Baden
Ein genialer Thriller für die Lachmuskulatur

Das Kurtheater-Publikum weinte Tränen bei «Die 39 Stufen». Das Landestheater Tübingen hat den Hitchcock-Thriller auf die Bühne gebracht.

Rosmarie Mehlin
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Verräterin und Verfolgter unter einer Bettdecke.

Verräterin und Verfolgter unter einer Bettdecke.

David Graeter

Der Name Alfred Hitchcock ist gleichsam ein Synonym für Spannung und Thrill. Zig Mal erlebt: Mit schweissnassen Händen tief in den Kinosessel gedrückt, kaum noch in der Lage das Ragusa oder Popcorn zu kauen, atemlos und gebannt auf James Stewart, Grace Kelly, Antony Perkins, Doris Day starrend ... Und nun Hitchcock auf der Bühne. Als Film habe ich «Die 39 Stufen», 1935 von Sir Alfred nach dem Roman seines Landsmanns John Buchan gedreht, nie gesehen. Also habe ich mich vor dem Theaterbesuch, Wikipedia sei Dank, mit dem Inhalt vertraut gemacht.

Vertraut ist masslos übertrieben, dazu ist die Geschichte viel zu vertrackt: Spionage, Geheimagenten, politische Verstrickungen, ein schrecklicher Mord, Verfolgungsjagden, eine gemeine Verräterin – uff – wer blickt da noch durch? Vermutlich hat dies am Freitagabend kaum ein Zuschauer im Kurtheater. Andererseits hat sich bestimmt niemand gelangweilt, obwohl weder Gruseln noch schweissnasse Hände angesagt waren. Dafür umso mehr tränende Augen – vor lauter Lachen!

Vom Spion zur Fledermaus

Hitchcock hatte die Geschichte mit zehn Schauspielern verfilmt. Das Landestheater Tübingen bringt sie mit vier auf die Bühne. Davon spielt nur einer den ganzen Abend dieselbe Rolle: Martin Bringmann gibt den gelangweilten Lebemann Richard Hannay, der in einen mörderischen Strudel von Verwechslungen und Intrigen gerät, mit britischen Understatement. Vor allem aber tut er dies komisch überhöht, schräg und verquer wie die ganze geniale Inszenierung von Kai Festersen ist und wie auch die drei weiteren Schauspieler agieren.

Sie schlüpfen teilweise schneller von einer Rolle in eine andere, als eine Windbö einem den Hut vom Kopf reisst. Laura Sauer begeistert als mysteriöse «femme fatale» ebenso, wie als schottische Bauersfrau und als Verräterin. Heiner Kock brilliert in 15 Rollen – darunter auch zweimal als eine Misses – Andreas Gugliemetti verwandelt sich gar 19 Mal. Die beiden Schauspieler reissen aber nicht «nur» als Conférencier, Genie, Spion, Vertreter für Dessous und weitere Figuren mit, sondern auch als Dornbusch, Kuh, Fledermaus, Felsspalte, Fluss.

Gekonnt tänzelnd

Der Fantasie und dem Einfallsreichtum des Regisseurs sind ebenso keine Grenzen gesetzt, wie dem komödiantischen Temperament und der unbändigen Spiellust der vier Schauspieler. Gekonnt tänzelnd auf dem schmalen Grad von Komik, Satire und Parodie, stürzen weder Regie, noch Darsteller je ab in den Sumpf von billigem Klamauk. Ergänzt von bestechenden Einfällen der Bühnen- und Kostümbildnerin Beate Zoff, hat das LTT dem Badener Publikum einen, von der ersten bis zur letzten Minute atemberaubend mitreissenden und urkomischen Abend beschert, der mit langem und begeisterten Applaus verdankt wurde.