Mellingen
Ein Sitz im Gemeinderat wird frei - doch keiner will ihn erobern

Im Reussstädtchen fehlt das Politikinteresse: Ein parteiunabhängiges Forum könnte helfen.

Sabina Galbiati
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EMANUEL PER FREUDIGER

Während in Baden ein Wahlkampf mit drei Stadtratkandidaten für einen Sitz tobt, sucht auch das Reussstädtchen nach einem Ersatz für Gemeinderätin Daniela Koller (Parteilos). Am 18. Oktober sollte gewählt werden. Doch bis zum Anmeldetermin Anfang September hat sich kein einziger Kandidat für das Amt gemeldet. Dabei wären alle grossen Parteien in Mellingen vertreten. Der Gemeinderat setzt sich aus zwei FDP-Mitgliedern, einem SVP-Mitglied und zwei Parteilosen zusammen. Die Zusammensetzung wäre ein Steilpass für CVP und SP; auch die SVP könnte einen zweiten Gemeinderat stellen. Warum nutzen die Parteien ihre Chance nicht?
«Wir haben in der CVP Kandidaten gesucht, aber keine gefunden», sagt Alt-Gemeindeammann und CVP-Mitglied Peter Zürcher. «Die älteren Mitglieder hatten schon ein Amt inne, und die wenigen Jungen engagieren sich im Vorstand der Partei und den Ausschüssen», sagt Zürcher.
Bei der jungen SP-Sektion Mellingen-Wohlenschwil-Mägenwil stellt sich die Frage nach einem Kandidaten derzeit noch nicht. «Weil wir uns erst im Mai vor einem Jahr gegründet haben, waren wir bis vor Kurzem mit dem Aufbau unserer Vereinsstrukturen beschäftigt», sagt Sektionspräsident Joris Egger. «Zudem sind unsere Mitglieder derzeit beruflich und schulisch stark eingebunden.»
Arg steht es im Moment um die SVP. Die Ortspartei hat zwar verhältnismässig viele Mitglieder, doch diese wollen nicht einmal in den eigenen Vorstand. «Die Parteimitglieder sind nicht mehr so engagiert und zeitlich flexibel wie früher», sagt Roger Fessler, letzter Vorstandspräsident der Mellinger SVP. «Weil wir mit René Furter als Gemeinderat, mit Giuseppe Aleo in der Schulpflege und mit mir in der Finanzkommission in der Gemeinde gut aufgestellt sind, ist ein zweiter Sitz im Gemeinderat nicht unser primäres Ziel», sagt Fessler.
Politische Schicht fehlt
Nicht nur fehlen den Parteien die willigen Kandidaten, Zürcher beobachtet die Politik in Mellingen schon seit Jahrzehnten. «Dem Städtli fehlt die politische Schicht», sagt er, «Leute die sich engagieren und die politische Diskussion in der Öffentlichkeit führen». Er bringt die Situation bildlich auf den Punkt: «Wenn man hier politisiert, steht man im luftleeren Raum». Joris Egger bestätigt diesen Eindruck und sagt: «Politik und Städtli scheinen getrennt zu sein.» Deshalb habe man auch die Partei gegründet. «Unser Ziel ist es, dass sich die Leute wieder beteiligen, auch wenn es nicht in unserer Partei ist», sagt Egger.
Warum in Mellingen kaum Politik stattfindet, kann Zürcher nicht erklären: «Mir fällt aber auf, dass früher gemeindepolitische Themen auch in den Vereinen diskutiert wurde, was die Diskussionen und Aktionen in den Parteien bereicherte». Heute würden in den Vereinen gemeindepolitische Themen kaum noch anklang finden, vermutet Zürcher. «So finden auch wichtigste Anliegen der Öffentlichkeit keinen Widerhall.» Ihm fällt zudem auf, dass die Gemeinderäte früher aktiver auf die Bevölkerung zugegangen seien, «und dadurch bei den Leuten präsenter waren». Man habe sich an der Fasnacht beteiligt oder im Verein, heute hätten die Gemeinderäte wegen ihrer verschiedenen Engagements dafür gar keine Zeit mehr. «Das hat zum Sterben der politischen Diskussionen zumindest teilweise beigetragen», sagt Zürcher. SP-Egger sieht eine Chance bei den alteingesessenen Parteien. «Hier wäre mehr Präsenz in der Bevölkerung und im Städtli wünschenswert», sagt er. «Die Parteien müssen sich unters Volk mischen und Diskussionen auslösen».
Fessler übt Kritik an der Entwicklung des Städtchens: «Wenn Siedlungen wie das ‹Neugrüen› mit fast 200 Wohnungen gebaut werden, holt man Leute in die Gemeinde, die mit dem Dorf nichts zu tun haben und sich nicht mit dem Ort identifizieren.» Er ist überzeugt: «Wenn man Einfamilienhäuser oder attraktivere Eigentumswohnungen gebaut hätte, hätte man zwar weniger Einwohner, dafür Leute, die hier bleiben und einem Verein beitreten, der Feuerwehr oder eben einer Ortspartei.»
Ein Forum für alle
SVP-Fessler ist wie SP-Egger und CVP-Zürcher überzeugt, dass es eine politische Diskussion im Städtli braucht, damit sich auch wieder Leute für ein Gemeinderatsamt interessieren. «Doch mit Parteipolitik ist man in einer Gemeinde fehl am Platz», sagt Fessler. Es brauche viel mehr eine offene Diskussion und gute Zusammenarbeit, damit eine Gemeinde vorwärtskomme. Er sieht die Chance in einem Dorfforum, wie es Fislisbach erfolgreich organisiert. «Am Forum können alle interessierten Einwohner teilnehmen und mitreden. Egal, ob sie in einer Partei sind oder nicht.» Egger findet die Idee gut, «aber sie könnte am fehlenden Interesse der Einwohner scheitern».
Wer sich am 18. Oktober doch noch wählen lassen will, müsste sehr kräftig die Werbetrommeln schlagen. Ohne dass sein Name auf dem Wahlzettel steht, müsste er oder sie das Absolute Mehr erreichen. Wahrscheinlicher ist, dass es einen zweiten Wahlgang geben wird.

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