Kunst am Bau

Ein Feigenblatt für die sensiblen Badener

Kunst im öffentlichen Raum sorgt in der Stadt Baden schnell einmal für rote Köpfe – heute genauso wie vor hundert Jahren.

Selten gehen die Meinungen in der Stadt Baden so extrem auseinander wie jüngst: Als der Künstler Kilian Rüthemann im Juni seinen «Stack» (engl. Stapel) vor der Cordulapost am Schulhausplatz aufbaute, war der Aufschrei gross. Die Säule aus 520 schwarzen Gummimatten wählte eine Jury vor drei Jahren als künstlerischen Beitrag für den mittlerweile sanierten Schulhausplatz – notabene die meistbefahrene Strassenkreuzung im Aargau – aus.

Allerdings wusste vor der Installation kaum jemand etwas von dem Kunstwerk, und nicht zuletzt die Kosten von 60'000 Franken sorgten in Baden für rote Köpfe. Im Vergleich zu den Gesamtkosten des Schulhausplatz-Umbaus (rund 100 Millionen Franken) erscheint der Betrag allerdings nicht mehr ganz so gross. Und viele Badenerinnen und Badener haben das Werk mittlerweile ins Herz geschlossen. Neu ist die Aufregung um Kunst im öffentlichen Raum jedenfalls nicht.

Vor genau 100 Jahren waren die Badener ähnlich empört, als der skandalumwitterte Bildhauer Hans Trudel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Vase auf dem Brunnenstock vor dem Haus zum Löwen eben durch einen Löwen aus Stein ersetzte. Er brüllt seither mit aufgerissenem Maul gegen den Stadtturm (gegen die Obrigkeit) und streckt seinen Hintern provokant gegen die Stadtkirche. Im katholischen Baden kam das gar nicht gut an.

«Rein erzieherische Frage»

Der Zürcher Hans Trudel, der eigentlich als Maschinenkonstrukteur zur Brown, Boveri & Cie. nach Baden kam, provozierte die braven Badener Bürger immer wieder mit seiner Kunst. 1925 schuf er während eines Atelieraufenthalts in Rom den ersten von zwei «Flügelmännern», die er sich als Brückenfiguren für die neue Hochbrücke über die Limmat erdacht hatte. Die Skulptur wurde noch im selben Jahr im Hof der Aargauischen Gewerbeausstellung in Baden gezeigt und 1929 auf Veranlassung des Verkehrsvereins auf einem hohen Sockel aus Jurakalk auf dem Theaterplatz aufgestellt.

An ihrer schönen neuen Brücke wollten die Badener das nackte Fabelwesen aber nicht sehen. Das katholisch-konservative, in Baden gedruckte «Aargauer Volksblatt» schrieb: «Ein Kampf um die Statue Trudels auf dem Theaterplatz ist in grossen Kreisen unserer Bevölkerung entstanden. Es handelt sich dabei nicht um Meinungsverschiedenheiten über den Kunstwert des ‹Fliegers› – denn an diesen Werten zweifelt niemand –, sondern um die bedeutende, verantwortungsvolle, rein erzieherische Frage: ‹Ist es im Interesse der heranwachsenden Jugend, an einem öffentlichen Spielplatz eine nackte männliche Gestalt an weit sichtbarem Standort aufzustellen?›» Die Leserbriefe waren damals wie heute zahlreich.

Das Feigenblatt kommt ins Museum

Entschärft wurde die Situation schliesslich mit der Montage eines Feigenblatts. Erst 1941 beschloss die Gemeindeversammlung der Stadt Baden, den Flieger für 10'000 Franken anzukaufen. Bei der Neugestaltung des Theaterplatzes 1972 wurden der Kalksteinsockel durch eine Betonröhre ersetzt und das Feigenblatt auf persönliche Anordnung des damaligen Stadtschreibers und späteren Regierungsrates Victor Rickenbach wieder entfernt. An seinen jetzigen Standort hoch über dem Bahnhofplatz kam der «Flieger» 2001.

Das Feigenblatt wird ab September in der Ausstellung «Aufbruch! – Love, Peace und Frauenstimmrecht» im Historischen Museum zu bewundern sein. Es ist ein Relikt des neuen Zeitgeistes nach 1968.

Spaghetti beim Melonenschnitz

Apropos Historisches Museum: Einen ähnlichen Aufschrei wie 1929 gab es in Baden auch 64 Jahre später: Als der in Wettingen geborene Künstler Eric Hattan (mittlerweile ist er rund um den Globus erfolgreich) 1993 seine Metallskulptur vor dem Neubau des Museums, dem «Melonenschnitz», installierte, war die Empörung erneut gross in der Stadt. Lustiges Detail: Die Kosten für die Kunst am Bau waren damals genau gleich gross wie für den «Stack».

In der Chronik der Badener Neujahrsblätter heisst es mit spöttischem Unterton: «Als ‹künstlerischer Schmuck› wird ein 60'000 Franken teures, 27 Meter langes gekrümmtes Stahlrohr als mit Rostschutzfarbe getarnte Spaghettischlange aufgestellt.»

Bis heute ist das im Volksmund nur «Spaghetti» genannte Werk ohne Titel umstritten. Manchen Badenern fällt die filigrane Skulptur über dem Fluss gar nicht mehr auf, andere ärgern sich noch immer, und wieder andere haben sie schon längst ins Herz geschlossen.

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