In Gebenstorf lebt kantonsweit die grösste Gruppe von Assyrer-Aramäern. Dabei handelt es sich um ein Volk christlichen Glaubens, das in Syrien, der Türkei, dem Irak und in Iran beheimatet ist. Rund 60 Familien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in Gebenstorf angesiedelt, in der Region Baden insgesamt rund 500 Menschen.

Am Sonntag ereignete sich aus ihrer Sicht Historisches: Der Papst bezeichnete die Gräueltaten der osmanisch-türkischen Herrschaft, die vor genau hundert Jahren passierten, als Völkermord. Dabei nannte Franziskus als Opfer neben den Armeniern explizit auch die Assyrer.

«Unsere Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei grosse, unerhörte Katastrophen erlebt», sagte der Papst. Der Genozid am armenischen Volk – aber auch an anderen christlichen Völkern im Osmanischen Reich, wie den Assyrern – sei der erste, so der Papst. Die beiden anderen Tragödien seien vom Nationalsozialismus und Stalinismus verursacht worden.

«Die Äusserungen des Papstes sind ein wichtiger Schritt in Richtung Wahrheit», sagt Musa Konutgan (34), Vizepräsident des assyrisch-aramäischen Kulturvereins in Gebenstorf. «Denn vor hundert Jahren wurde nicht nur an den Armeniern ein Genozid verübt, sondern gleichzeitig auch an unserem Volk und den Pontus-Griechen.»

Doch die internationale Gemeinschaft habe es bisher mehrheitlich verpasst, dies anzuerkennen. Zwar anerkannte beispielsweise der Schweizer Nationalrat 2003 die Massaker an den Armeniern als Genozid. Im gleichen Jahr wurde aber eine Motion knapp abgelehnt, die auch die Massaker an den Assyrern als Völkermord taxieren sollte.

Auch der Bundesrat hatte sich dagegen ausgesprochen, unter anderem mit der Begründung, die Annahme der Motion könnte einen negativen Einfluss auf den politischen Dialog mit der Türkei haben. Die Türkei hat den Völkermord an den Armeniern und den Assyrern bisher nicht anerkannt, sondern spricht von einer Tragödie und Umsiedlungsaktion unter Kriegsbedingungen.

Papst spricht von Armenier-Genozid

Papst spricht von Armenier-Genozid

«Dass der Papst nun explizit auch unser Volk als Opfer des Völkermords bezeichnet hat, ist ein starkes Zeichen und gibt uns Hoffnung, dass demnächst noch weitere Staaten dies offiziell anerkennen werden, wie letzte Woche beispielsweise die Niederlande», sagt Musa Konutgan.

Leugnung und Verharmlosung von Genoziden würden Tyrannen und Diktatoren ermutigen, auf solche menschenverachtende Methoden zurückzugreifen. «Deshalb darf unsere Tragödie nicht in Vergessenheit geraten.»

Bei den assyrisch-aramäischen Christen in Gebenstorf seien die vergangenen Massaker und Verfolgungen ein omnipräsentes Gesprächsthema. «Deshalb gedenken wir alljährlich am 24. April dem Völkermord.»

Unbehagen wegen Islam-Zentrum

Dass die Wunden noch nicht verheilt sind, zeigte sich in den vergangenen Monaten in der Region gleich mehrfach. Zum Beispiel sorgt das geplante Islam-Zentrum, das in Gebenstorf gebaut werden soll, bei syrischen und türkischen Christen für Unbehagen.

«Vor allem unsere älteren Mitglieder sind beim Gedanken daran gefühlsmässig in Aufruhr und in Sorge», erklärte Konutgan letzten Herbst gegenüber dem «Badener Tagblatt». «Denn sie sind zum Teil von radikalen Muslimen aus ihrer Heimat vertrieben worden. Und auch heute wieder sind manche unserer Verwandten auf der Flucht, diesmal vor Mitgliedern des Islamischen Staates (IS).»

Bemerkbar machten sich die Assyrer-Aramäer aus der Region auch diesen Januar, als sie in Baden gegen den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Ahmed Davutoglu protestierten beziehungsweise «gegen die Unterdrückungspolitik der Türkei».