Berge von Büchern stapeln sich auf dem Tisch – kleine, grosse, farbige und schlichtgehaltene. Einige der Werke sind an der Wand zur Ansicht auf Holzlatten aufgereiht. Es sind keine literarischen Bücher, die im Showroom des Verlags Kodoji Press im Merker-Areal zu sehen sind, sondern Fotografie- und Kunstbücher.

Der Gründer des Verlags, Winfried Heininger, lebt seit 13 Jahren in Baden und ist unterdessen ein bekanntes Gesicht in der Stadt. Unter einem Stapel kramt er eines der Bücher hervor: «Displacement Island» von Marco Poloni. In diesem Werk geht es um die Insel Lampedusa, auf der jährlich Tausende von Flüchtlingen aus Afrika stranden. «Der Künstler hatte die Arbeit schon vor Jahren fertiggestellt und wir konnten sie nun endlich dieses Jahr als Künstlerbuch realisieren und herausgeben», sagt der 51-Jährige.

Eine lose visuelle Erzählung des Künstlers kombiniert Ferienbilder aus dem Familienalbum, Bilder diverser Touristenflyer, Nasa-Aufnahmen, Filmstills, eigene Fotografien und Agenturbilder, um das zwiespältige Leben auf der Ferieninsel künstlerisch nachzuzeichnen, wie der Verleger erklärt.

«Ich möchte etwas lernen oder einen neuen Blickwinkel auf etwas erhalten, wenn ich ein Bild oder eine Serie von Bildern betrachte», sagt Heininger. Er wolle keine einfache Darstellung der Wirklichkeit sehen, denn die Wirklichkeit sei oft genug erzählt und erschöpfe sich meist in den immer selben Motiven. Dieser künstlerische Ansatz habe ihm zunehmends gefehlt, als er neben seiner Selbstständigkeit als Gestalter mit einem Freund eine Buchhandlung für Fotografie- und Kunstbücher führte.

Als sie die Buchhandlung 1999 in Köln gründeten, wollten sie ein Zentrum für alle wichtigen Fotografie- und Kunstinteressierten werden – was ihnen auch gelang. «Wir waren keine normale Buchhandlung. Wir wollten Künstler und ihre Arbeiten vermitteln.» In den 2000er-Jahren wurden mehr und mehr Bücher herausgegeben und der Markt für Kunstbücher wurde regelrecht überschwemmt.

«Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr zufrieden, mit dem was wir machten und ich wollte neue Wege beschreiten.» So verliess er 2006 die Buchhandlung und gründete ein Jahr später seinen eigenen Verlag Kodoji Press. Ungefähr acht bis zehn Künstlerbücher gibt er pro Jahr heraus, mit einer Auflage zwischen 500 und 5000 Stück – sie sind meist ausverkauft.

Heininger nimmt ein weiteres Buch vom Gestell. Es ist orangefarben und trägt den Titel «40 Jahre Kernspaltung». Ein Buch mit einer amüsanten Entstehungsgeschichte, wie sich herausstellt: «Der Fotograf Peter Tillessen aus Zürich verlor eine Wette mit seinem besten Freund – wer mit 40 Jahren weniger Kinder hat, kreiert dem anderen 40 Kunstwerke», erzählt Heininger und schmunzelt.

So fotografierte Tillessen Exkremente von Erdwürmern auf einem Friedhof in Zürich. «In seinem Atelier sah ich die Abzüge seiner Arbeit an der Wand und kam auf die Idee, seine Fotos mit dem Buch ‹40 Jahre Kernspaltung› zu kombinieren.» So sei ein hybrides Buch entstanden, das Homogenität vorgaukle. Tatsächlich sieht man dem Buch auf den ersten Blick nicht an, dass hier Bestandteile miteinander verwoben sind, die ursprünglich gar nicht zusammengehörten: Verschiedene Fotografien, Teile aus «40 Jahre Kernspaltung», ein Text von Darwin über die Funktion von Erdwürmern und ein Text von Tillessen, in dem der Fotograf seine Kindheit im Atomzeitalter und als Sohn eines Atomingenieurs beschreibt.

Wie seine Bücher ist auch Heininger ein Unikat. In der lokalen Bevölkerung ist er bekannt, doch über seine Berufsbezeichnung ist man sich uneins: Ist er nun Verleger, Buchhändler, Grafiker, Mode- oder Interiordesigner?

