Fislisbach

«Ein Teil des sozialen Gefühls geht verloren»: Die Seniorenpost und der Kampf gegen den Datenschutz

Die Seniorenpost hat eine Auflage von 3700 Stück und erfreut sich grosser Beliebtheit. Nun aber sorgt eine Neuerung für Knatsch -  Edith Saner versucht zu schlichten.

Die Seniorenpost hat eine Auflage von 3700 Stück und erfreut sich grosser Beliebtheit. Nun aber sorgt eine Neuerung für Knatsch - Edith Saner versucht zu schlichten.

Seit Jahren werden in der Seniorenpost des Alterszentrums am Buechberg in Fislisbach die persönlichen Daten aller Jubilare veröffentlicht – nun soll damit Schluss sein. Aus Datenschutzgründen wird die Seite mit den Geburtstagskindern auf einmal gestrichen, ein Interessenkonflikt ist längst entbrannt.

Sie umfasst Porträts, Geschichten und Interviews. Auf sechzehn Seiten dreht sich in der Seniorenpost des Alterszentrums am Buechberg alles um den Alltag der Rentnerinnen und Rentner. Verschlungen wird sie von Fislisbach bis nach Stetten. Ganz besonders der mittlere Bund der Zeitschrift mit den Gratulationen an die über 80-jährigen Jubilare. «Gerade diese Rubrik macht die Seniorenpost so beliebt, dass man sie wirklich drei Monate aufbewahrt, nämlich bis die nächste Ausgabe erscheint», schreibt Josy Schuppisser aus Niederrohrdorf in einem Leserbrief.

Ausgerechnet dieser Teil soll nun für immer aus der Zeitschrift verschwinden. Schrecklich findet Frau Schuppisser das. Und sie ist nicht alleine. Von Fislisbach bis nach Stetten herrscht bei vielen Seniorinnen und Senioren Empörung über die Entscheidung. Edith Saner, Verwaltungsratspräsidentin des Alterszentrums, zeigt für den Unmut der Pensionierten Verständnis. Doch verweist sie an die Gemeinden weiter. «Aufgrund der neuen Datenschutzverordnung dürfen wir nur persönliche Daten veröffentlichen, deren Einwilligung den entsprechenden Personen vorliegen, was in der Kompetenz der Gemeinden ist», sagt Saner.

Während die Redaktoren der Seniorenpost zuvor mit Daten aus den Gemeinden Bellikon, Birmenstorf, Fislisbach, Künten, Niederrohrdorf, Oberrohrdorf, Remetschwil und Stetten gefüttert wurden, ist nun Schluss damit. Auf Anfrage bestätigt die Gemeinde Fislisbach den Stopp der Datenweitergabe. Nach Absprache mit Gunhilt Kersten, der kantonalen Beauftragten für Öffentlichkeit und Datenschutz, fällten über die Hälfte der acht betroffenen Gemeinden diesen Entschluss gemeinsam.

Auf einmal gelangen heikle Daten an die Öffentlichkeit

Jede Weitergabe sei letztlich strengstens zu prüfen. Erst wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind, dürfen Daten an Private ausgehändigt werden. Ist eine zusätzliche Veröffentlichung der Daten durch Dritte geplant, so muss vor der Publikation eine Einverständniserklärung der jeweiligen Personen vorliegen. Weil alleine in der Gemeinde Fislisbach von über 200 Personen eine Einwilligung eingeholt werden müsste, wird nun auf die Weitergabe der Daten an das Altersheim verzichtet.

Es handle sich schliesslich um heikle Angaben, die nicht mehr länger derart öffentlich kursieren sollen, heisst es vonseiten der Gemeinde Fislisbach. Bei einer Auflage von um die 3700 Heften ist der Personen- und Datenschutz in der Tat kaum gewährleistet.

