Europa blickte vor 300 Jahren gebannt nach Baden. Dort trafen sich die Gesandten aller wichtigen Mächte, um den Frieden auszuhandeln – und dem zehnjährigen Spanischen Erbfolgekrieg ein Ende zu setzen. Mittendrin der Badener Stadtfähndrich Caspar Joseph Dorer, der in seinem Tagebuch detailliert den Ausnahmezustand in seiner Stadt beschreibt.

Auf über 300 Seiten hält er seine Beobachtungen fest. Warum Dorer zum Chronisten des Kongresses wurde, ist nicht bekannt. Womöglich habe er im Auftrag der Stadt gehandelt, schreibt die Historikerin Barbara Schmid in der von ihr herausgegebenen und kommentierten Edition, die pünktlich zum Jubiläum erschienen ist. Der denkwürdige Kongress müsse «in lebhafter Gedechtnuss» bleiben, begründet der Tagebuchschreiber sein Werk. Und tatsächlich hat er mit seinen detaillierten Schilderungen die bedeutendste Quelle zum Frieden von Baden hinterlassen.

Allein die Aufzählung aller Kongressteilnehmer füllt 16 Seiten – von der kaiserlichen Delegation über die französischen Gesandten bis hin zum päpstlichen Vertreter. Alle reisten sie nach Baden – und wollten dort standesgemäss untergebracht werden. Je mächtiger die Herrscher, die sie vertraten, desto vornehmer der Wohnsitz der Gesandten. Die stattlichsten Häuser sicherten sich die Bevollmächtigten Kaiser Karls VI. und König Ludwigs XIV., die auch fernab der Heimat nicht auf Luxus verzichten wollten.

Entsprechend prunkvoll liessen sie ihre Unterkünfte herrichten. Dorer beschreibt die wertvolle Einrichtung in den Zimmern, etwa das mit Gold, Silber und Samt geschmückte Bett eines französischen Gesandten.

Stundenlage Essgelage

Auch vor Umbauten schreckten die Gäste nicht zurück: Im Haus zum Winkel etwa wurde eine Küche mit Schmor- und Bratöfen sowie einer im Freien gelegenen Bäckerei und Braterei gebaut. Denn die Essen am Rande des Friedenskongresses waren oftmals ausschweifend. Speise um Speise wurde aufgetischt, sodass sich das Gelage in die Länge zog: «Umb 1 Uhren sasse man zu Tafell, und gegen 4 Uhren nahmb dass Gastmahl ein Endt», schreibt Caspar Joseph Dorer.

Auch sonst fehlte es den Gästen an nichts in Baden, das sich bei der Wahl des Kongressorts gegen Frauenfeld und Schaffhausen durchsetzen konnte. Der Kaiser überliess dem französischen König die Entscheidung zwischen den drei Städten. Die Gesandten dürften mit dem Entscheid zufrieden gewesen sein. Jedenfalls beschreibt Dorer abwechslungsreiche Freizeitaktivitäten: Im Schützenhaus war ein Theater eingerichtet und unter den Linden traf man sich zu Spaziergängen oder Glückspielen. Das benachbarte Wettingen war nicht nur beliebt für Kutschenfahrten, sondern auch Schauplatz eines Sommerfests im Wald. Bis in die späte Nacht vergnügten sich dort die Gäste. Die Bewohner der umliegenden Dörfer liessen sich das Schauspiel nicht entgehen. Haufenweise seien die «Baurssleüth» in das Waldstück Tägerhard geströmt, um dem merkwürdigen Treiben zuzuschauen.

Die Neugier der Einheimischen hätte den Erfolg des streng nach Zeremoniell abgehaltenen Kongresses gefährden können. Badener Bürgerinnen und Bürger lauschten am offenen Küchenfester des Rathauses und hätten dabei beinahe von hohen Ministern besprochene Geheimnisse erfahren.

Das Diarium des Badener Friedens 1714 von Caspar Joseph Dorer. Mit Einleitung und Kommentar, herausgegeben von Barbara Schmid, Hier und Jetzt, Baden 2014.