Noch nie war ich in Madrid, aber Madrid war schon bei mir. So einfach lief dies aber nicht ab und ist nicht ganz wörtlich zu nehmen. Vorerst muss ich die Zeit wieder zurückdrehen.

1939, mit fünfzehn Jahren, direkt nach der Bezirksschule, besuchte ich ein bekanntes Institut in Montreux. Neues Leben, neue Horizonte und neue Sprache. Schüler aus Frankreich, Deutschland, Belgien und Österreich. Ein Kleinstadtjunge aus Baden riecht an der Welt. Voll Erwartung und Neugierde genoss und studierte ich diese ungekannten Verhältnisse. Fast spielerisch nahm ich mein Umfeld war; der Ernst des Lebens schien noch weit entfernt-Eines Tages machte eine Nachricht im Institut die Runde: Der Prado sei in Genf zu sehen. Obwohl noch sehr jung, war mir das weltbekannte Madrider Museum ein Begriff. Der Grund, dass der Prado in Genf zu sehen war, lag am spanischen Bürgerkrieg. Franco, der Diktator von Spanien, hatte mit tatkräftiger deutscher und italienischer Hilfe die damalige Regierung besiegt und die Macht ergriffen. Ein letzter Kraftakt der besiegten Regierung brachte den Prado dadurch in die Schweiz, nach Genf.

Wie konnte ich aus dem streng geführten Institut ausbrechen, um die Gemälde des Prados anzuschauen? Nur dieser Wunsch beschäftigte mich. Geld war sehr knapp und auch Zeit und Erlaubnis fehlten. Ein etwas älterer Mitschüler, der blonde Ruben Ehrenreich aus Colmar, versprach, mir zu helfen. Er hatte eine gute Verbindung zum Rektor und brachte es tatsächlich zu meinem Erstaunen fertig, für uns einen Museumstag zu erreichen. So weit, so gut. Aber wo war das Geld, für den Eintritt würde es noch langen, aber für den Rest nimmermehr. Er wisse einen Ausweg meinte Ruben und besorgte in der Küche Proviant für einen Tag. Früh am Morgen machten wir uns auf den Weg. Spöttisch fragte ich Ehrenreich, ob wir zu Fuss die Reise unternehmen wollen. Ich werde schon sehen, versprach er und erklärte mir gekonnt, dass man Autos anhalten könne, um von ihnen mitgenommen zu werden, trampen nenne man diese Prozedur. Es funktionierte tatsächlich.

An einer Ausfallstrasse stoppte auf unser Winken ein schwarzer Citroën und nahm uns auf. Es reichte aber nicht bis Genf, wir mussten noch ein zweites Fahrzeug anhalten, das uns dann bis in die Stadt brachte. Wir fragten uns zum Museum durch, Rubens Muttersprache war ja Französisch und bald standen wir vor dem Kunsttempel. Mein erster Museumsbesuch stand bevor. Ein Gefühl wie vor der Konfirmation nahm mich gefangen, nur mit weniger Lampenfieber. Der Eintrittspreis war damals noch erschwinglich. Ehrfürchtig betraten wir endlich die heiligen Hallen.

Ein Meer von Gemälden, Träumen und Dramatik, lebendige Vergangenheit offenbarte sich uns. Wir hatten schon lange nichts gegessen, aber die Idee unsere Schau mit so etwas Realem zu unterbrechen kam uns gar nicht in den Sinn. Und immer wieder kehrte ich zu den eindrücklichen und seelenvollen Werken des Künstlers El Greco zurück, die er in Spanien geschaffen hatte. Wir vergassen Zeit und Raum. Doch die Schlussklingel des Museums, es war schon später Nachmittag geworden, brachte uns in die Wirklichkeit zurück.

Wie berauscht, verliessen wir diese neuentdeckte Welt, um uns auf den Heimweg zu begeben. Mein Kopf war erfüllt vom Erlebten und Geschauten. Der Heimtramp lag vor uns. Wir brauchten nicht lange zu warten und ein freundlicher Fahrer nahm uns auf. Diesmal auf eine andere Tour, unser Chauffeur fuhr auf der französischen Seite des Genfersees. Über Evian ging es nun, wo gerade in diesem Jahr die erfolglose Flüchtlingskonferenz stattfand, mit dem Thema, was die Welt mit den von den Deutschen verjagten Juden machen solle. Diese Geschichte realisierte ich noch nicht richtig, heute muss ich sagen, Gott sei Dank. Wir sassen nun schon im dritten Auto, das uns nun bis Montreux bringen sollte. Ehrenreich suchte seinen Hunger zu stillen und ass vom Reiseproviant, aber bei mir war der Kopf noch so voll, dass ich meinen leeren Magen gar nicht spürte. Ruben war inzwischen an meiner Schulter eingeschlafen, als wir spät in der Nacht Montreux erreichten.

Im obersten Stock des Instituts befand sich, über eine wacklige Hühnertreppe zu erreichen, ein kleines, abgeschrägtes und vergessenes Kämmerlein. Dort hatte ich schon ab und zu an die Wand gemalt und aus dem kleinen Dachfenster den Genfersee bewundert. Schon am nächsten Tag, bei der ersten Gelegenheit huschte ich hinauf und malte El Grecos an die Wände. Vielleicht, wenn das Haus noch steht, könnte man noch heute meine einfachen und noch ungelenken El Grecos bewundern.