Die vor 125 Jahren gegründete Brown Boveri & Cie, aus der 1988 ABB hervorging, hat viele Pionierleistungen erbracht. 1893 etwa baute das Unternehmen in Frankfurt das erste für Wechselstrom konzipierte thermische Grosskraftwerk Europas oder 1923 den ersten Abgasturbolader für einen Dieselmotor.

Weniger erwarten würde man vom Schweizer Industrieriesen eine Vorreiterrolle im Bereich der externen Kinderbetreuung. Und doch: Schon ein halbes Jahrhundert ist es her, seit BBC in Baden die erste Kinderkrippe eröffnet hat.

Hintergrund dafür war die von vorwiegend aus Italien stammenden Gastarbeitern und deren soziale Situation als Neuankömmlinge in der Schweiz. Nachdem für die aktiven und pensionierten Mitarbeiter schon viel getan worden sei, könne «nun auch für die Kleinkinder der Werkangehörigen gesorgt werden», erklärte der Personaldirektor an der Eröffnungsfeier laut Überlieferung in der Firmenzeitung.

Die erste Krippe einer Firma

Revolutionär war das Angebot nicht, ein gemeinnütziger Frauenverein etwa betrieb in Zürich schon Jahrzehnte früher Kinderkrippen. «Aber für Firmen», sagt Jeannette Good, «war das neu.»

Die ehemalige Primarlehrerin leitet den 1996 aus dem Konzern ausgelagerten selbsttragenden Verein ABB-Kinderkrippen seit dem Jahr 2002. Die Zahl der betreuten Kinder hat sich seither von 190 auf rund 900 mehr als verfünffacht. Den Grossteil der Kitas betreibt der Verein im Kanton Aargau, womit er – bei insgesamt rund 4300 Plätzen – der grösste hiesige Anbieter ist.

Die Anstossfinanzierung, die der Bund seit 2003 gewährt, mag die steile Entwicklung begünstigt haben. Vielmehr noch aber natürlich die sozialen Veränderungen. «Kinder brauchen für ihre Entwicklung andere Kinder», sagt Good. Und nach dem Ende der Grossfamilie scheint die Kita für diese Aufgabe prädestiniert zu sein. Heute wisse man, «dass Krippenkinder sozial, emotional und fachlich stark gefördert werden».

Die Geschäftsführerin macht jedoch auch einen Gegentrend aus. «Es gibt junge Leute, die sich wieder vermehrt am traditionellen Familienmodell orientieren», sagt sie. Gleichzeitig nehme die Teilzeitarbeit zu. Die Kinder werden heute im Schnitt an drei Wochentagen in die Krippe gebracht. «Das Zuteilen der Plätze ist manchmal so kompliziert wie ein Flugzeug zu buchen.»
Nicht nur in dieser Hinsicht war es wohl einfacher, vor 50 Jahren eine Krippe zu betreiben.

1966 kamen im «Chinderhuus» in Baden auf die 40 Kinder fünf Betreuerinnen: eine Leiterin und, so die damalige Firmenzeitung, «ihre liebenswürdigen Gehilfinnen». Für die gleiche Kinderzahl benötigt Good heute 16 Vollzeitangestellte mit teilweise tertiärer Ausbildung.
Allzu nostalgisch ist Jeannette Goods Blick zurück trotzdem nicht. «Dank der Regulierung weiss ich genau, wie viele Leute und wie viele Quadratmeter ich pro Krippe brauche, das macht die Planung einfacher», sagt sie.

Längst keine «Häfelirunde» mehr

Auch die Fortschritte, welche die Forschung in der frühkindlichen Bildung in jüngster Zeit machte, möchte sie nicht missen. «Das Kind bestimmt heute viel stärker, was seine Bedürfnisse sind und darf diese in einem geschützten Rahmen umsetzen», so Good. Die sogenannte Häfelirunde etwa, mit denen die Kinder früher in der Gruppe der Windel entwöhnt wurden, wäre heute undenkbar. Auch die Organisation des Mittagstisches hat sich verändert: Statt Einheitsbrei wählen die Kinder in den ABB-Kinderkrippen aus dem Essensangebot aus und schöpfen es sich auch selber.

Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse haben auch die Einrichtung der Krippen verändert. «Bei uns stellt sich kein Jö-Effekt mehr ein», sagt Good. Also: alles sec, keine Puppen-Ecke und keine herzigen Dekorationen. Die Reizüberflutung hemme die Entwicklung der Kinder, weiss Good. Alles Material sei deshalb in Kisten verpackt und «es gibt nichts Fertiges mehr»: «Die Kinder müssen selber gestalten und Lösungen entwickeln.»

Ist das ein Rezept, um künftige ABB-Techniker «heranzuziehen»? Natürlich sei dies nicht das Ziel, meint Good schmunzelnd. «Aber wenn Kinder aus Klötzen einen Turm bauen und dieser 20-mal umfällt, merken sie irgendwann, dass sie den grössten Klotz zuunterst platzieren müssen. Das ist Physik, da fängt es an.» Aus ABB-Krippenkindern können also durchaus ABB-Mitarbeiter werden. Und in der fünfzigjährigen Geschichte der Institution ist das sicher das eine oder andere Mal passiert.