Man nehme ein Beispiel aus dem Sport. Der österreichische Skifahrer Klaus Kröll hat diese Saison die kleine Abfahrt-Kristallkugel gewonnen; sein Landsmann Marcel Hirscher den Gesamtweltcup. Man stelle sich nun vor, Kröll hätte 100000 Franken für seine Leistung erhalten, Hirscher aber nur 50000 Franken.

Zumindest Ähnliches passiert an der Kanti Wettingen. Während sich der beste Maturand mit einem – von der Gemeinde gesponserten – Preis von 500 Franken begnügen muss, erhält der beste Schüler des Schwerpunktfachs «Wirtschaft und Recht» einen Check von 1000 Franken. Seit 2008 sponsert die Kanzlei Voser Rechtsanwälte in Baden diesen Extrapreis.

Nicht in Ordnung

Manuel Diener (21) findet die Verleihung dieses Extrapreises nicht in Ordnung. «2010 habe ich die Preisverleihung an meiner Maturafeier selber miterlebt.» Nicht nur ihm, sondern auch zahlreichen Schülern und Eltern sei der Extrapreis damals sauer aufgestossen. «Der Preis ist unverhältnismässig hoch», so Diener. Zudem würden es Schüler mit anderen Schwerpunktfächern unfair finden, dass bloss Maturanden mit Schwerpunktfach «Wirtschaft und Recht» einen Extrapreis erhalten.

Doch weshalb kritisiert Diener den Extra-Preis erst zwei Jahre nach seiner eigenen Matura? «Durch einen Zufall bin ich wieder auf das Thema gestossen, und es begann mir wieder unter den Nägeln brennen.» In der Folge habe er zusammen mit dem Chefredaktor der «Neuen Aargauer Kantizeitung Troubadour» ein Interview mit Kanti-Rektor Kurt Wiedemeier veröffentlichen wollen. «Doch nach langem Hin und Her zog Wiedemeier das Interview wieder zurück.»

Satirisches Flugblatt

Also organisierte Diener letzten Montag spontan eine Flugblatt-Aktion auf dem Gelände der Kanti Wettingen. Das Flugblatt sei bewusst satirisch gehalten. «Ich bin nicht generell gegen Preise für gute Leistungen. Aber es sollte doch möglich sein, dass man über Sinn und Verhältnismässigkeit eines solchen Extrapreises diskutieren kann.»

Das sieht Kurt Wiedemeier grundsätzlich auch so. Nur habe er seine allergrösste Mühe, wenn hinter dem Rücken der Schulleitung irgendwelche anonymen Flugblattaktionen stattfinden würden. «Noch viel schlimmer: Als Kontaktadresse auf dem Flugblatt ist die Schule angegeben. Wir fordern den Absender auf, mit uns in einen Dialog von Angesicht zu Angesicht zu treten. Anonyme Pamphlete passen schlicht nicht zu unserer Schulkultur.» Im Übrigen könne auch keine Rede davon sein, dass er das Interview in der Kantizeitung verweigert habe. «Das Interview war schlicht und einfach journalistisch unseriös.»

«Sitzen nicht im Glashaus»

Grundsätzlich hält Wiedemeier fest: «Wir sitzen hier nicht im Glashaus; ich habe keine Berührungsängste zur Aussenwelt – sprich zur Wirtschaft.» Es stelle seiner Meinung nach nichts Anrüchiges dar, wenn Schüler einzelner Schwerpunktfächer für ihre besonderen Leistungen extra ausgezeichnet würden. «So vergeben wir seit letztem Jahr – im Andenken an die verstorbene Italienischlehrerin Simonetta Balzarini – einen Italienisch-Spezialpreis», sagt Wiedemeier. Die Kritik am Preis sei für ihn Ausdruck der heutigen Neidgesellschaft. «Jeder, der etwas abhebt, soll wieder aufs Mittelmass heruntergeholt werden.» Zu einer Konzession ist Wiedemeier gleichwohl bereit. «Wir überlegen uns, wie wir die Verleihung der Extrapreise etwas diskreter und zügiger gestalten können, damit sie nicht mehr so viel Platz einnehmen.»

Philip Funk, Anwalt bei Voser Rechtsanwälte und einst selber Schüler an der Kanti Wettingen, betont, dass sich das Engagement der Kanzlei an der Kanti Wettingen – und auch an der Kanti Baden – nicht nur auf finanzielle Mittel beschränke. «Mit Fallbesprechungen, Vorstellen des Anwaltsberufes oder Gerichtsbesuchen engagieren wir uns kostenlos für die Ausbildung der Mittelschüler.» Und: Neben dem Extrapreis von 1000 Franken überweise man der Schule jährlich weitere 2000 Franken.