Auf dem Flipchart in Ralph Eismanns Coaching-Praxis stehen drei Fragen: «Wer bin ich?» «Was kann ich?» und «Was will ich?». Klingt eigentlich simpel. Doch wenn man sich grundlegend neu orientiert, sind genau diese Fragen existenziell; und die Antworten darauf mit vielen Unsicherheiten verbunden. An der Wand hängt ein eingerahmter Spruch: «Dein Leben beginnt dort, wo Deine Komfortzone endet.» Und auch wenn diese Redensart etwas abgedroschen klingt, ist ihre Bedeutung für Eismann doch fundamental.

Denn wenn er Führungskräfte, Stellensuchende und Menschen trainiert und coacht, die mit ihrer aktuellen Situation unzufrieden sind, dreht sich immer wieder alles um dieses Thema. Eismann: «Wer in einer Krise steckt und gleich weitermacht wie bisher, verändert nichts. Einen neuen, unbekannten Weg zu gehen ist jedoch anfänglich oft mit enormen Ängsten und Schwierigkeiten verbunden. Auch wenn es langfristig der bessere ist. Viele klammern sich immer noch an ihre alten Verhaltensmuster, obwohl sie nicht mehr funktionieren.» In dieser Phase sieht sich der 52-Jährige als Motivator, Berater und Begleiter. «Egal, wie schwierig eine Situation auch sein mag, jeder Mensch kann neue Perspektiven finden und die Situation verbessern», ist er überzeugt. Betont jedoch gleichzeitig: «Die Bereitschaft zur Veränderung muss da sein. Sonst geht gar nichts.» Und: «Menschen, die andere für ihre Probleme verantwortlich machen und ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen, kommen nicht weiter.»

Partnerschaft ging in die Brüche

Eismann, der heute in Nussbaumen lebt, hat seine eigene Komfortzone schon mehrmals verlassen. Als ältester Sohn einer Hotelierfamilie aus dem bayerischen Chiemgau, hätte er eigentlich die seit 130 Jahren und fünf Generationen bestehende Familien-Tradition weiterführen sollen. Doch er wollte eine Horizonterweiterung und stieg 1997 als Assistant Manager im damaligen Casino Baden ein. Mit Anfang 30 absolvierte er ein Wirtschaftsstudium in München. Nach dem Studium kehrte er als Bereichsleiter zur Spielbank Baden zurück. Der Vater der 13-jährigen Leela war unter anderem im Bereich Prävention für Geldwäscherei tätig und gab Workshops und Trainings für Casino-Mitarbeiter.

Alles lief gut, 2012 kam dann der Schock: «Bei einer Routineuntersuchung entdeckten die Ärzte ein 5 Zentimeter grosses Karzinoid in der Lunge.» Der Tumor wurde in zwei Operationen vollständig entfernt. Eismann verlor einen Lungenlappen und damit verbunden einen Drittel seiner Atemkapazität. Die Rekonvaleszenzphase dauerte beinahe ein Jahr und war schwierig. Auch wenn der athletische 1,90 Meter-Mann mit den stahlblauen Augen heute als endgültig geheilt gilt und fit wirkt, ist er seit seiner Krankheit nicht mehr derselbe: «Schon am Tag meiner Diagnose wusste ich, dass ich meinen Job im Casino aufgeben werde. Ich wollte in meiner verbleibenden Lebenszeit einfach mehr bewirken als bisher.»

Alle Lebensthemen kamen auf den Prüfstand, mit teilweise schmerzhaften Konsequenzen. Auch die damalige Partnerschaft ging in die Brüche. Wie rappelt man sich aus einem solchen Tief wieder auf? «Wenn einem der Krebs brutal die Endlichkeit der Existenz vor Augen führt, macht man keine Kompromisse mehr», meint Eismann. Deshalb schiebt er auch die Erfüllung seiner Träume nicht mehr auf die lange Bank. Er lernt zurzeit Gleitschirmfliegen und hat an der Euro-Fernhochschule in Hamburg mit dem dreijährigen Masterstudium «Business Coaching und Change Management» begonnen. Der Schritt in die Selbstständigkeit ist bis zum heutigen Tag eine grosse Herausforderung. Aber Eismann ist ein unerschütterlicher Optimist und Kämpfer, egal welche Schwierigkeiten sich ihm entgegenstellen. Dabei hilft ihm ein pragmatisches Zitat des amerikanischen Industriellen Henry Ford oft weiter: «Egal ob Du denkst, Du kannst es – oder Du kannst es nicht: Du wirst in jedem Fall Recht behalten!»