Badenfahrt
Ein Erlebnis für alle fünf Sinne

Das Badener Tagblatt liess sich von einer Blinden durch einen Sinnesparcours im Dunkeln führen.

Anja Ringele
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Festbeiz #Sinneswandel

Festbeiz #Sinneswandel

Sandra Ardizzone

Bei der Ankunft auf dem Theaterplatz wartet Ruth bereits beim Eingang zum «Sinnesparcours». Die Baslerin macht einen sympathischen, freundlichen Eindruck und scheint nichts Ungewöhnliches an sich zu haben. Beim gegenseitigen Vorstellen fällt die Besonderheit jedoch auf: Bei der Begrüssung trifft ihr Blick nicht meinen, sondern die Ferne. Ich kann sie sehen, sie mich aber nicht.

Ruth ist eine von vielen Sehbehinderten, die die Badenfahrtbesucher durch den Dunkelparcours führen. Er ist Teil der Festbeiz «Sinneswandel», die der Kulturverein «bäm.ch» und die Stiftung «blindekuh» betreiben. «Ziel unserer Zusammenarbeit ist es, den sehenden Menschen die Welt der Nichtsehenden näherzubringen», erklärt Ralph Bucherer, Betriebsleiter des Restaurants «blindekuh» in Basel.

Aufgaben in der Finsternis
Ruth öffnet den schwarzen Vorhang und führt mich in den Vorraum des Parcours. Es ist stockfinster, kein einziger Lichtstrahl dringt in den Raum. Während das Schwindelgefühl in meinem Kopf langsam zu verschwinden scheint, hat Ruth bereits den Parcours betreten und erklärt mir schrittweise, was wo zu finden ist.

«Dies ist auch der erste Durchgang für mich», sagt sie, als wir beim ersten Posten den Geschmackssinn testen. Die Aromen wirken sehr vertraut und dennoch fällt es schwer, sie den richtigen Begriffen zuzuordnen. Während wir zum nächsten Posten gehen, erzählt Ruth von ihrer Arbeit: «Meine Arbeit als Kellnerin im Restaurant «blindekuh» in Zürich macht mir grosse Freude. Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Gäste mit der Dunkelheit und uns Sehbehinderten umgehen.»

Genuss auf mehreren Ebenen
Nach einer Prüfung des Gehörsinns folgt der letzte Posten. Auffallend während des ganzen Parcours ist die Souveränität, mit der Ruth mich hindurchführt. Das ist genau das, was die Organisatoren den Gästen zeigen möchten: «Blinde haben zwar einen Sinn weniger, dafür sind sie umso stärker in den anderen Sinnen», sagt Lukas Sigel, Mitbegründer von «bäm.ch». Sein Verein macht sich seit vier Jahren stark für Nachwuchskünstler aus der Region Baden. Neben ihnen gehören DJs und Theater zum Programm auf der Bühne.

Das Team von «Sinneswandel» verwöhnt die Sinne der Gäste auf zwei Etagen: Beim Geschmack eines süssen Cocktails im Mund und dem Geräusch der Stimmen und der Musik der Künstler in den Ohren kann man oben eine tolle Aussicht auf die Stadt geniessen. Einen Stock tiefer riechen die Besucher den Duft von Essen aus dem Foodtruck und spüren Berührungen im Dunkeln.

Inzwischen ist der Rundgang in der Finsternis beendet und Ruth führt mich zum Ausgang. «Es ist meine erste Badenfahrt und ich freue mich auf all die tollen Erlebnisse», sagt sie mit einem Lächeln und blickt in die Ferne.

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