor kurzem hat ein Kunde, der hier seinen Geburtstag feierte, gedankt und geschrieben, dass wir hier eine Perle haben», erzählt Lara Albanesi, Gesamtleiterin des Kurtheaters. Damit gemeint war Hauswart Egloff. Sie könne dem nichts hinzufügen: Marcel sei als Mitarbeiter stets aufgestellt und freundlich, zuverlässig, packe an und denke erst noch mit. «Er ist für uns sehr wertvoll – eben eine Perle».

Freundlich, oft vor sich hinpfeifend, so kennt man ihn auch in der Stadt, wo man ihn tagsüber oft auf dem Spaziergang mit Sira antrifft. Denn seine Arbeitszeit verlagere sich meist in den Abend, erklärt Egloff. Da habe er Zeit zum Flanieren oder für ein Kafi. Ein Bier gibt es eher selten, «ein Panasch vielleicht». Das habe ihm im Leben zweifellos geholfen, dass er weder Alkohol- noch Drogenprobleme hatte. Sein Respekt davor war zu gross. Es habe ihm genügt, wenn er bei Freunden habe Abstürze erleben müssen.

Seine Heimat ist nebst dem Kurtheater die untere Altstadt. «Dort sieht und grüsst man sich, steht still für einen kurzen Schwatz und lässt dann einander auch wieder in Ruhe», sagt er und gesteht gleich: «Ich bin nun Mal ein Einzelgänger.» In seiner Wohnung in den Räumen des einstigen Restaurants «Zur alten Brücke» nimmt er regelmässig seine Gitarre hervor. Nach ein paar Stunden bei Nic Niedermann habe er sein Spiel via Internet weitergebracht. Zu seinem Repertoire gehören Pink Floyd, Roxie, «eben die guten alten Rocksongs», auch Metallica oder Jimi Hendrix. Und nebst den Griffen für alle Tonarten wage er sich auch mal an ein Solo heran. Dann schaut er regelmässig in der Zeitung oder im Fernsehen, was in der Welt und in der Politik geschieht.

Authentisch und zufrieden im Leben

«Ich will einfach so sein können, wie ich bin», und fügt an: «Authentisch». Er habe gelernt, mit dem Leben zufrieden zu sein und damit umzugehen, auch mit dem Geld. Als Teilhaber einer kleinen Bar könnte er sich gut vorstellen, als Pensionär zu wirten. Ob er sich in seinem Leben noch etwas Spezielles wünsche? Ja, einen Traum habe er: einen VW-Bus California, einen Camper, mit dem er als Pensionär mit Sira in der Schweiz umherreisen könnte. Er sei zufrieden und habe sonst eigentlich keine Wünsche, sagt er und zündet sich eine Zigarette an – da kommt ihm in den Sinn, dass er sich nach ein paar gescheiterten Anläufen doch noch das Rauchen abgewöhnen möchte.

«Für mich zählen der Augenblick und die Zukunft», sagt Egloff irgendeinmal im Gespräch. «Familienfotos gibt es keine, Zeugnisse habe ich weggeworfen», sagt er. Die Vergangenheit leugnet er zwar nicht, doch er habe mit ihr abgeschlossen, im Frieden. Die Entschädigung des Bundes für Verdingkinder, die im Frühjahr beschlossen wurde, hat ihn allerdings wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Er habe sich gemeldet. «Wenn ich etwas Geld erhalte, dann nehme ich es», sagt Egloff. «Doch zuerst sollen diejenigen etwas bekommen, die es brauchen.»