Fakt ist: Er war in allen Bereichen schon tätig. Nach der Ausbildung als Schildermaler machte er sich bald selbstständig, unterstützte verschiedene Designer im grafischen Bereich oder beschäftigte sich mit Interiordesign, machte Stoffdesign bis hin zur Mode. Apropos Modedesign: Er entwarf und entwickelte gemeinsam mit der Badenerin Joan Billing das Bekleidungskonzept für ungefähr 3500 Mitarbeiter der Expo 02. Dies hat ihn schliesslich nach dem Gewinn des Wettbewerbs 2001 von Köln nach Baden geführt.

In eine Berufskategorie einteilen lassen möchte er sich aber nicht. «Ich bezeichne mich als Gestalter», erklärt er schlicht. Er habe das Glück oder Pech gehabt, nie Grafiker gelernt zu haben. «Dadurch bin ich nicht schulisch geprägt, sondern kann machen, was ich will und lasse mich nicht von Regeln einschränken.» Nicht nur in seinem Berufsleben vermeidet er Kategorisierungen: Höhe- oder Tiefpunkte in seinem Leben mag er nicht definieren.

Sein Wissensdurst und seinen Drang, immer Neues zu entdecken, treiben ihn stetig weiter. Er hasse den Stillstand, erklärt Heininger sein vielfältiges Schaffen: «Ich muss immer wieder Neues anpacken, das mich herausfordert und mir neue Erfahrungen beschert.»

Dies gilt nicht nur für den beruflichen, sondern auch für den privaten Bereich – so zum Beispiel beim Kochen. «Ich bin zwar viel unterwegs – aber kochen und ein gutes Glas Wein trinken tu ich immer gerne», sagt Heininger und schmunzelt. «Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch.»

Das Ausgefallene zieht sich hin bis zum Namen des Verlags – Kodoji Press. Auf diesen Namen stiess er in Tokyo, als sie mit der Buchhandlung einen Vortrag in der Millionenmetropole hielten.

Im Nachtviertel Golden Gai besuchten sie eine Künstlerbar, die nur knapp zehn Personen Platz bietet. Die Bar trug den Namen Kodoji. «Fotografien von bekannten Künstlern hingen an den Wänden und neben der Toilette stand ein Regal mit Publikationen, die damals schon vergriffen waren und ungeheuren Wert hatten», schwärmt Heininger. Der Name der Bar habe im gefallen, weshalb er seinen Verlag so benannte.

Die Bedeutung von «Kodoji» habe er erst später erfahren. «‹Kleiner Schnitzer, kleiner Fehler›, das fand ich sehr treffend, denn Fehler müssen wir alle machen, um in der Arbeit und im Leben weiterzukommen.»

Den Vertrieb seiner Bücher übernimmt Heininger selbst: Er reist um die ganze Welt, um die Bücher und Arbeiten seiner Schweizer Künstler und Künstlerinnen direkt vorzustellen. «Durch diesen Eigenvertrieb schaffe ich eine höhere persönliche Verbundenheit und Anbindung an den internationalen Buchhandel, die Kuratoren, Sammler und Institutionen – und kann ich den gesamten Kreis schliessen», sagt er und ergänzt: «Ich bin mehr ein Vermittler von künstlerischen Arbeiten als ein Verlag.»

Wie auch schon mit der Buchhandlung meidet er die regulären Vertriebskanäle bewusst, um den Buchhandel zu unterstützen – ansonsten würden die Bücher automatisch bei Amazon zu Discountpreisen angeboten. «Ich gestaltete früher schon Bücher für Künstler anderer Verlage – sie waren bei Amazon mit 25 Prozent Rabatten erhältlich, bevor ich auch nur einen Strich daran gemacht habe.» Diese alternative Vertriebsart sei aber aufwendig. «Ohne eine geregelte Finanzierung beispielsweise durch eine Stiftung wird es schwierig.» Finanzielle Unterstützung zu suchen, sei eine Aufgabe, die er sich für das kommende Jahr gestellt habe. Ans Aufhören denkt er nach wie vor nicht: «Der Spass an der Arbeit überwiegt den Druck.»