Nach der Devise «Alles oder nichts»

Anders wurde das Ganze in Niederrohrdorf geregelt. Jeweils Anfang Jahr wurde an die betroffenen Seniorinnen und Senioren ein Fragebogen verschickt. Dort konnte angekreuzt werden, ob eine Publikation in der Seniorenpost, aber auch in der Bergpost, dem amtlichen Publikationsorgan der Gemeinde, gewünscht sei. Diese Regelung war bis auf Widerruf gültig, die Umfrage wurde alle fünf Jahren wieder durchgeführt. Im vergangenen Jahr wurden 47 Personen angefragt, über die Hälfte davon stimmte einer Veröffentlichung in der Seniorenpost zu. Trotzdem werden auch die Geburtstage dieser Seniorinnen und Senioren nun nicht mehr in der Seniorenpost veröffentlicht. Das Alterszentrum agiert in diesem Fall nach der Devise «Alles oder nichts». 

Viele Seniorinnen und Senioren, allen voran Schuppisser, wollen trotzdem nicht so leicht aufgeben. Für Schuppisser dient die Seniorenpost letztlich auch als eine Art Agenda. Kein Jubilar verschwindet bei ihr unter dem Radar. Mit einem Besuch, einem Telefonat oder einer schönen Karte macht sie den Geburtstagskindern Tag für Tag eine Freude. Dass diese nun wegbleiben soll? Unvorstellbar.

Nicht zum ersten Mal wollen sich die Leserinnen und Leser der Seniorenpost nun zusammentun. Bereits 2018 riefen sie zum Protest auf, als die Gemeindeversammlung Niederrohrdorfs die Kürzung des Beitrags in Höhe von 5000 Franken für die Seniorenpost veranlasste. Damals sprang das Altersheim in die Bresche – seither wird das Magazin allen acht Gemeinden im Einzugsgebiet gratis zugestellt.

Der grosse Protest verfehlt seine Wirkung nicht

Jetzt sind die Leserinnen und Leser aber selbst gefordert. «Wenn es Seniorinnen und Senioren gibt, die den Service weiterhin wünschen, müssen sie die notwendigen Schritte mit der zuständigen Gemeinde besprechen», sagt Edith Saner vom Alterszentrum am Buechberg.

Dass durch Eigeninitiative nicht auf die Seite mit den Jubilaren nicht verzichtet werden muss, zeigt auch Gunhilt Kersten auf. Es sei eine Einwilligung der betroffenen Personen einzuholen, eine Veröffentlichung sei dann problemlos möglich.

Sie merkt an, wie wichtig die Einhaltung des geltenden Datenschutzgesetzes ist: «Der Sinn des Gesetzes ist es, die Persönlichkeit aller Menschen zu schützen. Nur dann, wenn es für die jeweilige Aufgabenerfüllung zwingend notwendig ist, darf man gegen den Willen einer Person ihre Daten veröffentlichen», erklärt Kersten. Weil das in diesem Fall nicht gegeben ist, sei eine Veröffentlichung ohne Einwilligung eine Verletzung geltenden Rechts.

Dass sich nun immer mehr Gemeinden verstärkt um den Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger und deren Daten kümmern, sieht sie als positiv an. Etwas anders sehen die Seniorinnen und Senioren, die sich gegen die Streichung der Seite einsetzen, die Entwicklung. «Datenschutz hin oder her. Wir verlangen, dass die Geburtstage weiterhin in der Seniorenpost erscheinen», sagt Josy Schuppisser.

Seine Wirkung hat der Protest Seniorinnen und Senioren nicht verfehlt. So hat sich mittlerweile Gisela Greder, Gemeinderätin und Präsidentin des Seniorenrats Niederrohrdorf, der Sache angenommen. Nach einem an das Altersheim versandten Brief, dem darauffolgenden Gespräch mit der Leitung und den daraus gewonnenen Erkenntnissen will Greder nun nach möglichen Lösungen suchen. Auch sie ist sich der Wichtigkeit der Jubilarenseiten bewusst. «Es geht ein Teil des sozialen Gefühls unserer Seniorinnen und Senioren verloren, weil man sich so sehr auf die Datenschutzgründe beruft», sagt sie.

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