Villa Schnebli
«Ein Armutszeugnis für die Kulturstadt Baden»

Zwei Badener erheben Kritik am Abbruch der Villa Schnebli. Sie wünschen sich mehr Sensibilität für die historische Bausubstanz in der Stadt. Mit einer Petition kämpfen sie für den Erhalt des Hauses – doch ist es wohl zu spät.

Andreas Fahrländer
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Kurz vor dem Abbruch: Die Villa Schnebli an der Haselstrasse.

Kurz vor dem Abbruch: Die Villa Schnebli an der Haselstrasse.

Andreas Fahrländer

Rund um das Badener Postareal sind schon die Bagger für den geplanten Umbau aufgefahren. Der kleine Garten hinter dem Kulturhaus Royal ist verschwunden, Baucontainer stehen bereit. In den nächsten Tagen dürfte auch die Villa Schnebli neben dem «Royal» abgebrochen werden. Das Haus hatte Biscuit-Fabrikant Ernst Schnebli 1909 für sich und seine Familie bauen lassen.

Die beiden Badener Damian Brunner und Frank-Alexander Thoma erheben nun deutliche Kritik an diesem Abbruch. Denn: Das Haus muss nicht dem Neubau auf dem Postareal weichen, sondern einzig und allein, um Platz zu schaffen für die Baustellenzufahrt. Thoma ist Architekt in Baden, Brunner arbeitet in der Finanzbranche, interessiert sich aber privat für Baufragen. In einem Brief an das Badener Tagblatt schreiben die beiden, es sei ein Armutszeugnis ersten Ranges für die Kultur- und Bäderstadt Baden, dass dieses Gebäude dem kurzfristigen Profit geopfert werde.

«Verblüfft»

«Als Architektur- und Kulturinteressierte verblüfft es uns immer wieder, wie teilweise in der Schweiz, besonders aber in der Stadt Baden respektlos mit historischer Bausubstanz umgegangen wird», heisst es in dem Brief weiter. Auf Nachfrage sagt Thoma, es gehe keineswegs darum, alles Alte zu bewahren und Neues zu verhindern. Es gehe darum, mehr Sensibilität zu entwickeln für historische Bausubstanz in der Stadt. Im Brief zählen Brunner und Thoma Gründe auf, die für einen Erhalt des Hauses sprechen müssten:

