Baden
Ein türkischer Vater sieht rot und schlägt zu

Das Bezirksgericht Baden verurteilt einen 56-jährigen wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu einer teilbedingten Strafe.

Rosmarie Mehlin
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Der 56-Jährige wurde zu einer teilbedingten Strafe verurteilt. (Symbolbild)

Der 56-Jährige wurde zu einer teilbedingten Strafe verurteilt. (Symbolbild)

bz Basellandschaftliche Zeitung

Seit rund 20 Jahren lebt Abdullah (alle Namen geändert) in der Schweiz. 1994 wurde er hier eingebürgert. Aber die Tradition seiner Heimat, dass der Patriarch im Hause immer Recht hat, pflegte er weiter. Und als ihm seine Frau im Oktober letzten Jahres gesagt hatte, dass die 16-jährige Tochter Hüseyn seit zwei Jahren einen Freund habe, sah Abdullah rot. Vor allem, weil der um ein Jahr ältere Mauro Christ ist.

Abdullah schlug auf Tochter ein

Abdullah knöpfte sich Hüseyn unverzüglich vor. Aber nicht etwa verbal, nein, er ging mit einem Kochlöffel auf sie los, schlug sie mit Händen und Fäusten, stiess sie zu Boden und trat sie dort mit den Füssen in den Bauch, verfolgte die Flüchtende quer durch die Wohnung, würgte sie kurz, warf einen Bürostuhl gegen sie. Mit einem Zwei-Meter-Sprung aus dem Fenster konnte Hüseyn sich schliesslich in Sicherheit bringen.

Knapp zwei Tage sass Abdullah danach in U-Haft. Es war nicht das erste Mal, dass seine erzieherischen Massnahmen in rohe Gewalt ausgeartet waren.

Bereits als 10- und als 13-jährige hatte Hüseyn Vaters Fäuste und Füsse zu spüren bekommen, weil sie sich rund um die Schule nicht so verhielt, wie er erwartet hatte. Nach dem letzten Vorfall wurde Hüseyn in einer Pflegefamilie untergebracht und Eltern bis auf Weiteres die elterliche Gewalt entzogen.

«Eine grosse Hurerei»

Das Fass zum Überlaufen brachte dann aber im Dezember ein Telefongespräch zum Überlaufen. Da rief Abdullah eines Nachmittags Mauro auf dessen Handy an und redete eine Viertelstunde ohne Pause auf ihn ein. Er sagte unter anderem, es sei Mauros Schuld, dass Hüseyn nicht mehr nach Hause komme, und dass die Familie kaputt gehe. Was Hüseyn treibe, sei eine grosse Hurerei, sie habe eine Ehrverletzung begangen. Hüseyn sei bereits wie ein totes Kind für ihn. Gemäss seiner Religion müsse er sie wie ein Lamm auf der Strasse schlachten. . .

Er forderte Mauro auf, sich von Hüseyn zu trennen, dann würde niemandem etwas geschehen.

Pech für Abdullah war, dass Mauro mit seiner Mutter und Freundin im Auto sass, als er angerufen wurde und Hüseyn das ganze Gespräch mit ihrem Handy aufnahm. Abdullah wurde erneut festgenommen, diesmal aber in Sicherungshaft gesetzt, um zu vermeiden, dass er eventuell ausführt, womit er gedroht hatte.

In den fünf Monaten, die der 56-jährige nun hinter Gittern sitzt, scheint er sich vom Saulus zum Paulus gewandelt zu haben. Davon ist auch Hüseyn überzeugt. Vor Gericht beteuerte sie jedenfalls, dass sie nach Abschluss der Schule im Sommer wieder nach Hause wolle und inständig hoffe, dass der Vater dann auch wieder dort sei. «Es ist viel passiert, aber trotzdem ist und bleibt er mein Vater.»

Inzwischen seien Mauro und sie sich offiziell versprochen und Papa sei voll damit einverstanden. Solches versicherte Abdullah vor Schranken tatsächlich ausgiebig und wortgewaltig, durchmischt mit klagendem Weinen: «Mauro wird ein guter Schwiegersohn sein und meine Tochter ihm eine gute Frau.» Er sei nämlich, betonte Abdullah, «durchaus nicht fanatisch, so streng gläubig. Ich bin ein ganz normaler Mensch.»

Alle Schuld auf die Tochter geschoben

Die Staatsanwältin hatte ihn unter anderem der mehrfachen versuchten schweren sowie der einfachen Körperverletzung sowie der Nötigung angeklagt und forderte eine vierjährige Freiheitsstrafe: „Es ging ihm nur darum, sein Gesicht zu wahren. Darum hat er bei den Einvernahmen auch stets alle Schuld auf die Tochter geschoben." Abdullas Verteidigerin betonte, dass körperliche Züchtigung der Kinder in der Türkei nicht verboten sei und ihrem Mandanten deshalb diesbezüglich das Urechtbewusstsein fehle. Er habe rein aus Angst um das Wohlergehen seiner Tochter gehandelt und dabei auch unter dem Druck von Verwandten gestanden. Von den Vorwürfen der Körperverletzung sei er freizusprechen und wegen versuchter Nötigung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 5 Monaten zu verurteilen.

Das Gericht unter Vorsitz von Guido Näf sprach Abdullah weitgehend schuldig gemäss Anklage: «Trotz der in türkischen Familien herrschenden Traditionen - hier können so massiven Übergriffe nicht toleriert werden», begründete Näf. Obwohl das Gericht «etwas daran zweifle», dass Abdullah den Umschwung tatsächlich so komplett vollzogen hat wie er versichert, befand es den Strafantrag der Anklägerin als übersetzt: Zwei Jahre - eines davon bedingt auf zwei Jahre - so das Verdikt.