Bezirk Baden
Ein Drittel aller Gewässer verläuft unter dem Boden

Auf 88 Kilometern fliessen die Bäche im Bezirk Baden unterirdisch. Ihre Befreiung kommt voran, gestaltet sich aber schwierig.

David Egger
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Der Lugibach in Wettingen fliesst ganz ohne Betonschranken. Er gilt als Vorbild der natürlichen Bachgestaltung.
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In Wettingen sind 29,3 Prozent aller Gewässer im Boden versteckt
Bäche im Bezirk Baden fliessen meist unterirdisch
Der Kanton Aargau gibt jährlich zwei Millionen Franken für die Wiederbelebung von Gewässern aus
Der Bund gibt von 2012 bis 2015 gesamthaft 142 Millionen Franken für Revitalisierungen aus, gestützt auf das neue Gewässerschutzgesetz
«Für die produzierende Landwirtschaft hat die Freilegung von Bächen mehr Nach- als Vorteile», sagt Andreas Suter vom Landwirtschaftsverband Baden-Brugg
7_257 Kilometer lang sind die Gewässer im Bezirk Baden
Auf 88 Kilometern sind die Gewässer im Bezirk Baden eingedolt, was der Strecke von Baden nach Burgdorf im Kanton Bern entspricht
Laut dem Bundesamt für Umwelt sind die Gewässer jene Lebensräume in der Schweiz, die am meisten von ihrer Natürlichkeit eingebüsst haben

Der Lugibach in Wettingen fliesst ganz ohne Betonschranken. Er gilt als Vorbild der natürlichen Bachgestaltung.

David Egger

Bäche und ihr Raumanspruch sind ein Politikum. Beispiel Mellingen: Weil der Stadtbach laut Gewässerschutzgesetz zu wenig Platz hat, gab es eine Einsprache gegen den Neubau des Alterszentrums. Im Reussstädtchen fliessen 45 Prozent der Gewässer unterirdisch. Mellingen ist keine Ausnahme: Oberrohrdorf hat 69 Prozent seiner Gewässer unter den Boden verlegt. Die Zahlen des kantonalen Departements Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) zeigen: Die Unterschiede zwischen den Gemeinden sind gross. In Gebenstorf verlaufen nur 10 Prozent der Gewässer unterirdisch. Die dortige Renaturierung des Limmatspitz vor 15 Jahren gilt bei Pro Natura als «zukunftsweisendes Modellbeispiel».

Ein Erbe der Anbauschlacht

Vor 80 Jahren begann man damit, die Bäche einzudolen, sprich: sie unter den Boden zu verlegen. «Während der Anbauschlacht in den 40ern mussten die Menschen zuerst dafür sorgen, dass sie etwas auf dem Teller haben», sagt Markus Zumsteg, der beim Kanton die Sektion Wasserbau leitet. Mit Waldrodungen und Bachverlegungen gewann die Schweiz zusätzliches Ackerland. Später dehnten sich das Siedlungsgebiet und die Verkehrswege aus. Noch mehr Fliessgewässer wurden verbaut, kanalisiert oder eingedolt.

Auch der Hochwasserschutz basierte lange Zeit darauf, die Fliessgewässer in begradigte Bahnen zu lenken. Damit seien die Gewässer jene Lebensräume, «die wohl am meisten von ihrer Natürlichkeit eingebüsst haben», befand das Bundesamt für Umwelt vor drei Jahren. Das gilt auch für den Bezirk Baden, wo die Gewässer insgesamt 257 Kilometer lang sind, was einer Autofahrt von Baden nach Genf entspricht. Auf 88 Kilometern fliessen diese Gewässer in unterirdischen Röhren. Umgemünzt auf die Strecke Baden-Genf heisst das: Bis Burgdorf im Kanton Bern ist kein Tropfen Wasser zu sehen.

Nun sollen möglichst viele Fliessgewässer wiederbelebt werden. «Diese Bestrebungen sind ein relativ junges Programm», sagt Markus Zumsteg. Fast in allen Gemeinden des Bezirks wurden eingedolte Bäche freigelegt und begradigte Gewässer renaturiert: so zum Beispiel ein Teil des Badener Stadtbachs, der Dorfbach in Spreitenbach oder der Lugibach in Wettingen.

Viele Nachteile für die Bauern

Trotz des Umdenkens und verschärfter Gewässerschutzgesetze gestalten sich Freilegungen vielerorts schwierig. Das grösste Hindernis bei Freilegungsprojekten ist laut Markus Zumsteg der Landbedarf. Der Nutzungsdruck komme vor allem von der Landwirtschaft und dem Siedlungsgebiet. «Für die produzierende Landwirtschaft hat die Freilegung von Bächen mehr Nach- als Vorteile», sagt Andreas Suter vom Landwirtschaftsverband Baden-Brugg. Die Bauern haben in Bachnähe mit Einschränkungen zu kämpfen: Sie müssen beim Einsatz von Spritz- und Düngemitteln Abstände von bis zu 50 Metern einhalten. Zusätzlich müssen sie Ökoflächen erstellen, die viel Arbeit mit sich bringen, aber laut Suter nicht genügend entschädigt werden.

Die Geldfrage stellt sich nicht nur bei den Bauern, sondern auch bei den Gemeinden, die jeweils rund die Hälfte der Freilegungs- und Renaturierungskosten übernehmen müssen. Sie wehren sich teils gegen die Projekte. Der Kanton gibt jährlich zwei Millionen Franken für die Wiederbelebung von Gewässern aus. Und der Bund zahlt gestützt jeweils 35 bis 70 Prozent der Projektkosten bei Revitalisierungen.

Erhalten die Bäche trotz aller Hindernisse mehr Platz, wächst die Fischpopulation und ihre Altersdurchmischung verbessert sich. Wenn durch einen Unfall Gülle oder Chemie in den Bach gelangt, sterben auch weniger Fische, weil sich diese besser verstecken können und sich der Bach schneller selbst reinigt.

Auch der Mensch profitiert wegen des Erholungswerts von natürlichen Bächen. «Die Landwirtschaft erhält darum einen guten Ruf, wenn sie die Freilegung von Bächen unterstützt», sagt Landwirt Andreas Suter. «In Ebenen, wo alle Gewässer eingedolt sind, sind Freilegungen eher noch tolerierbar. Aber dort, wo schon Gewässer freigelegt sind, braucht es nicht noch mehr.»

Welche Gemeinde im Bezirk Baden hat wie viele ihrer Gewässer eingedolt? (Stand Juni 2014, Quelle: BVU)

  • Baden 22,4 %
  • Bellikon 58,5 %
  • Bergdietikon 28,7 %
  • Birmenstorf 53,6 %
  • Ehrendingen 27,6 %
  • Ennetbaden 25,9 %
  • Fislisbach 40,4 %
  • Freienwil 67,0 %
  • Gebenstorf 9,5 %
  • Killwangen 35,7 %
  • Künten 40,9 %
  • Mägenwil 54,3 %
  • Mellingen 45,3 %
  • Neuenhof 34,4 %
  • Niederrohrdorf 37,4 %
  • Oberrohrdorf 68,5 %
  • Obersiggenthal 45,7 %
  • Remetschwil 61,7 %
  • Spreitenbach 12,8 %
  • Stetten 44,6 %
  • Turgi 28,2 %
  • Untersiggenthal 36,3 %
  • Wettingen 29,3 %
  • Wohlenschwil 36,4 %
  • Würenlingen 21,6 %
  • Würenlos 24,6 %

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