Würenlingen

Ein Fasnachts-Muffel unter 17'000 Närrinnen und Narren – ein Erfahrungsbericht

In Würenlingen ging am Sonntag der grösste Fasnachtsumzug des Aargaus über die Bühne. Mittendrin war auch unser Redaktor, der mit der Fasnacht eigentlich nicht viel anfangen kann. Doch er hat die Narrentreiberei in der Fasnachtshochburg überlebt – und am Ende doch ein bisschen lustig gefunden.

Redaktionssitzung, irgendwann Ende 2019. Das Thema: Fasnachtsumzug in Würenlingen. Der grösste des Kantons. Die Diskussion darüber interessiert mich mässig, in Gedanken bin ich bereits beim Morgenkaffee, den ich mir nach der Sitzung gönne. Darum merke ich auch nicht, dass plötzlich alle Augen auf mich gerichtet sind. «Wie siehts bei dir aus?», fragt der Chef – und katapultiert mich damit ins mögliche Horror-Szenario, die fasnachtsbegeisterte Kollegin bei der Liveberichterstattung aus dem Mekka der Aargauer Narrentreiberei zu unterstützen.

Dazu muss man wissen, dass ich nie ein Freund der Fasnacht war. Schon als Kind nicht. Zu tief sitzen die schmerzlichen Erinnerungen. Etwa an das peinliche Clownskostüm mit der roten Lockenperrücke, in das ich jedes Jahr wieder gesteckt wurde. An die dicke weisse Schminke, die sich wie ein Gummianzug anfühlte. Und an den Neid auf die anderen Kinder, die als Cowboy oder Pirat mit Revolver und Schwert an den Umzug durften.

Verzweifelt ringe ich um Ausreden. Ein Zahnarzt-Termin an einem Sonntag Ende Februar? Unwahrscheinlich. Ein Indiana Jones-Filmmarathon im Fernsehen? Schlechte Entschuldigung. Natürlich fällt mir nichts ein und ich sitze zwei Monate später im Zug nach Fasnachtshausen.

Mittendrin: Kostproben vom Würenlinger Fasnachtsumzug 2020 für Aug und Ohr

Mittendrin: Kostproben vom Würenlinger Fasnachtsumzug 2020 für Aug und Ohr.

 

«Fasnacht ahoi»

Unsicher, was mich erwartet, hefte ich mich an die Fersen der fasnachtsbegeisterten Kollegin. Sie stellt mich André Wenzinger vor, dem Präsidenten der Fasnachtsgesellschaft. Ein bisschen Fasnachts-Smalltalk. Dann geht es weiter ins Restaurant Sternen. Auch hier scheint die Kollegin alle zu kennen, ich lächle einfach freundlich. Im Estrich der Beiz richten wir die Kamera für unseren Livestream ein, dann stürzen wir uns ins Getümmel.

Gespannt auf den Umzug: der Fasnachtsmuffel und die Fasnachtsbegeisterte.

Gespannt auf den Umzug: der Fasnachtsmuffel und die Fasnachtsbegeisterte.

Drei Böllerschüsse krachen durch den Himmel, der Umzug beginnt. Allen voran der Fasnachts-Präsident von vorhin, der in die Menge winkt und allen fröhlich «Fasnacht ahoi» zuruft. Dann greift die erste Guggenmusik in die Vollen – und ich beginne tatsächlich etwas mitzuwippen. Es hat schon etwas, wenn eine Horde Fasnächtler aus allen Rohren bläst und kräftig auf die Pauke haut. 

Dann schleichen die ersten Fasnachtswagen vorbei, etwa Harry Potters Hogwarts Express der «ARGE Schwanz» Würenlingen oder der gigantische Doppelstöcker-SBB-Zug der «Chäppelibööge», ebenfalls aus Würenlingen. Grosses Kino liefert auch die «Reederei» Würenlingen. Unter dem Motto «En Kaiman mit Biss und de Aargau het Schiss» realisierten die Fasnachtsgruppe einen gut vier Meter hohen Alligator aus rund 4'000 PET-Flaschen. Und mit einer riesigen Heuschrecke im Burger-Brötchen thematisieren die «wuerlikids» das Ungeziefer als Fleisch-Alternative und bieten die Krabbeltierchen gleich frittiert zum probieren an. Da lassen wir uns natürlich nicht zweimal bitten – auch wenn sie dann doch nur fade und langweilig schmecken. 

Im Zeitraffer: zwei Stunden Fasnachtsumzug Würenlingen 2020 in zwei Minuten

Der Zeitraffer für Eilige: zwei Stunden Fasnachtsumzug Würenlingen 2020 in zwei Minuten.

Rauchspeiende Spinnen und Datenkraken

Auch die nachfolgenden Fasnachtswagen-Bauten beeindrucken. Das Breitenquartier Würenlingen schockt die Besucher mit einer übergrossen, rauchspeienden Spinne. Und «Keller und Meier's Kinder» zelebrieren den Strichcode, der heuer 70-Jahre-Jubiläum feiert. Hier ertappt man mich, wie ich ein Foto der sinnbildlichen Datenkrake schiesse und lande in einem der Einkaufswägeli. Am Förderband des Fasnachtswagen werde ich durchgescannt. «Danke für deinen Einkauf», sagt die Fasnächtlerin, ehe sie mich wieder in die Freiheit entlässt. 

Ich fühle mich gut, wohl nicht zuletzt, weil nun auch langsam das Bier wirkt. Ich erfreue mich weiter an den imposanten Fasnachtswagen, etwa dem Aladin-Wagen der Würenlinger Bachsplitter mit der riesigen Wunderlampe, dem überbreiten Pickup-Truck der Höll-Höckler, der sich mit wummernder Rockmusik seinen Weg durch die feiernde Meute bahnt oder dem gigantischen Grammophon der Dorfbachsörpfler, welche die goldenen 20er Jahre wieder aufleben lassen. 

Zwei Stunden Fasnacht pur: der Würenlinger Umzug 2020 in voller Länge

Für Fans und Geniesser: der Würenlinger Umzug 2020 in voller Länge

 

Mein persönliches Highlight folgt allerdings gegen Schluss des Umzugs. Meine fasnachtsbegeisterte Kollegin plante nämlich schon lange, mich in eines der Konfetti-Bäder am Umzug werfen zu lassen. Als sie jedoch eine der Umzugsgruppen um den bösartigen Gefallen bittet, landet sie prompt selbst in der bunten Badewanne. Natürlich amüsiere ich mich köstlich, während ich ihre Not für die Ewigkeit fotografisch festhalte. 

Die fasnachtsfreudige Kollegin etwas mitgenommen nach dem Konfetti-Bad.

Die fasnachtsfreudige Kollegin etwas mitgenommen nach dem Konfetti-Bad.

So schnell die Würenlinger Fasnacht ungewollt in mein Leben trat, so schnell ist sie auch wieder vorbei. Kurz nach 16 Uhr schreitet die letzte Guggenmusik, der letzte Fasnachtswagen vorbei. Mein Job ist getan, ich kehre in mein trautes, fasnachtloses Leben zurück. Und doch gestehe ich: ein bisschen lustig war es schon. Vor allem die Kollegin im Konfetti-Bad. 

Viele weitere Bilder vom grossen Umzug:

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