  • Das Haus weise augenscheinlich eine gute Bausubstanz auf. Es bestehe keine wirtschaftliche Notwendigkeit, das Gebäude abzubrechen. Mit Kreativität könne die Zufahrt zur Baustelle und zum Postareal anders gelöst werden.
  • Die Villa Schnebli sei ein Zeitzeuge des grossbürgerlichen Wohnens um 1900 in Baden. Bis heute bereue man den Abbruch der Villa Römerburg im Jahr 1957. Bezeichnenderweise werde gerade die Sanierung des Hotels Schwanen in Ennetbaden als historischer Schatz gefeiert; eine Diskrepanz.
  • Es gebe rund um die Haselstrasse heute mit dem alten Hotel Du Parc, der Synagoge, dem Kursaal und den Bauten an der Parkstrasse eine komplett erhaltene historische Bebauung aus der Zeit um 1900 und ein geschlossenes Ensemble, wie es sonst in Baden kaum noch anzutreffen sei.
  • Die Villa Schnebli sei das letzte bauliche Zeugnis der Biscuit-Dynastie Schnebli, welche die Badener Gesellschaft massgeblich mitgeprägt und auch den Architekten Dolf Schnebli (1928–2009) hervorgebracht hat.
Das Kino Royal 1948 Das älteste Kino im Aargau baute 1912 der Badener Architekt Arthur Betschon als Kino Radium, ab 1935 hiess es Royal. Rechts die Villa Schnebli.
25 Bilder
Das Royal heute Fast im letzten Moment konnte das "Royal" 2017 vor dem Abriss bewahrt werden.
Die Villa Schnebli muss weichen 1909 liess Biscuit-Fabrikant Ernst Schnebli das Haus für sich und seine Familie an der Haselstrasse bauen. Jetzt wird es abgebrochen, um Platz zu schaffen für die Baustellenzufahrt des Postareals.
Villa Schnebli Vergangener Glanz: Die Eingangstür zur Villa Schnebli an der Haselstrasse. Im Fenster spiegelt sich die Synagoge, die fast zeitgleich erbaut wurde.
Die Synagoge an der Parkstrasse Die Synagoge wurde 1912 von den Badener Architekten Dorer & Füchslin für die Israelitische Kultusgemeinde erbaut.
Die Villa Schnebli 1945 In dieser Zeit war das Haus im Besitz der Kohlen- und Mineralwasserhandlung Schneider & Haenggli.
Hotel Du Parc Das alte Hotel Du Parc an der Ecke Hasel-/Bahnhofstrasse (damals noch ungepflastert) wurde um das Jahr 1900 im Jugendstil erbaut.
Hotel Du Parc Die meisten Jugendstil-Ornamente und die Veranden sind später verschwunden.
Jugendstil im Du Parc Auch die Jugendstil-Gaststube (hier im Jahr 1903) ist längst verschwunden.
Autounfall auf der Haselstrasse Vor dem Kino Radium gab es 1929 einen Autounfall. Im Hintergrund die Synagoge.
Gewerbeausstellung 1925 Über die Bahnhofstrasse ging 1925 der Umzug zur grossen Aargauischen Gewerbeausstellung, hier vor dem Hotel Du Parc.
Gewerbeausstellung 1925 Der Umzug vor dem Cinema Radium und der Villa Schnebli.
Restaurant Berna An der Stelle der heutigen Hauptpost am Bahnhofplatz stand bis 1929 das Chalet-Restaurant Berna aus dem Jahr 1880.
Das Chalet Berna Das Chalet-Restaurant Berna am Bahnhofplatz wurde im typischen Schweizer Heimatstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts erbaut.
Die Hauptpost von Karl Moser aus dem Jahr 1930 Das Postgebäude plante der Badener "Stararchitekt" Karl Moser als Eisenbetonbau im Stil der Neuen Sachlichkeit.
Die Hauptpost im Rohbau Die Eisenbetonkonstruktion war 1930 hochmodern.
Blick vom Dach der Post Karl Moser wollte ein Flachdach, die Badener ein Schrägdach: Moser musste einen Kompromiss eingehen. Im Hintergrund der Kohleschuppen der Firma Schneider & Haenggli.
Blick vom Dach der Post auf die Ruine Stein und das Belvédère In der Mitte der Hauptpost befand sich ein Lichtschacht. Er wurde später zugemauert, um Platz zu schaffen für die rasant wachsenden Telefonanlagen.
Der Neubau von Haefeli Moser Steiger Das renommierte Zürcher Architekturbüro plante 1974 den Erweiterungsbau für die Post, in neo-brutalistischer Betonbauweise.
Das Postareal heute Das Postareal ist heute im Besitz der Immobilienfirma Zuriba AG aus Möhlin, die es zu einer Shopping-Mall umbaut.
Das Postareal heute Das Aussehen von Karl Mosers Hauptpost von 1930 wurde in den Siebzigerjahren schon stark verändert. Ursprünglich wollte die Zuriba auch sie abbrechen.
Futuristische Pläne in den 50ern In den 1950er-Jahren gab es schon Vorstudien für eine komplette Neubebauung der Bahnhofstrasse. Sie wurden so nie realisiert.
Motor Columbus Fast die ganze Bebauung an der Parkstrasse stammt aus der Zeit kurz nach 1900. Den Hauptsitz der Motor Columbus AG von 1905 entwarf, wie die meisten Häuser hier, der Architekt Arthur Betschon.
NOK, heute Axpo Der Hauptsitz der Axpo, früher Nordostschweizerische Kraftwerke AG, auf dem Nachbargrundstück an der Parkstrasse wurde 1914 von Otto und Werner Pfister gebaut.
Kursaal-Kasino Der Badener Kursaal wurde 1875 nach Plänen von Karl Mosers Vater Robert Moser im Kurpark an der Parkstrasse erbaut.

Das Kino Royal 1948 Das älteste Kino im Aargau baute 1912 der Badener Architekt Arthur Betschon als Kino Radium, ab 1935 hiess es Royal. Rechts die Villa Schnebli.

Historisches Museum Baden, Werner Nefflen, Q.01.4643C

Kommt die Petition zu spät?

Die Geringschätzung, die diesem Gebäude und anderen gebauten Zeitzeugen widerfahre, werfe ein fragliches Licht auf die fachliche Kompetenz der Entscheidungsträger bei der Stadt Baden. Thoma zitiert August Bebel: «Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.» Brunner und Thoma haben auf der Plattform Petitio.ch eine Petition gestartet, um die Villa Schnebli zu retten. Allerdings sei ihnen bewusst, dass es wohl zu spät sei. Denn die Bagger sind dem Haus schon bedrohlich nahe gekommen.

Vonseiten der Zuriba heisst es, der Rückbau des Gebäudes sei Bestandteil der rechtskräftigen Baubewilligung und nötig, um die zukünftige Erschliessung des Postareals mit üblichen Lastwagen zu ermöglichen. Mit dem Abbruch könne zudem das Royal «freigespielt» werden, wodurch «die markante städtebauliche Ecksituation stärker akzentuiert» werde. Mit dem geplanten Platz an der Stelle der Villa Schnebli werde überdies «ein adäquater Aussenraum» für die Öffentlichkeit geschaffen.

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