«Brummifahrerin» ist – so stand es vor einer Woche in der «Schweiz am Sonntag» zu lesen – ganz klar der Berufswunsch der 14-jährigen Jungjournalistin Mandy Ott. Andy Zuber aus Stetten hatte sich diesen Wunsch vor 23 Jahren erfüllt und die dreijährige Lehre als Lastwagenchauffeur absolviert. So wie damals, ist der bald 40-Jährige auch heute noch Feuer und Flamme für seinen Beruf. «Mein Grossvater hatte eine Zimmerei in Stetten, aber mein Vater wollte nach der Lehre zum Zimmermann Lastwagenfahrer werden und mir ist es genau gleich ergangen.»

Andy Zuber, ein besonnener Mann mit einem Hauch von Schalk in den Augen, fährt die Woche hindurch jeden Tag mit seinem 40-Tönner quer durch die Schweiz: «Ich transportiere Seecontainer ab dem Rheinhafen Basel vorwiegend in die Inner- und die Ostschweiz.» Sein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr in der Früh und endet spätestens um 18 Uhr. Obligatorisch muss er nach viereinhalb Stunden Fahren jeweils eine 45-minütige Pause einlegen.

8 Stunden von Haus zu Haus

Am Samstag und gestern war Zuber von 16.30 Uhr bis 20 Uhr kreuz und quer durch Stetten im Einsatz. Allerdings nicht am Steuer seines Brummis, sondern zu Fuss mit wallendem weissem Haar und ebensolchem Rauschebart. Mit hellem, langem Gewand, rotem Mantel, roter Mitra und Stola, in der Hand einen goldenen Stab besuchte er am Samstag, am Tag des Heiligen Nikolaus, fünf Familien und war an der Adventsfenstereröffnung dabei. Auch am Sonntagabend besuchte er fünf Familien. «Insgesamt wurden 19 Kinder von mir gelobt, das eine oder andere auch ein bisschen getadelt und alle haben mir selbstverständlich ein Sprüchli aufgesagt.»

Mit derselben Begeisterung, mit der Andy Zuber seinen Beruf ausübt, ist er auch seit 20 Jahren als Samichlaus unterwegs und war es davor bereits vier Jahre lang als Schmutzli gewesen, «weil ich Menschen gern habe». Angefangen hatte es in der Jugendgruppe Stetten. Deren Mitglieder, zwischen 16 und 25 Jahre alt, waren während vieler Jahre, wenn die Zeit gekommen war, in die Gewänder des Bischofs von Myra und seines Knechts geschlüpft. «Die Kostüme waren schon sehr alt und entsprechend unansehnlich. Als auf Initiative unseres damaligen Seelsorgers Josef Hollinger 2002 die Chlausgruppe Stetten gegründet wurde, war die Beschaffung neuer Kostüme vordringlich.»

Als Startkapital konnte der Verein von der katholischen und der reformierten Kirchengemeinden sowie der politischen und Ortsbürger Gemeinden 2000 Franken zusammentrommeln. «Eine Schneiderin aus Bremgarten – der Name ist mir leider entfallen – hat uns für diesen Betrag die ersten Garnituren, zwei rote Chläuse und vier Schmutzli, genäht.»

Tadel muss nicht unbedingt sein

An der Gründungs-GV war Andy Zuber zum Präsidenten von der Chlausgruppe Stetten gewählt worden und er ist immer noch im Amt. «Wir sind heute 29 Mitglieder. Aktiv unterwegs zu Besuchen von Kindergarten, Schulen, Familien und traditionsgemäss den über 80-Jähren im Dorf, sind jeweils 8 Samichläuse und 21 Schmutzli. Für den Chlauseinzug haben wir seit ein paar Jahren drei Esel. Cindy, Poccina und Zeno, die uns vom Reusspark Gnadenthal zur Verfügung gestellt werden. Es hatte allerdings sehr viel Geduld und Ausdauer gebraucht, bis wir die Drei an uns und ihre Aufgabe gewöhnt hatten», schmunzelt Zuber.

Im Hinblick auf das Ereignis verteilt der Verein jeweils Anmeldezettel. Darauf müssen die Eltern, sofern sie den Besuch des Samichlaus wünschen, die Namen und das Alter der anwesenden Kinder, ihre Stärken und Schwächen notieren. Der Chlaus schreibt, was er zu welchem Kind sagen will, in sein grosses rotes Buch.

«Es gibt von uns aus aber keine Garantie, dass wir genau so loben oder tadeln, wie die Eltern es wünschen. Manche denken offenbar, der Samichlaus könne ihr Kind zu dem machen, wie sie es gerne hätten. Aber besonders beim Tadeln sind wir zurückhaltend. Wenn ich sehe, dass ein Kind Angst hat, nehme ich mir die Freiheit, gar nichts Negatives zu sagen.» Nach dem Einteilen der Besuche, werden die Eltern telefonisch benachrichtigt. Pro Abend sind in Stetten jeweils drei Samichläuse mit Schmutzli unterwegs. «Sollte ein Kind sich wundern, wenn es mehr als einem Chlaus begegnet, so stellt jeder sich als ‹Mitarbeiter vom Samichlaus› vor.»

«Wär bin i denn susch?»

Gut vorbereitet und schlagfertig sein, beobachten und situativ reagieren können – das seien, so Zuber, die wichtigsten Voraussetzungen für einen Samichlaus: «Das Amt ist recht anstrengend. Während der Schmutzli die Atmosphäre rundherum locker geniessen kann, muss der Samichlaus sehr konzentriert sein. Er schaut dem Kind, zu dem er spricht, in die Augen und sieht nicht, was um ihn herum passiert. Der Schmutzli kann, wird uns etwas zu Essen oder Trinken angeboten, problemlos zugreifen. Bei mir hingegen ist die Gefahr gross, dass ich den Bart vollkleckere. Trinken geht nur mit Röhrli», seufzt Zuber lachend. Und was, wenn ein Lausbub keck sei und zu ihm sage «du bisch doch gar nit dr Samichlaus», dann stellt Zuber ganz cool die Gegenfrage. «Wär bin i denn?» Das funktioniere prima.

Auch nach 20 Jahren ist Samichlaus Andy kein bisschen amtsmüde. Seine Frau Miriam sorgt als gelernte Coiffeuse, dass Bart und Perücke immer sauber sind. Und wie ist das mit der heute 14-jährigen Tochter Leandra? Mit einem eigenen Haus-Samichlaus dürfte es ihr schon von klein auf schwergefallen sein, an den Mann im roten Gewand zu glauben. «Als Leandra sechsjährig war, bin ich mit ihr in die Sakristei gegangen, wo alle unsere Kleider gelagert werden, und habe ihr gesagt, wie es ist. Sie hat es prima aufgenommen und der Samichlaus besuchte sie auch die folgenden zwei Jahre. Dieses Jahr ist mir Leandra mir zum ersten Mal als Schmutzli zur Seite gestanden.»