Er ist gross und dünn, seine Haare sind kurz rasiert, er trägt Jeans, ein verwaschenes graues T-Shirt und weisse Turnschuhe: Patrick (Name geändert) ist 29-jährig. Angeklagt des gewerbsmässigen Diebstahls sowie weiterer Delikte sitzt er vor Einzelrichter Lukas Cotti.

Im Gepäck hat Patrick sieben Vorstrafen, darunter unbedingte Geld- und Haftstrafen. Anfang Juni letzten Jahres war er vorzeitig bedingt entlassen worden – zwei Tage, bevor er die ganze Strafe abgesessen gehabt hätte.

Mit einem Kumpel macht Patrick sich dann auf, beim Manor Baden Spielkonsolen zu klauen. Der Kumpel schaffte es, Patrick fühlte sich beobachtet und liess es bleiben. Auf der Gasse verkauften sie für 200 Stutz die Spielkonsole im Wert von 499 Franken. Im Januar und April klaute Patrick beim Migros im Neumarkt Brugg Pullover, Hosen und Sportschuhe. Am 20. April machte die Polizei bei Patrick eine Hausdurchsuchung, die um 17.30 Uhr beendet war. Nur eine Viertelstunde später bediente er sich bei Vögele Mode im Neumarkt mit drei Hosen …

Die Kleider, sagt Patrick zum Richter, habe er dem Dealer an Zahlung gegeben. Weil er bei dem mit rund 300 Franken in der Kreide stand, habe der ihn unter Druck gesetzt und bedroht. Mit einem Teil der Beute habe er auch Esswaren für sich bezahlt. Wie viel Schulden er heute habe, will der Richter wissen. «So 2500 bis 3000 Franken, vor allem bei den SBB. Das stottere ich monatlich mit 50 Franken ab.»

Patrick gibt offen und höflich Auskunft. Auch auf die Frage des Richters, wie es mit ihm so weit habe kommen können. «Ich bin seit fast drei Jahren ohne Arbeit, lebe leider Gottes vom Sozialamt. Ich war jede Woche unterwegs bei Temporär-Büros und im Internet – vergebens.» Derzeit ist Patrick aber nicht unterwegs: Seit dem 20. April sitzt er in U-Haft respektive im vorzeitigen Strafvollzug. «Abgesehen von einem einstündigen Spaziergang bin ich den ganzen Tag in der Zelle eingesperrt.» Mit einer bedingten Strafe, das ist ihm klar, kann Patrick bei seinem Vorstrafenregister nicht mehr rechnen.

Depressionen und Drogen

Patrick hat ein sehr begrenztes soziales Umfeld. «Meine einzige Bezugspersonen sind mein Onkel und meine Schwester, aber die ist krank. Meine Eltern waren geschieden, zum Vater habe ich keinen Kontakt, und als meine Mutter 2010 starb, habe ich schwere Depressionen bekommen.» 2012 begann Patrick Drogen zu konsumieren – Kokain, LSD, Marihuana. «Was braucht es, damit Sie auf den rechten Weg kommen?», fragt Richter Cotti. «Arbeit, am liebsten irgendwie im Logistikbereich, und geregelte Strukturen.»

Neun Monate unbedingt, so lautet die Forderung des Staatsanwalts. Der Verteidiger stellt die Gewerbsmässigkeit hinter Patricks Taten in Abrede. Er rechnet dem Richter vor, dass der Erlös aus den Diebstählen monatlich höchstens 200 Franken ergeben habe. Als der Anwalt auf die Jugend seines Mandanten eingeht, wischt Patrick sich ein paar Tränen vom Gesicht. «Die begangenen Diebstähle sind wirklich lästig, aber der soziale Schaden ist nicht sehr hoch. Eine bedingte Strafe ist hier zwar kein Thema, aber angesichts der Tatsache, dass Arbeitslosigkeit der eigentliche Auslöser war, sind 600 Stunden gemeinnützige Arbeit die adäquate Strafe», so sein Anwalt.

Gemeinnützige Arbeit

Richter Lukas Cotti sieht das in etwa gleich. Er spricht Patrick schuldig des geringfügigen Diebstahls und verurteilt ihn zu 720 Stunden gemeinnütziger Arbeit. «Das entspricht sechs Monaten Freiheitsstrafe. Zwar wurden mehrere, aber leichte Diebstähle begangen und die nicht besonders raffiniert.»

Da die U-Haft und der vorzeitige Strafvollzug angerechnet werden, muss Patrick nun rund 300 Stunden lang gemeinnützig tätig sein. «Das wird mir extrem guttun und ich werde es gewissenhaft wahrnehmen», versichert er, wobei so etwas wie ein Hoffnungsschimmer über sein Gesicht zieht.