Baden
Ein früherer Stift wird Chef bei der Augenoptik Kuhn: «Ich gehöre schon fast zum Inventar»

Dieser Tage feiert die Augenoptik Kuhn am Theaterplatz sein 60-Jahre-Jubiläum. Das Badener Optik-Fachgeschäft will dieses Jubiläum mit einem Führungswechsel zelebrieren. Nach gut 20 Jahren im Unternehmen wird Thomas Frei die Geschäftsführung zum Jahreswechsel übernehmen und das Geschäft in die vierte Generation führen.

David Rutschmann
Merken
Drucken
Teilen
Zumindest als Inhaber setzt sich Urs Bächli (rechts) zur Ruhe und macht Platz für Thomas Frei.
4 Bilder
Alberto und Hedy Kuhn im Arbeitsalltag um 1974.
Der «optische Gemischtwarenladen» an der Badstrasse 34.
Alberto Kuhn gründete das Geschäft vor 60 Jahren.

Zumindest als Inhaber setzt sich Urs Bächli (rechts) zur Ruhe und macht Platz für Thomas Frei.

Severin Bigler

«Kuhn» ist kein Familienunternehmen, seit mehr als 40 Jahren trug kein Geschäftsführer mehr diesen Namen. Doch trotzdem versteht man sich als familiäres Unternehmen.

Obwohl er erst 41 Jahre alt ist, sagt Frei über sich: «Ich gehöre schon fast zum Inventar.» Sein halbes Leben habe er bei Kuhn verbracht, mit Unterbrechungen durch die Meisterschule, das Militär und andere Arbeitgeber arbeitet er seit 23 Jahren dort. Dabei sei er ursprünglich zufällig in die Optikerlehre «reingerutscht» − der Vater von drei Kindern ist selbst «rechtsichtig», braucht also keine Brille.

Die Freude am Handwerk habe ihn dazu gebracht, bei Kuhn reinzuschnuppern. Wegen der Vielseitigkeit des Berufs zwischen technischer, medizinischer und therapieübergreifender Präzision, dem Kontakt zu Menschen sowie modischem Know-how blieb er und begann 1996 seine Ausbildung.

Bereits der zweite ehemalige Lehrling, der das Geschäft übernimmt

«Vom Stift zum Chef» hat bei Kuhn Optik gewisse Tradition: Frei übernimmt von Urs Bächli, ebenfalls bereits seit seiner Ausbildung bei Kuhn Optik − im Gegensatz zu Frei allerdings «fehlsichtig», was man an der markanten Brille erkennt. Bächli übernahm die Geschäftsführung 2001 mit dem Standortwechsel an den Theaterplatz. Den alten Standort an der Badstrasse 34 hatte zuvor während 25 Jahren Rolf Beck geführt.

An jener Stelle hatten Alberto und Hedy Kuhn Anfang November 1960 ihren «optischen Gemischtwarenladen» gegründet. Alberto Kuhn hatte sein Wissen an der Fachschule für Augenoptik im ostdeutschen Jena erworben, war Geschäftsführer eines grossen Optik-Fachgeschäfts im sizilianischen Palermo gewesen.

Bei Kuhn Optik trafen sich die italienischen Gastarbeiter

Sein Laden in Baden war in den 60ern und 70ern auch für die italienischen BBC-Gastarbeiter eine Bereicherung. Urs Bächli, der 1978 seine Ausbildung startete, erinnert sich: «Es war immer viel los, eine sehr familiäre Atmosphäre.» Mit einem Lachen fügt er an: «Aber die Luft war qualmig, denn es wurde sehr viel geraucht.»

Den Gründer Alberto Kuhn lernte Urs Bächli nicht mehr kennen: Er war 1976 überraschend gestorben. Doch Rolf Beck, der bereits vier Jahre nach der Gründung als Augenoptikermeister im Unternehmen begonnen hatte, übernahm die Geschäftsführung und führte den Laden seit 1981 im Sinne Alberto Kuhns weiter.

Alberto Kuhn gründete das Geschäft vor 60 Jahren.

Alberto Kuhn gründete das Geschäft vor 60 Jahren.

zvg

Inhaber Rolf Beck wurde als «Herr Kuhn» angesprochen

Beck sei oft als «Herr Kuhn» angesprochen worden, so stark habe man ihn mit dem Unternehmen verbunden, sagt Urs Bächli. Diese Ideale und Mentalität haben Auswirkungen bis heute: Nie habe man sich überlegt, das «Kuhn» aus dem Namen zu streichen, so Bächli. Die Überlegung, was die Kuhns machen würden, präge noch heute sein Handeln.

Dazu gehört: Auch als Geschäftsführer im Laden präsent und für die Kunden da zu sein, Teil des Teams zu sein. «Die Kunden kommen also nicht zu Bächli oder zu Frei, sondern zu Kuhn, und Kuhn sind alle im Team», drückt es Verena Bächli-Voit aus, die ihren Mann strategisch und operativ unterstützt. Die Kundenbindungen sind für den «Kuhn-Spirit» wichtiger als Verkauf um jeden Preis. Aus diesem Grund habe er gewisse Überlegungen, Zweigstellen des Optikergeschäfts, immer wieder verworfen. «Ich kann ja nicht an zwei Orten gleichzeitig sein», sagt der Noch-Inhaber.

Denn mit 13 Mitarbeitenden und vier Therapieräumen ist Kuhn ein vergleichsweise grosses Optik-Fachgeschäft. Doch Bächli hebt lieber hervor, dass das Unternehmen keiner Einkaufsgruppierung angehört, schweizweit als einer von wenigen Optikern komplett unabhängig und inhabergeführt auftritt. Die handverlesenen Lieferanten sollen wenn möglich aus der Schweiz kommen.

Bis 2050 braucht wohl die Hälfte aller Menschen eine Brille

Diese Grundwerte will auch Thomas Frei als designierter Inhaber beibehalten. Die berufliche Neuausrichtung von Verena Bächli-Voit hat auch ihren Mann Urs zum Kürzertreten bewogen. Der 58-Jährige freut sich, als Mitarbeiter des Unternehmens nun wieder mehr Zeit für seine Kunden zu haben. Frei übernimmt das Unternehmen in spannenden Zeiten.

Bis 2050 soll mehr als die halbe Weltbevölkerung fehlsichtig sein − klar, schliesslich wird unser Sehorgan zunehmend durch Bildschirm-Reizüberflutungen belastet. Entsprechend attraktiv wird der Optiker-Beruf bleiben.

Dieser Fakt spiegelt sich auch im innerstädtischen Erscheinungsbild wider: Nebst Kuhn tummeln sich mittlerweile acht weitere Optiker in Baden. «Unser Geschäft ist trotz der Konkurrenz immer gewachsen. Die Umsatzreduktionen, die wir zum Teil selbst befürchtet haben, konnten wir umgehen, indem wir Nischen und eigene Strategien gefunden haben können», so Urs Bächli.